Die Altersvorsorge von Selbstständigen in Deutschland ist deutlich besser als ihr Ruf. Sie hat allerdings klare Schwachstellen. Eine aktuelle Auswertung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zeigt, dass 93 Prozent der Selbstständigen mindestens eine Form der Altersvorsorge nutzen. Gleichzeitig bleibt eine kleine, aber relevante Gruppe ohne Absicherung.

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Die Studie basiert auf einem neuen, repräsentativen Datensatz zur sozialen Lage Selbstständiger. Damit liefert sie erstmals eine belastbare Grundlage für die politische Debatte. „Um einzuschätzen, wie prekär die Lage der Selbstständigen tatsächlich ist, fehlten bisher aktuelle und repräsentative Daten. Diese Lücke haben wir nun mit einer repräsentativen Befragung unter 2000 Selbstständigen geschlossen“, erklärt Alexander Kritikos, Leiter der Forschungsgruppe Entrepreneurship und Vorstand im DIW Berlin.

Im Ergebnisse sorgt mit 93 Prozent der Selbstständigen die große Mehrheit aktiv vor und tut dies häufig sogar breit diversifiziert. Laut Studie nutzen mehr als zwei Drittel mindestens zwei Vorsorgeformen, rund 30 Prozent sogar drei verschiedene Instrumente. Dabei setzen Selbstständige besonders stark auf flexible Lösungen wie Wertpapiere, Immobilien oder Betriebsvermögen. Insgesamt investieren sie im Schnitt mehr als ein Fünftel ihres Nettoeinkommens in die Altersvorsorge. „Die Ergebnisse widerlegen das gängige Bild der pauschal schutzbedürftigen Selbstständigen, die später flächendeckend in die Grundsicherung fallen“, unterstreicht Studienautor Maximilian Priem.

Trotz dieser hohen Beteiligung zeigt sich eine klare Risikogruppe: Rund sieben Prozent der Selbstständigen sorgen überhaupt nicht für das Alter vor. Laut Statistischem Bundesamt waren im Jahr 2025 etwa 3,7 Millionen Deutsche selbstständig tätig. Ergo wären gut 259.000 Selbstständige ohne Absicherung. Diese Gruppe ist überdurchschnittlich häufig im unteren Einkommensbereich angesiedelt.

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Gleichzeitig fühlen sich rund 18 Prozent der Selbstständigen schlecht abgesichert. Grundlegend ist die Einkommensverteilung unter Selbstständigen jedoch stark heterogen. Während ein Teil hohe Einkommen erzielt, lebt ein signifikanter Anteil nahe an der Armutsgrenze oder darunter. Fast 17 Prozent der Selbstständigen gelten als armutsgefährdet und damit mehr als unter klassischen Erwerbstätigen. Diese Ungleichverteilung spiegelt sich direkt in der Altersvorsorge wider. Denn wer wenig verdient, spart seltener oder in geringerem Umfang. Einhergehend damit fühlt sich diese Gruppe entsprechend schlechter abgesichert.

Vor diesem Hintergrund sprechen sich die Autoren gegen eine pauschale Pflichtversicherung für alle Selbstständigen aus. Stattdessen plädieren sie für eine gezielte Lösung. „Für Selbstständige, die gar nicht vorsorgen und dadurch in die Grundsicherung zurückfallen könnten, wäre eine verpflichtende Altersvorsorge sinnvoll – ein Instrument, das ein Mindestmaß an Absicherung im Alter ermöglicht“, betont Studienautor Kritikos. „Damit könnten sie einen Teil ihrer Lebenshaltungskosten im Alter selbst bestreiten – und der Staat müsste nicht den möglicherweise vollständigen Rückfall in die Grundsicherung finanzieren.“

Zugleich reicht eine Pflichtvorsorge allein nach Einschätzung der Studienautoren nicht aus. Gerade Selbstständige mit niedrigen Einkommen könnten trotz Einzahlung weiterhin auf staatliche Unterstützung angewiesen sein. Deshalb schlagen die Forscher ergänzend gezielte Zuschüsse vor. Denkbar wäre ein Modell, bei dem der Staat Vorsorgebeiträge von Geringverdienenden anteilig oder vollständig übernimmt. Diese Förderung könnte auf Jahreseinkommen bis 36.000 Euro begrenzt werden.

Vorsorgequote als Mindeststandard

Darüber hinaus bringt die Studie eine sogenannte Vorsorgequote ins Spiel. Diese könnte als Untergrenze für alle Selbstständigen dienen und sich am Beitragssatz der gesetzlichen Rentenversicherung orientieren. Dabei sollen unterschiedliche Vorsorgeformen von gesetzlicher Rente über private Policen bis hin zu Kapitalanlagen anerkannt werden.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass Selbstständige grundsätzlich eine hohe Bereitschaft haben, für das Alter vorzusorgen“, so Studienautor Priem, „entscheidend sind passende Instrumente, flexible Beiträge und eine gezielte Förderung der Geringverdienenden“. Als Vorbild für flexible Beitragsmodelle könne die Sozialversicherung für Selbstständige in Österreich dienen, die flexible quartalsweise Zahlungen ermöglicht und damit besser an schwankende Einkommen angepasst ist. „Das von uns vorgeschlagene Modell kombiniert individuelle Eigenverantwortung mit einer notwendigen sozialen Flankierung und trägt der schwankenden wirtschaftlichen Realität in der Selbstständigkeit durch flexible Beitragsoptionen Rechnung“, erklärt Kritikos.