Mit Derivaten können Vertragspartner auf die zukünftige Entwicklung von Preisen, Kursen und Indizes wetten. Ursprünglich dienten diese oftmals komplexen Finanzinstrumente den Banken und Versicherungen zur Absicherung von Zins-, Kredit- oder Währungsrisiken. Doch wird nach den Ursachen der Finanzkrise gefragt, weisen Experten den Derivaten eine Schlüsselrolle zu.

Als der amerikanische Versicherungsriese AIG vom amerikanischen Steuerzahler mit 182 Milliarden Dollar gerettet werden musste, da waren Derivategeschäfte eine Hauptursache für den Zusammenbruch des Versicherungskonzerns. AIG verstand sich wie kein anderes Unternehmen darauf, Schulden zu Wertpapieren zu bündeln und weiterzuverkaufen. Bevorzugt wurden Derivate für die Verbriefung von Immobilienkrediten eingesetzt und waren somit ein wesentlicher Grund dafür, dass eine Immobilienblase 2008 die Welt in die schwerste Finanzkrise seit den 20er Jahren stürzte. Noch immer vollzieht sich das Geschäft mit den Finanzwetten weitestgehend unreguliert.

Dies könnte sich jedoch bald ändern, denn die EU will dem Derivatemarkt engere Fesseln anlegen. Wie die Financial Times Deutschland in ihrer heutigen Ausgabe berichtet, will die EU durchsetzen, dass die Geldinstitute zukünftig ihre Standardderivate über eine zentrale Stelle abwickeln müssen. Dann wäre es den Banken verboten, Derivate untereinander auf direktem Wege zu handeln – es müssen zukünftig immer Börsen oder börsenähnliche Plattformen zwischengeschaltet sein. Die entsprechende Verordnung European Market Infrastructure Regulation (EMIR) soll am Donnerstag im EU-Parlament verabschiedet werden.

Mehr Regulierung, mehr Sicherheiten – Und Börsengebühren

Für die Geldhäuser würde eine Verwirklichung der EU-Pläne hohe finanzielle Einbußen bedeuten. Aktuell machen Derivate rund ein Drittel aller weltweit verdienten Bank-Erträge aus. Die Finanzprodukte werden weitestgehend auf dem außerbörslichen Markt gehandelt – So entzieht sich das Derivategeschäft nicht nur einer Regulierung, sondern die Geldhäuser müssen ebensowenig Börsengebühren zahlen oder Sicherheiten für die oft spekulativen Wetten hinterlegen. In der fehlenden Regulierung liegt jedoch auch die Sprengkraft dieser Finanzinstrumente. Schon mit wenig Kapital ist es möglich, auf sehr hohe Summen zu wetten, das Gefährdungspotential für die Finanzmärkte ist enorm. Aktuell wird der weltweite Markt für Derivate auf rund 708.000 Milliarden Dollar geschätzt.

Der laxe Umgang mit Derivaten könnte nun in Europa tabu werden. Laut Financial Times verpflichtet die EU-Verordnung zukünftig die Börsenbetreiber, darauf zu achten, dass der Käufer bei einem Derivategeschäft auch tatsächlich zahlt und der Verkäufer liefert. Damit wird für die Banken auch die Zahlung von Börsengebühren und die Gewährleistung von Sicherheiten Pflicht. „Durch die neuen Vorschriften werden die Banken voraussichtlich 35 bis 40 Prozent weniger am Handel mit standardisierten außerbörslichen Derivaten verdienen“, sagte Daniel Kapffer von der Managementberatung Accenture der Financial Times.

Trotz der strengeren Regeln rechnet Kapffer damit, dass sich den Geldhäusern zahlreiche Schlupflöcher beim Derivategeschäft bieten werden. Denn die neuen Regeln sollen nur für Standardprodukte gelten – komplexe Derivate dürfen auch weiterhin unter den Banken direkt gehandelt werden. Höhere Eigenkapitalanforderungen für nicht zentral abgewickelte Derivate könnten das Finanzmarktrisiko einschränken – diese seien jedoch zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorgesehen.