Warum der Versicherungswirtschaft an den eigenen Strukturen scheitert
Die Versicherungsbranche kennt ihre Probleme seit Jahren. Doch an konsequenter Umsetzung hapert es oft. Zu viele Strukturen treffen auf zu wenig Wachstum, während echte Reformen ausbleiben. Wenn die Branche nicht handelt, wird der Markt es übernehmen, mahnt der ehemalige Versicherungsmanager Alwin W. Gerlach.

Die Branche weiß alles, nur handeln fällt schwer
Die Versicherungsbranche steht nicht vor einem Mangel an Erkenntnis. Sie steht vor einem Mangel an Konsequenz. Kaum eine Branche analysiert sich selbst so intensiv, beschreibt ihre Herausforderungen so präzise und versieht ihre Zukunftsfragen mit so vielen strategischen Begriffen wie die Versicherungswirtschaft. Effizienz, Transformation, Kundenzentrierung, kultureller Wandel, Digitalisierung, regulatorische Belastung, Fachkräftemangel, demografischer Druck, neue Wettbewerber, Modernisierung der Betriebsmodelle, all das ist bekannt, oft beschrieben und vielfach diskutiert. Und doch bleibt bei nüchterner Betrachtung der Eindruck, dass ein erheblicher Teil der Branche zwar sehr genau weiß, wo die Probleme liegen, aber deutlich seltener bereit ist, die daraus folgenden strukturellen Konsequenzen tatsächlich umzusetzen.
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Zu viele Häuser für zu wenig Wachstum
Das gilt insbesondere für jene Marktsegmente, die historisch stark regional geprägt sind, über viele kleinere oder mittlere Einheiten verfügen und in denen sich Tradition, Selbstverständnis und institutionelle Beharrungskraft über Jahrzehnte verfestigt haben. Gerade dort zeigt sich mittlerweile mit besonderer Schärfe, dass die bisherige organisatorische Breite in vielen Fällen nicht mehr im selben Maße durch Marktwachstum, Kundenzuwachs oder strategische Differenzierung gedeckt ist, wie dies möglicherweise früher einmal der Fall war. Anders gesagt, es gibt in vielen Regionen und Teilmärkten zu viele Strukturen für zu wenig zusätzlich entstehenden Markt. Diese Feststellung ist unangenehm, weil sie an den Kern des Selbstbildes vieler Häuser rührt. Denn aus der Binnenperspektive erscheint die eigene Organisation selten als Teil einer strukturellen Überdehnung. Aus der Binnenperspektive ist die eigene Gesellschaft traditionsreich, regional verankert, kundennah, identitätsstiftend, vertrauenswürdig, ordentlich geführt und in ihrem Bestand prinzipiell begründet. Doch genau diese Binnenperspektive ist es, die in gesättigten Märkten zu Fehlwahrnehmungen führen kann.
Jedes Haus plausibel, das System ineffizient
Was für das einzelne Haus nachvollziehbar erscheint, kann in der Gesamtschau eines Marktes dennoch ineffizient sein. Mehrere Häuser können jeweils für sich gute Gründe für ihre Eigenständigkeit anführen und gemeinsam dennoch ein Marktbild erzeugen, das zu kleinteilig, zu teuer, zu langsam und zu komplex geworden ist. Gerade Entscheider sollten diese Differenz zwischen Innenlogik und Marktlogik nüchtern betrachten. Ein Versicherungsmarkt rechtfertigt nicht automatisch jede historisch gewachsene Struktur, nur weil sie institutionell etabliert ist. Ein Markt bewertet keine Traditionen, sondern Tragfähigkeit. Er belohnt keine Gremienkultur, sondern Anpassungsfähigkeit. Er schützt keine regionalen Eitelkeiten, sondern bevorzugt jene Modelle, die Kunden wirksam erreichen, Prozesse effizient organisieren, regulatorische Anforderungen beherrschen und Investitionsfähigkeit erhalten.
Der Markt bewegt sich, aber er wächst nicht
In vielen Teilen der Branche ist der Markt heute nicht mehr expansiv genug, um die vorhandene strukturelle Vielfalt ohne Reibungsverlust zu tragen. Das muss man klar aussprechen. In wichtigen Segmenten wächst der Markt nur noch begrenzt. In anderen Bereichen stagniert er faktisch. Was dann oft noch als Dynamik beschrieben wird, ist bei näherer Betrachtung nicht selten nur Verschiebung. Bestände wechseln den Eigentümer, Kundengruppen werden neu adressiert, Portfolios werden umgebaut, Marktanteile verlagern sich, aber der Markt selbst erzeugt nicht in entsprechendem Ausmaß neue Substanz. Es wird verteilt, neu geordnet, verdichtet und umetikettiert. Doch aus dieser Bewegung entsteht nicht automatisch Wachstum.
