Die Mieten steigen, die Nebenkosten auch – und eine zunehmende Zahl an Bundesbürgern kann sich keine Wohnung leisten. Im Jahr 2012 waren 284.000 Menschen wohnungslos, berichtet die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAGW). Das sind so viele Menschen wie nie zuvor in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik.

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Besonders bitter: Von der Wohnungsnot sind auch viele Familien mit Kindern betroffen. Rund 32.000 Kinder und Jugendliche hatten keine feste Wohnung. Wenn die Betroffenen nicht bei Freunden oder Verwandten unterkommen, droht ihnen ein Leben auf der Straße. Und die Wohnungsnot nimmt weiter zu. Bereits in diesem Jahr rechnet die Bundesarbeitsgemeinschaft mit weit über 300.000 Wohnungslosen.

Angesichts dieser dramatischen Entwicklung fordert die BAWG von der neuen Bundesregierung einen Aktionsplan gegen Armut und Wohnungsnot. Dies sei auch deshalb notwendig, weil Menschen ohne Wohnung in vielen Lebensbereichen Ausgrenzung erfahren.

„Wer seine Wohnung bereits verloren hat, hat in Zeiten der Wohnungsnot kaum Chancen eine neue Wohnung zu finden. Wohnungslosen Bürgerinnen und Bürgern bleibt der Zugang zum Arbeitsmarkt versperrt, die Gesundheitsversorgung ist für sie nicht bezahlbar und wer erstmal ganz ohne Unterkunft auf der Straße ist, muss Gewalt und weitere Diskriminierung fürchten“, erklärte Winfried Uhrig, Vorsitzender der BAGW in Dortmund.

Steigende Mieten, sinkende Löhne in prekären Jobs

Die Gründe, warum jemand seine Wohnung verliert, sind vielfältig. Laut BAGW ist einer der Hauptursachen die Verknappung von bezahlbarem Wohnraum. In Großstädten wie Frankfurt am Main müssen Neumieter bis zu 30 Prozent höhere Mieten zahlen als ihre Vormieter, in Berlin immer noch 13 Prozent, wie aus Zahlen des Deutschen Mieterbundes hervorgeht.

Zwar stagniert die Bevölkerung, aber speziell die Zahl der Singles-Haushalte legte in den letzten Jahren deutlich zu. Das führte zu einer steigenden Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt und damit zu steigenden Preisen. Zudem ziehen immer mehr Menschen in die Ballungszentren, weil sie sich hier bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt ausrechnen. Derzeit fehlen nach Schätzungen des Mieterbundes bundesweit 250.000 Wohnungen.

Auch die steigende Verarmung der unteren Einkommensgruppen trägt nach Einschätzung der BAGW zur Wohnungsnot bei. Während immer mehr Menschen mit Mini- und Teilzeitjobs Vorlieb nehmen müssen, steigen Mieten und Nebenkosten hingegen stark an. Der Niedriglohnsektor habe sich in den letzten Jahren weiter ausgedehnt, klagt die BAGW. Auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen habe sich kaum verringert.

25.000 Zwangsräumungen in 2012

Wie die BAGW berichtet, hat es 2012 etwa 65.000 neue Wohnungsverluste gegeben, von denen 25.000 auf Zwangsräumungen zurückzuführen sind. Bei 40.000 Wohnungsaufgaben handelte es sich um sogenannte „kalte Wohnungsverluste", bei denen der Mieter einer Zwangsräumung zuvorkam und ohne entsprechendes Verfahren sein Heim verlassen musste. Aber auch hier seien häufig finanzielle Probleme die Ursache für die Wohnungslosigkeit. „Ein ausschließlicher Blick auf die Zwangsräumungszahlen verkennt das Ausmaß neu entstehender Wohnungslosigkeit“, sagte Thomas Specht vom BAGW.

Ein Ende der Wohnungsverluste sei nicht abzusehen, sollte es kein Gegensteuern geben. Bis 2016 prognostiziert die BAGW eine Zunahme der Wohnungslosigkeit um 30 Prozent auf dann 380.000 Menschen.

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Die BAGW fordert von der neuen Bundesregierung die Fortführung der sozialen Wohnraumförderung. "Als Sofortmaßnahmen muss das SGB II geändert werden, um eine Mietschuldenübernahme auch als Beihilfe zu ermöglichen. So können Wohnungsverluste gezielt verhindert werden", heißt es in einer Pressemeldung. Auch eine Mietpreisbremse und ein Ausbau des sozialen Wohnungsbaus wird angemahnt. Es bedürfe auch gezielter Förderprogramme, um die Folgen der energetischen Sanierung für einkommensarme Mieter aufzufangen.

BAG Wohnungslosenhilfe e.V.