Open Finance: Wie Versicherer Daten, Vertrauen und Mehrwert verbinden
Die EU-Datenverordnung FiDA könnte Türöffner für neue Geschäftsmodelle der Vesicherer werden. Doch Kunden teilen ihre Finanzdaten nur gegen echten Mehrwert. Eine aktuelle Studie zeigt, wer offen ist und was erwartet wird. Wie sich Versicherer strategisch positionieren sollten, erklären Knut Besold und Steffen Knust von der Unternehmensberatung KPMG.

Die Kundendaten diverser Finanzdienstleister bündeln, auswerten und daraus personalisierte Angebote und anbieterübergreifende Finanzübersichten ableiten. Auf höchstem Niveau und regulatorisch abgesichert. Das ermöglicht künftig die Financial Data Access Regulation (FiDA) der EU: Sie wird voraussichtlich dieses Jahr verabschiedet und tritt 2028 in Kraft. Versicherungen können auf dieser rechtlichen Grundlage ein ganzheitliches Daten-Ökosystem erschaffen, das ihnen als Basis für neue Geschäftsmodelle dient. Doch was erwarten Kundinnen und Kunden eigentlich von Open Finance? Eine KPMG-Studie liefert nicht nur die Antworten. Versicherer erfahren auch, wie sie sich jetzt strategisch positionieren sollten.
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Zauberwort Open Finance: Ein umfassendes Finanzdaten-Ökosystem offenbart Kunden die Übersicht all ihrer Finanzprodukte – vom Girokonto über ETFs bis zur Hausratsversicherung. So lassen sich Überschneidungen, Lücken, Alternativen und Wechselpotenzial auf den ersten Blick erkennen. Neben der gesetzlichen Grundlage durch FiDA ist dafür aber eines entscheidend: die Zustimmung der Kunden. Diese können Versicherungen nur gewinnen, wenn sie dafür im Gegenzug einen echten Mehrwert bieten. Doch worin sehen die Menschen in Deutschland diesen? Das hat die KPMG-Studie „Open Finance und FiDA im Retail-Geschäft“ untersucht.
Fünf Fakten für Versicherer
Erstens sind Top-Verdiener und junge Erwachsene die wichtigste Zielgruppe für Open-Finance-Angebote. Zweitens ist Vertrauen zum anfragenden Unternehmen die Voraussetzung für alle Verbraucher, ihre Daten zu teilen. Drittens entscheiden der Mehrwert an Komfort und die aus der Datenteilung resultierende Finanzoptimierung über den Erfolg von Open-Finance-Angeboten. Viertens: Großes Vertrauen genießen vor allem Filial- und Regionalbanken – aber auch Versicherer. Sie können überlegen, ob und wie sie dieses Potenzial des persönlichen Kontakts nutzen wollen. Schließlich: Versicherer sollten sich besser heute als morgen strategisch für das Zukunftsprodukt Open Finance positionieren.
Besonders junge Erwachsene zwischen 18 und 44 Jahren mit einem Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 3.000 Euro sind bereit, ihre Finanzdaten zu teilen. Sie zeigen damit ein fünfmal so starkes Interesse wie die Menschen über 55 Jahren. Hohe Datensicherheit, keine zusätzlichen Kosten und die Vertrauenswürdigkeit des Anbieters sind wichtige Voraussetzungen für die Zustimmung zum Teilen ihrer Finanzdaten.
Die Menschen wollen, dass ihre Finanzangelegenheiten vereinfacht, optimiert und gebündelt werden, besonders in der Generation unter 35 Jahren. Gefragt sind vor allem eine konsolidierte Finanzübersicht, die Integration von Krypto-Vermögen, automatisierte Anpassungen von Versicherungen an die Lebensumstände sowie Anlagevorschläge und Versicherungsoptimierung. Vertrauen ist dabei die Basis, doch erst Komfort und Kundenfreundlichkeit ermöglichen die aktive Nutzung.
