Ende Juni hatte die Rentenkommission 33 Vorschläge für eine zukunftssichere Rente vorgelegt. Dabei war unter anderem eine Kapitaldeckung innerhalb des Rentensystems auf den Tisch gekommen. In einem Interview mit dem "Handelsblatt" spricht sich Allianz-Chef Oliver Bäte für einen grundlegenden Umbau von Rente, Kranken- und Pflegeversicherung aus.

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Die Pläne der Bundesregierung, die gesetzliche Rentenversicherung künftig stärker um kapitalgedeckte Elemente zu ergänzen, bewertet Bäte grundsätzlich positiv. Zwar räumen Ökonomen ein, dass der Aufbau eines Kapitalstocks kurzfristig wirtschaftliche Belastungen verursachen könne. Langfristig überwiegen aus seiner Sicht jedoch die Vorteile.

„Trotzdem ist die Kapitaldeckung richtig. Sie ermöglicht langfristig höhere Renditen und macht uns weniger abhängig davon, dass immer weniger Junge immer mehr Ältere finanzieren müssen“, sagt Bäte. Ebenso begrüßt er die Überlegung, das Renteneintrittsalter künftig an die steigende Lebenserwartung zu koppeln. Angesichts des demografischen Wandels sei dies ein notwendiger Schritt. Für den Allianz-Chef reicht die Reform der gesetzlichen Rente allerdings nicht aus. Aus seiner Sicht kann die gesetzliche Absicherung künftig nur noch die Basis der Altersvorsorge bilden. „Wir müssen zusätzlich die betriebliche Altersvorsorge ausbauen. Die gesetzliche Rente kann immer nur eine Basis sein. Private Vorsorge muss dazukommen“, betont der Vorstandsvorsitzende des Münchener Versicherers.

Dass davon auch Versicherungsunternehmen profitieren würden, räumt er offen ein. Gleichzeitig verweist er auf eine wachsende Nachfrage. Beschäftigte hätten erkannt, dass zusätzliche Vorsorge notwendig werde, während Unternehmen die betriebliche Altersversorgung zunehmend als Instrument zur Mitarbeiterbindung entdeckten. Seine Kritik beschränkt sich jedoch nicht auf die Rentenversicherung. Auch die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung steuerten aus seiner Sicht auf erhebliche Finanzierungsprobleme zu. „In unseren Sozialsystemen wird die Kluft immer größer zwischen denen, die Leistungen beziehen, und denen, die sie finanzieren. Wenn wir jetzt nicht die Bremse ziehen, bekommen wir die Pleite, auf die wir in der gesetzlichen Rente zugesteuert sind, auch in den Bereichen Pflege und Gesundheit“, so Bäte.

Der Grund liege in mehreren Entwicklungen gleichzeitig: Die Bevölkerung altere, die Lebenserwartung steige und moderne medizinische Behandlungsmöglichkeiten würden immer leistungsfähiger, aber zugleich deutlich teurer. Nach Angaben Bätes haben sich die Gesundheitsausgaben in Deutschland innerhalb von 25 Jahren nahezu verdreifacht und liegen inzwischen bei rund 600 Milliarden Euro. Deshalb plädiert der Allianz-Chef dafür, auch im Gesundheitswesen kapitalgedeckte Elemente auszubauen. Die private Krankenversicherung zeige bereits heute, wie Alterungsrückstellungen künftige Gesundheitskosten finanzieren könnten. „Ja, wir brauchen auch in der Gesundheitsversorgung mehr Kapitaldeckung“, unterstreicht der Manager demonstrativ.

Ein solcher Kapitalstock müsse allerdings dauerhaft vor politischen Zugriffen geschützt werden. Gleichzeitig warnt Bäte vor den finanziellen Belastungen eines Systemwechsels. Würden gesetzlich Versicherte parallel das bestehende Umlagesystem finanzieren und zusätzlich Kapital aufbauen, entstünden erhebliche Mehrkosten. Deshalb müsse ein Teil der Finanzierung durch Effizienzsteigerungen erfolgen. Als Beispiele nennt Bäte strukturelle Reformen im Gesundheitswesen. Deutschland verfüge im europäischen Vergleich über deutlich mehr Krankenhausbetten als andere Länder. Zudem sieht er Überversorgung bei bestimmten Operationen. „Deutschland hat im EU-Vergleich die meisten Hüftoperationen. Rund die Hälfte davon halten Experten für nicht erforderlich“, legt Bäte den Finger in die Wunde. Auch bei Knieprothesen oder bestimmten Medikamenten sieht der Allianz-Chef Einsparpotenziale. Patienten verfügten häufig nicht über ausreichende Informationen zu alternativen Behandlungsmöglichkeiten.

Neben strukturellen Reformen fordert Bäte mehr Eigenverantwortung der Versicherten. Das heutige System belohne Prävention aus seiner Sicht zu wenig. „Wir müssen das System grundlegend verändern. Krankenkassen bezahlen heute vor allem die Behandlung von Erkrankungen. Wir müssen stärker auf Vorsorge setzen“, sagt Bäte. Konkret kann er sich finanzielle Anreize vorstellen. Wer nachweislich empfohlene Vorsorgeuntersuchungen wahrnehme oder gesundheitliche Risiken reduziere, könnte gegenüber anderen Versicherten entlastet werden. Dabei gehe es ausdrücklich um Anreize und nicht um Zwang.

Mit Blick auf den medizinischen Fortschritt erwartet Bäte zudem eine grundsätzliche gesellschaftliche Diskussion über die Finanzierbarkeit des Gesundheitssystems. „Wir müssen als Gesellschaft grundsätzlich darüber sprechen, was wir uns leisten können. Wir werden bald mehr medizinische Möglichkeiten haben, als wir zu heutigen Preisen bezahlen können“. Nach seiner Einschätzung werde diese Debatte angesichts der demografischen Entwicklung und steigender Gesundheitskosten unausweichlich.