Es wäre eine radikale Reform des Gesundheitssystems, die sogar über die Pläne zu einer Bürgerversicherung hinausgehen würde: Alle Bundesbürger organisieren sich in einer einzigen Krankenkasse. Während Gesundheitspolitiker die Einheitskasse mit Verweis auf den Wettbewerb ablehnen, findet die Idee in der Bevölkerung durchaus Fürsprecher. Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Leipziger Volkszeitung (Montag) sprechen sich 53 Prozent der Bundesbürger für eine Einheitskasse aus.

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Damit ist die Zahl der Befürworter im Vergleich zu 2010 sogar gestiegen. Vor drei Jahren hatten sich noch 51 Prozent für eine Einheitskasse erwärmen können. Im Westen ist die Zustimmung mit 51 Prozent etwas geringer als in den neuen Bundesländern, wo 60 Prozent der Bürger eine derartige Reform des Gesundheitssystems begrüßen würden. Durchgeführt hat die Umfrage das Leipziger Institut für Marktforschung unter 1.000 repräsentativ ausgewählten Bürgern aus dem gesamten Bundesgebiet.

Jeder zweite CDU-Wähler befürwortet die Abschaffung des dualen Gesundheitssystems

Überraschend waren die Ergebnisse der Umfrage mit Blick auf die Parteizugehörigkeit der Befürworter. Immerhin jeder zweite CDU-Wähler würde demnach eine Abschaffung des dualen Gesundheitssystems aus gesetzlicher und privater Krankenversicherung begrüßen. Eigentlich gelten die Christdemokraten als überzeugte Verfechter der privaten Krankenvollversicherung.

Dem entgegen plädieren bei Linkspartei und Grünen nur circa 60 Prozent für die Abschaffung der privaten Krankenversicherung. Auch unter den SPD-Wählern sprechen sich nur circa 50 Prozent für eine einschneidende Reform des Gesundheitssystems aus. Die Ergebnisse zeigen: Ob und wie das Gesundheitssystem reformiert werden soll, ist über alle Parteigrenzen hinweg umstritten.

Einheitsmodell bekannt aus DDR-Zeiten

Das Einheitskassenmodell ist in Deutschland bekannt aus DDR-Zeiten. In der DDR betrug der Beitrag zur Kranken- und Rentenversicherung einheitlich 20 Prozent des Bruttoeinkommens und wurde je zur Hälfte von den Werktätigen und dem Betrieb getragen. Freiberuflich Tätige wie Künstler, Gewerbetreibende und Pfarrer konnten sich für 10 Mark im Monat bei der staatlichen Versicherung der DDR krankenversichern. Kinder und Familienangehörige waren kostenfrei mitversichert, die Versorgung mit Medikamenten war ebenfalls kostenfrei.

Die angebliche Gleichheit im DDR-Gesundheitssystem entpuppte sich jedoch als Mythos. Das Gesundheitswesen war chronisch unterfinanziert. Während viele Krankenhäuser mit veralteter Technik und einer schlechten Ausstattung zu kämpfen hatten, genossen die Privilegierten eine weitaus bessere Gesundheitsversorgung. Erstklassische Einrichtungen wie die Berliner Charite oder das Regierungskrankenhaus blieben fast ausschließlich Funktionären vorbehalten.

Politik lehnt Einheitskrankenkasse ab

In der Politik stößt ein Einheitskassen-Modell mehrheitlich auf Ablehnung. So sagte Jens Spahn, der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, der LVZ: „Eine staatliche Einheitsversicherung für alle lehnen wir grundsätzlich ab, da hier kein Wettbewerb auch im Sinne einer guten Patientenversorgung mehr möglich ist.“ Der Versicherte solle wählen können, sagte der Gesundheitsexperte.

Mit der SPD ist eine Einheitskasse ebenfalls nicht durchzusetzen, auch wenn die Partei mit der Forderung nach einer Bürgerversicherung in den Bundestagswahlkampf zieht. Marlies Volkmer, Gesundheitsexpertin der SPD-Fraktion, sagte der LVZ, dass sie es nicht gut fände, wenn nur eine Einheitskrankenkasse existieren würde. Denn es müsse einen Wettbewerb um die bestmögliche Versorgung der Versicherten geben. „Nach 1990 gab es in Deutschland mehr als 1.000 Krankenkassen. Jetzt sind es nur noch 134. Dieser Fusionsprozess wird fortschreiten“, argumentierte die Dresdnerin.

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Und doch gibt es auch positive Erfahrungen mit einer Art Einheitskasse: In Norwegen wird das Gesundheitssystem überwiegend kommunal und staatlich gelenkt. Die Krankenkasse wird durch Steuern finanziert und gemeinsam mit dem Sozialamt und Arbeitsamt organisiert. Das bedeutet, dass die norwegischen Bürger zusätzlich zu den Steuern keine Krankenkassenbeiträge bezahlen müssen. Das norwegische Gesundheitssystem gilt nicht nur als eines der besten weltweit – es ist auch eines der effektivsten.

Leipziger Volkszeitung