Top-Bonitäts-Staatsanleihen können Portfolios stabilisieren
Mit der Einführung der ersten 20-jährigen Bundesanleihe erweitert die Bundesrepublik die Bandbreite der verfügbaren Laufzeiten in einem Marktumfeld, in dem längere Laufzeiten wieder deutlich verzinst werden. Für Anleger bietet die 20-jährige Bundesanleihe vor allem die Möglichkeit, das Zinsrisiko gezielt zu steuern, sagt Jens Franck, Partner beim Hamburger Fixed-Income-Manager nordIX.

Deutschland hat Ende Januar 2026 erstmals eine konventionelle Bundesanleihe mit 20-jähriger Laufzeit begeben. Platziert wurden 6,5 Milliarden Euro, davon blieben eine Milliarde Euro als Eigenbestand zur späteren Marktpflege bei der Finanzagentur; die Emissionsrendite lag bei 3,404 Prozent bei einem Kupon von 3,40 Prozent. Damit rückt ein Laufzeitpunkt ins Zentrum, der für viele Allokationsentscheidungen bislang nur über 15-Jahres-Papiere oder den Sprung in den 30-Jahres-Bereich abgebildet wurde. Auffällig ist dabei die flache Prämie am sehr langen Ende: Eine 30-jährige Bundesanleihe wurde wenige Tage zuvor in der Wiedereröffnung mit rund 3,49 Prozent Rendite begeben. Auch die Bundesbank-Renditestruktur zeigt für Anfang Februar ein ähnliches Bild: zehnjährige Bundeswertpapiere bei 2,88 Prozent, 15-jährige bei 3,26 Prozent und 30-jährige bei 3,52 Prozent.
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Duration bewusst über den Staatsanleiheteil setzen
Für die Portfoliowirkung von nur noch wenigen ausstehenden AAA-Staatsanleihen ist dieser Verlauf zentral. Erstens stellen Bundesanleihen die Referenzkurve dar, an der Duration, Roll-down und Laufzeiten-Prämien vieler Euro-Portfolios kalibriert werden. Wer einen Kreditbaustein steuert, kontrolliert das Gesamtrisiko meist nicht über den Spread allein, sondern über die Kombination aus Kreditrisiko, also der Mehrverzinsung gegenüber einer risikolosen Verzinsung wie Bundesanleihen, und dem Zinsrisiko. Die Modified Duration ist eine prozentuale Annäherungskennziffer zur Messung der Zinsempfindlichkeit. Bei einem 20-Jahres-Papier auf dem aktuellen Renditeniveau liegt sie näherungsweise bei rund 14,9, sodass 50 Basispunkte Renditebewegung den Kurs grob um rund 7,5 Prozent verschieben. Bei einer laufenden Rendite um 3,4 Prozent federt der Kupon über ein Jahr einen Teil davon ab, ersetzt aber keinen Risikorahmen für das lange Ende. Genau darin liegt der praktische Nutzen: So lässt sich Duration bewusst über den Staatsanleiheteil setzen und der Kredit-Teil stärker als Kreditrisikobaustein führen. Andernfalls entsteht Zinsrisiko oft nebenbei, weil gerade verfügbare Unternehmensanleihen in bestimmten Laufzeiten gekauft werden und die Portfolio-Duration dann eher ein Nebenprodukt ist.
Zusätzlicher Performancebestandteil zur Cash-Generierung
Top-Bonitäts-Staatsanleihen erfüllen im Portfolio häufig eine mehrfache Funktion als Liquiditätsreserve, Verbesserung der durchschnittlichen Portfoliokreditqualität, Zinsbindungsfrist-Instrument und als Sicherheit für Derivate. In vielen Portfolien ist der „freie“ Liquiditätspuffer nicht Cash, sondern hochliquide Staatsanleihen, die sich als zusätzlicher Performancebestandteil zur Cash-Generierung in der Steuerung unter anderem des Zins-, Kurven und Liquiditätsbedarfs an den Repo-Märkten exzellent einsetzen lassen und als Collateral- beziehungsweise Sicherheiten-Stellung für Derivate dienen. Letzteres wird besonders relevant, wenn das Zinsrisiko über Futures oder Swaps gesteuert wird: Die Sicherheitenlogik entscheidet dann mit darüber, ob ein Hedge in Stressphasen stabil funktioniert oder ob Margin-Dynamiken die Handlungsfreiheit einschränken. Ein 20-Jahres-Benchmark kann diese Collateral-Funktion mit einer höheren Laufzeitwirkung verbinden, ohne in die extrem lange 30-Jahres-Ecke auszuweichen, deren Preisempfindlichkeit in Volatilitätsphasen besonders hoch ist und daneben weiteren Einflüssen neben dem simplen Zinsrisiko ausgesetzt sind.
20-jährige Bundesanleihe Instrument zur gezielten Steuerung des Zinsrisikos
Drittens ist die Wirkung im Multi-Asset-Kontext vielseitig und muss nüchtern betrachtet werden. Staatsanleihen haben in klassischen Risk-off-Phasen häufig einen diversifizierenden Effekt, weil dann fallende Renditen wegen sogenannter „Safe-Haven- Flows“ Kursgewinne erzeugen. Dieser Mechanismus ist jedoch nicht garantiert, wenn Inflations- oder Fiskalrisiken den Zinsanstieg gerade in Stressphasen treiben. 2026 kommt hinzu, dass das Angebot groß bleibt: Für das Jahr 2026 plant der Bund ein Gesamtaufnahmevolumen von rund 512 Milliarden Euro, davon rund 318 Milliarden Euro über konventionelle Kapitalmarktauktionen und weitere 176 Milliarden Euro über den Geldmarkt; zusätzlich sind grüne Bundeswertpapiere im Volumen von 16 bis 19 Milliarden Euro vorgesehen. Ein solches Programm erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Laufzeiten-Prämien am langen Ende weniger „geschenkt“ werden und sich als Vorteil für die Investoren zeitweise ausweiten, selbst wenn die Konjunktur nur moderat schwankt.
Aus Anlegersicht ist die 20-jährige Bundesanleihe vor allem ein Instrument zur gezielten Steuerung des Zinsrisikos. Bundesanleihen sollten als Top-Bonitätsreferenz in der Regel niedriger rentieren als viele andere Staatsanleihen im Euroraum und auch niedriger als die Swap-Kurve, die im Bankensektor und bei Neuemissionspreisen eine zentrale Benchmark ist. Der Abstand zur Swap-Kurve, der sogenannte Swap-Spread, ist derzeit sehr gering; wenn fiskalische Risiken wieder weniger stark eingepreist werden, kann sich dieser Abstand ausweiten und Bundesanleihen relativ begünstigen. Für die Ergebnisrechnung bleibt die Trennung der Renditequellen entscheidend: Carry und Roll-down sollten nicht als Zinsmeinung missverstanden werden, und Stresstests müssen auch Phasen abdecken, in denen lange Renditen steigen, während Risikoanlagen gleichzeitig unter Druck geraten.
