Stattdessen rücken für sie drei Themen in den Mittelpunkt: KI als neue Infrastruktur, der Vermittler als „Trusted Advisor“ und Prävention als neues Selbstverständnis der Branche.

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Das „Quelle-Syndrom“ vermeiden

Stefanie Schlick startete ihre Karriere beim Otto-Versand – zu einer Zeit, als der „dicke Otto-Katalog bei Oma auf dem Wohnzimmertisch“ noch das Maß aller Dinge war. Dieser Hintergrund prägt ihren Blick auf die heutige Versicherungsbranche, die sie offen als „sehr träge“ bezeichnet. Sie erinnert daran, wie Konkurrenten wie Quelle oder Neckermann einst glaubten, das Internet würde wieder verschwinden.

„Der Otto-Konzern ist jetzt eine Plattform, eine Internetplattform“, so Schlick. Die Versicherungsbranche stehe heute an einem ähnlichen Punkt. Wer den Wandel zur Plattform und zur KI-gestützten Interaktion verpasse, riskiere das gleiche Schicksal wie die einstigen Versandriesen. Ihr Rat an die Branche: ein konsequenter Perspektivwechsel von der Wertschöpfungskette hin zum Kunden.

Die Transformation zum Präventionsdienstleister

Das Kerngeschäft der Versicherung wird sich laut Schlick fundamental wandeln müssen. Die bloße Regulierung eines Schadens nach seinem Eintritt reiche künftig nicht mehr aus, um relevant und vor allem bezahlbar zu bleiben. Besonders deutlich werde dies im Gesundheitswesen: „Das Gesundheitssystem, das wissen wir alle aus der Presse, die Preise steigen in der Krankenversicherung, in der Pflegeversicherung. Was machen wir daraus? Wir machen Beitragserhöhungen. Das kann es ja für die Zukunft nicht sein“.

Möglich wird dieser Wandel durch die totale Vernetzung. Während Kunden heute Big-Tech-Konzernen oft skeptisch gegenüberstehen, geben sie dort paradoxerweise die intimsten Informationen preis: „Wir vertrauen unseren Apples dieser Welt mehr Daten an als unseren Versicherern. Apple weiß, wie ich nachts schlafe, und ich glaube nicht, dass mein Arzt das so genau weiß“ . Die Herausforderung für Versicherer besteht darin, diese Datenhoheit durch Smart-Home-Lösungen und Wearables zurückzugewinnen, um Schäden zu verhindern, bevor sie entstehen.

Neues Berufsbild: Vom „Bedingungs-Leser“ zum „Trusted Advisor“

Dieser radikale Wandel betrifft vor allem das Berufsbild des Vermittlers. In einer Welt, in der KI-Agenten künftig standardisierte Angebote vergleichen und Abschlüsse tätigen könnten, verschiebt sich die Aufgabe der Berater hin zu einer prüfenden Instanz. „Es muss eine starke Konzentration auf diesen Trusted Advisor geben“.

Schlick sieht hier eine klare Verschiebung der Kernkompetenzen: „Das Zusammenfassen komplexer Versicherungsbedingungen ist nicht mehr die Kernkompetenz eines Beraters – sondern zu sagen: Was muss ich tun, damit der Versicherungsfall gar nicht erst eintritt?“ Der Vermittler der Zukunft muss sich also zum ganzheitlichen Risiko-Coach und Präventionsexperten entwickeln. Trotz aller Technik bleibt die menschliche Ebene entscheidend: „Ich glaube immer noch, dass Menschen Menschen brauchen“.

Eine Lanze für die Branche: Verlässlichkeit im Ernstfall

Trotz des Fokus auf Technik und Prävention vergisst Schlick nicht die aktuelle Leistung der Branche. Sie wehrt sich gegen das oft negative Image des „Beitragsfressers“: „Ich möchte noch mal eine Lanze für die Versicherungsbranche brechen. Wir zahlen mehr Schäden, als wir ablehnen. Und wir sind immer da, wenn es darauf ankommt. Ich nehme das Ahrtal oder die Elbe. Wir waren da und zwar relativ schnell. Und wir haben auch mehr gezahlt, als wir nicht gezahlt haben. Und wir reden hier nicht von wenigen Millionen“. Dieses Vertrauensverhältnis müsse nun in das digitale Zeitalter übersetzt werden.

Effizienz im Schadenfall: Die Vision der Echtzeit-Auszahlung

Das dritte große Schwerpunktthema ist die radikale Automatisierung der Schadenprozesse. Schlick sieht die Technik im Jahr 2031 nicht mehr als Hindernis: „Die Technik wird, glaube ich, in 31 nicht mehr die Limitierende sein“. Ihre Vision ist ein hochgradig automatisierter Prozess, bei dem KI-Agenten Schäden verifizieren und Zahlungen unmittelbar auslösen.

„Im Bestfall sind die Handwerker schon beauftragt und das Geld ist schon überwiesen, in Echtzeit“. Auch wenn die Realität in fünf bis sechs Jahren teilweise noch traditionelle Meldewege beinhalten mag, ist der Weg zur „Dunkelverarbeitung“ von Standardschäden unumkehrbar. Um dies zu erreichen, müssten jedoch die IT-Systeme und Schnittstellen der Branche dringend State-of-the-Art werden, um u.a. moderne Echtzeit-Payment-Lösungen voll zu integrieren.

Das vollständige Gespräch mit Stefanie Schlick können Sie direkt hier hören oder im Versicherungsfunk auf Spotify & Apple-Podcasts und überall, wo es Podcasts gibt.