Die Bereitschaft der Versicherer, bestimmten Fachärzten einen Haftpflichtversicherung zu geben, lässt offenbar nach. Dies berichtet heute die Financial Times Deutschland (Donnerstagsausgabe) und beruft sich auf Kritik des Verbandes Deutscher Versicherungsmakler (VDVM). „Die Zahl der Versicherer, die auch schwere Risiken und Fachrichtungen zeichnen, ist spätestens seit 2012 äußerst begrenzt“, zitiert das Blatt VDVM-Vorstandsmitglied Sven Erichsen, der zugleich Geschäftsführer beim größten deutschen Versicherungsmakler Aon ist. So hätten sich große Versicherer komplett aus der Deckung von Krankenhäusern zurückgezogen oder würden äußerst wählerisch bei der Auswahl der Kunden vorgehen.

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Es drohen Praxisschließungen

Ursache für die neue Zurückhaltung der Versicherer ist die Verteuerung der Kosten bei schweren Personenschäden, etwa wenn ein Kind wegen ärztlicher Fehler behindert zur Welt kommt. Zudem treten neue Haftungsrisiken hinzu, die für die Versicherungsunternehmen kaum kalkulierbar sind. Wer kann etwa die Kosten für fehlerhafte Analysen bei der Präimplantationsdiagnostik beziffern? Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Test korrekt ist, liegt derzeit bei 90-95 Prozent. Trotz aller ethischen Bedenken: Unter Umständen werden Ärzte oder Kliniken für die Abtreibung eines gesunden Embryos oder die Geburt eines behinderten Kindes haftbar gemacht.

Eine frühere Untersuchung des Gesamtverbands der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) bestätigt die steigenden Kosten für die Versicherungsbranche. Für die Studie zur „Schadenteuerung bei schweren Personenschäden im Heilwesen“ haben die Mitgliedsunternehmen Informationen zu ihren Großschäden aus zwei verschiedenen Zeiträumen (1995 bis 1998 und 2000 bis 2003) an den Verband geliefert. Ergebnis: Die Schadenshöhen sind von der ersten zur zweiten Beobachtungsperiode um mehr als 32 Prozent angewachsen, von 1,3 Millionen Euro auf mehr als 1,8 Millionen Euro. Dies bedeutet einen Anstieg um knapp sechs Prozent pro Jahr.

Für bestimmte Fachärzte wie Chirurgen oder Gynäkologen sind die Konsequenzen fatal. Entweder finden sie gar keine Haftpflichtversicherung für ihre Tätigkeit – oder sie müssen so hohe Prämien bezahlen, dass ihre berufliche Existenz bedroht ist. „Manche Praxen stehen vor der Schließung, wenn sie keinen Versicherungsschutz finden“, sagt Maklerin und VDVM-Vorstandsmitglied Adelheid Marscheider aus Oberfranken der Financial Times Deutschland.

Ein Gesundheitszentrum findet keinen deutschen Versicherer

Adelheid Marscheider nennt das Beispiel eines Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ), in dem 33 Ärzte organisiert sind, unter ihnen Gynäkologen und Humangenetiker. Die R+V-Versicherung kündigte kurzfristig den laufenden Rahmenvertrag zum 01.Juli 2012, weil die Mediziner nicht auf die Präimplantationsdiagnostik verzichten wollten.

Doch es fand sich keine deutsche Versicherung, die dem Ärztezentrum einen neuen Haftpflichtschutz gewährte. Nach langer Suche kam ein Vertrag mit der österreichischen Donau Versicherung zustande, einem Tochterunternehmen der Vienna Insurance Group. Die Versicherungsprämie hat sich drastisch erhöht: Statt 20.000 Euro im Jahr müssen die Ärzte nun 72.000 Euro überweisen. “Es ist für alle Seiten sehr unbefriedigend, wenn Versicherer sich einfach zurückziehen, statt die Preise angemessen zu erhöhen“, kommentiert VDVM-Vorsitzender Peter Wesselhoeft die aktuelle Entwicklung.

Von der Teuerung bei Haftpflichtpolicen sind aber nicht nur Fachärzte betroffen, auch Allgemeinmediziner klagen über steigende Prämien. Aufsehen erregte im Jahr 2010 eine Kündigungswelle des Unternehmens Deutsche Ärzteversicherung. Der Marktführer in der Arzthaftpflichtversicherung, ein Unternehmen des Axa-Konzerns, kündigte zeitgleich 65.000 Ärzten die Versicherungspolice – und bot den Medizinern an, sich zu deutlich ungünstigeren Konditionen neu zu versichern. Viele Ärzte mussten plötzlich mehr als das Doppelte für den Versicherungsschutz zahlen.

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