Wer sehen will, wie es derzeit um Griechenland bestellt ist, muss in die Küstenstadt Perama fahren. In dem idyllisch gelegenen Vorort von Piräus haben einst viele Einheimische im Hafen und in der Werft gearbeitet, als noch regelmäßig Waren eingetroffen sind und Handelsschiffe mit Containern in die weite Welt aufbrachen. Doch nun sind über 60 Prozent der heimischen Bevölkerung arbeitslos – ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft.

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In Perama hat die Hilfsorganisation Ärzte ohne Welt eine Anlaufstelle für Menschen eingerichtet, die sich keinen regulären Arztbesuch leisten können, weil sie nicht versichert sind. Und das werden immer mehr. Maximal ein Jahr lang erhalten die Griechen Arbeitslosenhilfe in Höhe von einheitlich 360 Euro im Monat, danach verlieren sie jede finanzielle Unterstützung. Gesundheitliche Leistungen müssen dann selbst bezahlt werden und viele Ärzte behandeln nur noch gegen Bargeld. Umso größer ist der Zulauf bei den ehrenamtlichen Ärzten der Hilfsorganisation. Auf den Fluren der Poliklinik stehen dicht gedrängt Arbeitslose, Jugendliche, auch Mütter mit Kindern auf dem Arm. Menschen, denen der Zugang zum Gesundheitssystem ohne diese Hilfe verwehrt bliebe.

Jeder dritte Grieche ohne Krankenschutz

Rund 3 Millionen Hellenen sind mittlerweile ohne Krankenversicherung, wie Ärzte der Welt am Montag in einer Pressemeldung berichtet. Das entspricht 27,2 Prozent der Bevölkerung. Vor allem für Schwangere und Kinder hat der fehlende Krankenschutz verheerende Folgen. Der Anteil der Totgeburten in Griechenland sei zwischen 2008 und 2011 um ein Fünftel gestiegen, viele kleine Kinder erhalten keine Impfung mehr.

“Was wir erleben, ist schockierend und beschämend: eine humanitäre Krise in einem Land der europäischen Union“, sagt Niklas Kanakis, Präsident der griechischen Abteilung von Ärzte der Welt, im Gespräch mit der Badischen Zeitung. Kinderärztin Anna Mailli ergänzt: „Am Schlimmsten trifft die Krise die Kinder.“

Viele kleine Patienten seien nicht nur akut krank, sondern chronisch unterernährt. Zudem würden immer mehr vernachlässigte, depressive und sogar misshandelte Kinder in die Praxen gebracht. Das sei kein Wunder, da viele Familien seit Monaten ohne Strom und ausreichende Nahrung leben müssten, berichtet Mailli. „Die Krise lässt immer mehr Familien zerbrechen, und die Kinder als Schwächste haben besonders zu leiden“.

Betroffen vom sozialen Abstieg ist zunehmend auch der Mittelstand. Laut einer Umfrage der griechischen Statistikbehörde sank das Durchschnittseinkommen der Mittelständler auf deutlich unter 800 Euro im Monat.

Troika und EU fordern weitere Einschnitte

Doch während in Griechenland immer mehr Menschen Not leiden, fordern EU und Troika neue Einschnitte von dem klammen Land. Zwar gab Griechenlands Parlament am Wochenende grünes Licht für Einsparungen in Höhe von drei Milliarden Euro für das Jahr 2014. Aber den internationalen Geldgebern aus IWF, EU-Kommission und Europäischer Zentralbank (EZB) gehen die Bemühungen nicht weit genug.

„Es wird immer schwieriger, weitere Maßnahmen voranzubringen“, warnte Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem am Montag in Brüssel.„Griechenland muss weitere Schritte zur Stärkung seiner Wettbewerbsfähigkeit machen“. Der Ende Januar benötigte Hilfskredit über eine Milliarde Euro wurde vorerst eingefroren. Es gebe noch „offene Punkte“ mit der Troika, sagte auch der amtierende Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Dienstag bei einem EU-Treffen, „aber insgesamt ist Griechenland auf einem guten Weg“. Die Geldgeber fordern unter anderem Privatisierungen im Rüstungssektor und die Entlassung von 15.000 Staatsbeamten bis Ende 2014.

Wirtschaftskraft Griechenlands sinkt weiter

Wie aber soll eine Volkswirtschaft wachsen, wenn weniger Finanzmittel für Investitionen zur Verfügung stehen? Wie soll die Nachfrage angekurbelt werden, wenn abertausende Menschen auf die Straße gesetzt werden, Erwerbstätigen der Lohn gesenkt wird und die Rentner niedrigere Altersbezüge erhalten? Laut Berechnungen der OECD verdienten griechische Angestellte in 2012 nur noch die Hälfte ihrer deutschen Kollegen und hatten ähnlich hohe Lebenshaltungskosten. Kann Sparen die alleinige Antwort auf die Krise sein?

Während die Troika ihre Krisenpolitik als Erfolg feiert, ist die griechische Wirtschaftsleistung laut Statistikamt Elstat in den letzten fünf Jahren um ein Viertel eingebrochen. Die Arbeitslosigkeit kletterte von unter zehn Prozent im Jahr 2008 auf einen Rekordstand von rund 28 Prozent im Jahr 2013. Als Zeichen der Erholung wird es bereits gewertet, dass die Volkswirtschaft des Landes derzeit weniger stark schrumpft als in den Jahren zuvor. Folglich mehren sich die kritischen Stimmen am Austeritätsdogma. "Wir wollen keine ungerechtfertigten Provokationen, die austesten, wie viel unsere Gesellschaft, Wirtschaft und Demokratie aushalten", warnte Griechenlands Außenminister Venizelos vor acht Tagen die Geldgeber.

Zudem fürchten Experten eine Deflation im Land: Waren und Dienstleistungen verbilligten sich im November 2013 im Vergleich zum Vorjahr um durchschnittlich 2,9 Prozent. "Das ist beispiellos für Griechenland", sagte Ökonom Nikos Magginas von der National Bank of Greece. "Eine lange Periode des allgemeinen Preisverfalls würde die Schuldendynamik des Landes noch verschlechtern."

Viele Menschen haben die Hoffnung auf ein besseres Leben bereits aufgegeben. Nach Daten der staatlichen Statistikbehörde ist die Zahl der Selbstmorde in Griechenland seit Beginn der Krise um 43 Prozent gestiegen - so viel wie nirgendwo sonst auf der Welt. Am 04. April 2012 setzte sich ein 77jähriger Rentner auf dem Athener Syntagmaplatz inmitten von Passanten eine Pistole an die Schläfe und drückte ab. Der pensionierte Apotheker hatte einen Zettel bei sich, auf dem geschrieben stand: "Ich will in Würde sterben, bevor ich im Müll nach Lebensmitteln suchen muss".