Vertrauen ist kein Gefühl, sondern ein strategischer Erfolgsfaktor
Fünf positive Erlebnisse gleichen eine einzige negative Erfahrung aus. Doch oft reicht ein Moment, um Vertrauen dauerhaft zu beschädigen. Für Versicherer ist das kein Soft-Faktor, sondern ein strukturelles Risiko. Warum Versicherer nicht an Image arbeiten sollten, sondern an kritischen Momenten entlang der Customer Journey, erklärt Vanessa Yarza Navarro‑Schär von elaboratum suisse.

Eine einzige negative Erfahrung kann ausreichen, um mühsam aufgebautes Vertrauen nachhaltig zu beschädigen. Im Schnitt braucht es etwa fünf positive Interaktionen, um eine einzige negative Erfahrung auszugleichen. Für Versicherer ist das mehr als eine psychologische Randnotiz. Es ist ein strukturelles Risiko. Denn viele Touchpoints liegen genau dort, wo Kund:innen besonders verletzlich sind, etwa bei Schadensfällen, Vertragsänderungen, Beitragsanpassungen oder Beschwerden.
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Trotzdem wird Vertrauen in vielen Organisationen noch immer wie ein „weiches“ Thema behandelt. Oft gilt es als Ergebnis guter Kommunikation oder einzelner Service-Initiativen. Das greift zu kurz, denn Vertrauensverlust entsteht häufig nicht durch einen großen Skandal, sondern schleichend durch eine Summe kleiner Friktionen entlang der Customer Journey.
Gerade im digitalen Umfeld wirken Vertrauensbrüche besonders schnell und weitreichend. Negative Erfahrungen, etwa durch irreführende Kommunikation, undurchsichtige Prozesse oder unklare Verantwortlichkeiten, verbreiten sich rasch über soziale Medien oder Bewertungsportale und können das Image eines Unternehmens dauerhaft beschädigen. Gleichzeitig bietet der digitale Raum Unternehmen auch Chancen. Sie können datenbasiert erkennen, wo Kund:innen ins Stolpern geraten, und kritische Stellen gezielt stabilisieren. Transparenz, verständliche Sprache, konsistente Serviceversprechen und ein klarer Umgang mit Fehlern werden so zu tragenden Bausteinen digitaler Kundenbeziehungen.
Warum negative Erfahrungen so stark wirken
Ein zentraler Mechanismus hinter Vertrauensverlust ist der Negativity Bias. Er beschreibt, dass negative Erlebnisse deutlich stärkeren Einfluss auf Vertrauen haben als positive. Schon kleine Störungen im Kundenerlebnis können das Vertrauen erschüttern und langanhaltende Auswirkungen auf die Beziehung zum Unternehmen haben. Kund:innen erinnern sich stärker an schlechte Erfahrungen als an gute. Ein einziger negativer Moment kann nachfolgende Interaktionen überschatten.
Das ist besonders relevant, weil Vertrauen im Kern immer eine Entscheidung für Verletzlichkeit ist. Kund:innen investieren Zeit, Geld oder persönliche Informationen in der Hoffnung, dass ein Unternehmen verantwortungsvoll handelt, Versprechen einhält und berechenbar bleibt. Genau diese Verletzlichkeit ist in der Versicherungslogik nicht Ausnahme, sondern Alltag.
Verletzlichkeit kann unterschiedliche Formen annehmen, etwa finanzielle, sicherheitsbezogene oder persönliche beim Teilen sensibler Daten. Gerade Versicherer bewegen sich häufig in sicherheitsbezogenen und personenbezogenen Kontexten. Das macht Vertrauen nicht nur besonders relevant, sondern zugleich anfällig für Irritationen.
Vertrauen lässt sich nicht nur kommunizieren
In der Praxis wird Vertrauen häufig über Kommunikation gedacht. Klare Botschaften, freundlicher Ton und konsistente Markenführung spielen eine Rolle. Das reicht jedoch nicht aus. Negative Erfahrungen lassen sich nicht durch gelegentliche Highlights neutralisieren. Sie müssen systematisch abgefedert werden, entlang der gesamten Customer Journey.