Die eigentliche Zumutung, weniger wäre mehr
Diese Realität hat unmittelbare Folgen für die Organisationsfrage. Denn wenn zusätzliches Geschäft nur begrenzt entsteht, wenn Vertriebserfolge zunehmend Verdrängungseffekte enthalten, wenn Kunden nicht in beliebiger Zahl neu hinzukommen und wenn zugleich regulatorische, technologische und administrative Anforderungen steigen, dann wird die Frage nach der angemessenen Größe und Struktur von Organisationen unausweichlich. Wie viele Häuser kann ein solcher Markt effizient tragen, wie viele Führungsmandate, wie viele Gremien, wie viele Regionalapparate, wie viele Sonderlogiken und wie viele historisch gewachsene Parallelstrukturen sind unter diesen Bedingungen wirklich noch wirtschaftlich plausibel. Genau an dieser Stelle beginnt die eigentliche Zumutung.
Überbau ist kein Wettbewerbsvorteil
Es gibt in Teilen des Marktes zu viele Einheiten mit zu vielen doppelten oder ähnlichen Funktionen, zu viele Häuser, die zwar institutionell vollständig aufgestellt sind, aber in einer Marktumgebung operieren, die diese strukturelle Vollausstattung immer weniger rechtfertigt, zu viele Führungsrollen, deren Existenz in der Vergangenheit verständlich gewesen sein mag, deren Fortbestand unter heutigen Marktbedingungen jedoch zunehmend kritisch geprüft werden müsste, und zu viele Verwaltungslogiken, die nicht mehr aus realem Wachstum gespeist werden, sondern aus der Fortführung historischer Eigenständigkeit.
Effizienz scheitert selten am System
Eine Organisation wird nicht allein dadurch effizient, dass sie ordentlich arbeitet, sondern nur dann, wenn Aufwand, Führungsarchitektur, Investitionsbedarf, Marktzugang, Kundendichte und Ertragspotenzial in einem tragfähigen Verhältnis zueinanderstehen. Genau dieses Verhältnis gerät in gesättigten Märkten aus dem Gleichgewicht. Verantwortliche müssen sich deshalb einer Frage stellen, die in ihrer Schärfe oft umgangen wird. Ist die bestehende Struktur Ausdruck strategischer Stärke oder bereits Ausdruck institutioneller Selbstschonung?
Man weiß es, aber man entscheidet nicht
Man spricht über Effizienz, solange sie abstrakt bleibt, man fordert Bürokratieabbau, solange daraus keine personellen oder machtbezogenen Konsequenzen folgen, man begrüßt Modernisierung, solange sie die eigene Stellung nicht relativiert, und man erkennt Konsolidierungsbedarf, solange er sich auf andere bezieht. An dem Punkt jedoch, an dem aus Einsicht Strukturentscheidungen werden müssten, beginnt die Verlangsamung.
Bürokratieabbau beginnt bei Macht, nicht bei Formularen
Bürokratieabbau ist kein kosmetisches Projekt. Er erschöpft sich nicht in der Vereinfachung einzelner Abläufe oder in der Digitalisierung bestehender Prozesse, sondern setzt dort an, wo Entscheidungswege verkürzt, Gremien reduziert und Doppelstrukturen beendet werden. Genau deshalb bleibt er so oft unvollständig.
Work-Life-Balance ersetzt keine Strukturreform
Begriffe wie Work-Life-Balance, Flexibilität und Homeoffice sind legitim, werden aber zunehmend auch als Ersatzdiskussion geführt. Arbeitsmodelle beantworten nicht die Frage nach Effizienz oder Auslastung. In einem Markt mit begrenztem Wachstum entscheidet nicht der Arbeitsort über Wirtschaftlichkeit, sondern die Struktur.
Der stille Stellenabbau läuft längst
Während vorsichtig formuliert wird, findet in vielen Häusern bereits ein schleichender Rückbau statt. Stellen werden nicht nachbesetzt, Verantwortlichkeiten zusammengelegt, Strukturen ausgedünnt. Ohne klares Zielbild entsteht daraus jedoch kein neues System, sondern ein instabiler Zwischenzustand.
Fusionen scheitern nicht an Technik, sondern am Menschen
Viele Zusammenschlüsse scheitern nicht an Prozessen oder IT, sondern an Unentschlossenheit. An dem Versuch, alle Interessen gleichzeitig zu bewahren. An der Hoffnung, Veränderung ohne Verlust organisieren zu können. Genau das funktioniert nicht.
Die Wahrheit ist bekannt, nur die Konsequenz fehlt
Die Versicherungsbranche braucht keine weichere Sprache über ihre Lage, sondern Klarheit über ihre Marktgrenzen, Nüchternheit über ihre strukturellen Überhänge und den Mut, aus Analyse Entscheidung zu machen. Die Realität ist eindeutig. Zu viele Strukturen für zu wenig Wachstum, zu viele Parallelitäten für eine begrenzte Nachfrage und zu viel Verwaltung für zu wenig neue Substanz.
Der Markt wird entscheiden, wenn es die Branche nicht tut
Wer das nicht ausspricht, wird es nicht lösen. Und wer es nicht löst, wird früher oder später vom Markt gelöst. Märkte entscheiden selten schonend.