Vier Archetypen fürs Geschäftsmodell
Für Versicherungen gibt es zwei Hauptfaktoren für die künftige Positionierung: Wie hoch ist der Nutzungsgrad externer und interner Daten? Und wie groß die Bereitschaft, das bestehende Geschäftsmodell zu transformieren? Grundsätzlich gibt es vier Archetypen.
Der „Regulatory Follower“ beschränkt sich auf die rechtssichere und minimalinvasive Umsetzung der regulatorischen Anforderungen, ohne neue Geschäftsmodelle oder Produktinnovationen zu entwickeln. Sein Schwerpunkt liegt hier auf Compliance und Kostenminimierung, wobei Änderungen an IT-Systemen nur im notwendigen Umfang erfolgen.
Der „Opportunistische Monetarisierer“ nutzt FiDA pragmatisch zur Kommerzialisierung eingehender Datenabfragen. Er integrieret externe Daten nicht in bestehende Beratungs- oder Vertriebsprozesse und konzentriert sich auf die technische Optimierung zur effizienten und kostengünstigen Datenbereitstellung. Vertrieb und Produktportfolio bleiben weitgehend unverändert.
Der „Process Optimizer“ nutzt FiDA-Daten aktiv zur Verbesserung seiner Beratungs- und Abschlussqualität. Er integriert externe Daten in seine CRM-Systeme und lässt sie in seine Prozesse einfließen und steigert so Beratungsqualität, Prozessgeschwindigkeit, Produktanpassung und Service. Er beteiligt sich selektiv am Markt für relevante Data Sharing Schemes und nutzt KI vor allem für die Ableitung neuer Verkaufschancen und bessere Prozessabläufe.
Der „Open Finance Champion“ sieht FiDA als Hebel zur systematischen Transformation des gesamten Geschäftsmodells. Sein Ziel ist ein umfassendes Angebot vollintegrierter Allfinanz-Services: umfassende Finanzdashboards, KI-basierte Finanzberatung und personalisierte Optimierungsvorschläge. Grundlegend dafür sind eine serviceorientierte Architektur, End-to-End-Datenstrategien und eine aktive Beteiligung an der Governance von Financial Data Sharing Schemes. Der Champion sichert Vertrauen durch übererfüllte Kundenanforderungen und positioniert sich als Innovationsführer im neuen Open-Finance-Ökosystem.
Praktischer Nutzen – mit den richtigen Tools
In der Praxis helfen die bei den Befragten beliebtesten Tools und Angebote: etwa ein integriertes Finanzdashboard, das Kunden eine konsolidierte, transparente und jederzeit verfügbare Übersicht all ihrer Finanzangelegenheiten bietet. Stark nachgefragt ist auch der KI-basierte Finanzcoach. Das Produkt bietet individuell auf die Lebenssituation zugeschnittene und auf echten Daten basierende Empfehlungen für die Optimierung des gesamten Finanzportfolios, gibt personalisiertes Feedback und identifiziert gezielt Einspar- oder Anlagemöglichkeiten. Feature Nummer drei ist die intelligente Abschlussstrecke: Durch die Nutzung von FiDA-Daten werden Beratungs- und Abschlussprozesse für Versicherungsprodukte deutlich komfortabler und schneller. Versicherer optimieren Produktvorschläge und Vertragsabschlüsse mithilfe bereits vorhandener Kundendaten automatisiert und individuell. So können sie die Conversion Rate erhöhen und reduzieren die Abbruchquote, für User wird der Abschlussprozess deutlich attraktiver.
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Entscheidend für die Zukunftsfähigkeit eines Versicherungsunternehmens sind die Wahl des passenden Strategietyps und die konsequente Ausrichtung und Skalierung des Unternehmens. So können Versicherer gezielt investieren, interne Ressourcen bündeln und regulatorische Pflichten in einen strategischen Wettbewerbsvorteil verwandeln.
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