Das bedeutet auch: Vertrauen ist weniger ein Kommunikations- als ein Prozessthema. Viele Vertrauensverluste entstehen nicht, weil Unternehmen schlecht erklären, sondern weil Abläufe unklar sind, Erwartungen nicht gemanagt werden oder Serviceversprechen nicht konsistent eingelöst werden.
Hinzu kommt ein weiterer Effekt. Ist Misstrauen erst einmal etabliert, interpretieren Kund:innen das Verhalten eines Unternehmens zunehmend durch eine negative Brille. Selbst neutrale oder gut gemeinte Maßnahmen werden skeptisch betrachtet. Jede weitere Interaktion birgt Missdeutungspotenzial.
Ein Modell, das Vertrauen operationalisiert
Um Vertrauen nicht nur zu beschreiben, sondern als steuerbare Größe zu behandeln, lässt sich die sogenannte VertrauensArchitektur nach Eller (2022) als strukturierender Ansatz nutzen. Sie betrachtet Vertrauen entlang der Customer Journey und formuliert drei Bedingungen, die in jeder Interaktion erfüllt sein müssen.
- Wollen: Kund:innen müssen überzeugt sein, dass das Unternehmen in ihrem besten Interesse handelt.
- Können: Sie müssen erkennen, dass das Unternehmen seine Versprechen zuverlässig einlösen kann.
- Einschätzen: Sie müssen Handlungen nachvollziehen und konsistent bewerten können.
Fehlt eine dieser Grundlagen, kann Misstrauen entstehen, etwa bei intransparenter Kommunikation, unerwarteten Hürden oder gebrochenen Erwartungen.
Ergänzend lassen sich zehn psychologische Vertrauensmechanismen heranziehen, darunter Benevolenz, Integrität, Fähigkeit, Kontinuität, Reputation und Klarheit. Der Vorteil dieses Ansatzes ist, dass Vertrauen nicht als abstrakter Imagewert betrachtet wird, sondern als Ergebnis konkreter Erlebnisse. Damit wird es auch zu einem Ansatzpunkt für systematische Verbesserung.
Praxis: Wenn Vertrauen in kritischen Momenten kippt
Besonders sichtbar wird die Logik von Vertrauensmanagement in Situationen, die für Kund:innen emotional oder finanziell sensibel sind. Ein Beispiel aus der Versicherungsbranche ist die Kommunikation von Prämienerhöhungen. Beitragsanpassungen werden häufig als willkürlich wahrgenommen, unabhängig von realen Ursachen wie Inflation oder steigenden Gesundheitskosten. Das führt zu Unverständnis, Enttäuschung und höheren Kündigungsraten.
Ein strukturierter Umgang setzt deshalb nicht auf Beschwichtigung, sondern auf nachvollziehbare Prozesslogik. Dazu gehören Transparenz über Ursachen, verständliche Erklärungen der wirtschaftlichen Zusammenhänge sowie die aktive Darstellung von Maßnahmen, mit denen Preissteigerungen begrenzt werden sollen. Ergänzt wird das durch proaktive Unterstützungsangebote, etwa persönliche Gespräche bei besonders starken Erhöhungen.
Das Beispiel zeigt: Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass man eine schwierige Entscheidung freundlich verpackt. Es entsteht dadurch, dass Prozesse nachvollziehbar sind, Erwartungen ernst genommen werden und Kund:innen nicht das Gefühl haben, im entscheidenden Moment allein gelassen zu werden.
Schlagzeilen
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Fazit: Vertrauen ist ein Wettbewerbsfaktor, weil es Reibung reduziert
Vertrauen ist kein Nice-to-have. Gerade in digitalen Geschäftsmodellen wird es zur entscheidenden Währung. Weil direkte menschliche Interaktion seltener ist, entsteht Kundenbindung vor allem über Transparenz, Klarheit und Verlässlichkeit. Wer Vertrauen strategisch denkt, arbeitet deshalb nicht an Einzelmaßnahmen, sondern an Übergängen, Prozessen und kritischen Momenten. Dort, wo Kund:innen besonders verletzlich sind, entscheidet sich, ob Vertrauen stabil bleibt oder dauerhaft kippt.
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