Elementarschadenversicherung unter Druck: Der Fall Portugal
Portugal galt lange als klimatisch stabil. Doch ein massiver Elementarschaden erschüttert dieses Bild. Milliardenverluste zeigen, wie trügerisch Sicherheit ohne Prävention ist. Der Fall wirft grundsätzliche Fragen zur Versicherbarkeit von Naturgefahren auf, mahnt der ehemalige Versicherungsmanager Alwin W. Gerlach.

Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Portugal zum Schauplatz eines Elementarschadens wird, der in seiner Wucht, in seiner räumlichen Ausdehnung und in seinen wirtschaftlichen Folgen jene Dimensionen erreicht, die man sonst eher mit mitteleuropäischen Hochwasserlagen oder atlantischen Sturmereignissen in Nordeuropa verbindet. Portugal gilt vielen als sonniges Land, als Urlaubsregion, als vergleichsweise klimatisch stabiler Raum. Die jüngsten Bilder erzählen jedoch eine andere Geschichte. Zerstörte Wohngebiete, überflutete Infrastruktur, Milliardenverluste.
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Elementarschäden sind kein neues Thema. Sie beschäftigen Fachleute, Versicherer, Rückversicherer und Aufsichtsbehörden seit Jahrzehnten. Dabei wird seit Langem gemahnt, die Versicherbarkeit solcher Risiken nicht als gegeben hinzunehmen, sondern stets an Prävention, Raumordnung und strukturelle Risikoreduktion zu koppeln. Der Schaden in Portugal führt diese Mahnung eindrücklich vor Augen. Er zwingt dazu, das Verhältnis von Versicherbarkeit und Verantwortung latent neu zu betrachten.
Portugal, ein Risikoraum, der lange unterschätzt wurde
Portugal liegt am Rand Europas, offen zum Atlantik, geprägt von Küsten, Flussmündungen, hügeligen und teils steilen Landschaften. Starkregenereignisse, atlantische Sturmtiefs und Überschwemmungen sind meteorologisch keineswegs unbekannt. Und doch galten sie lange als seltene Ausnahme, nicht als systemisches Risiko.
Was sich geändert hat, ist nicht allein das Wetter. Es sind verdichtete Bebauung, versiegelte Böden, gewachsene Infrastrukturen in gefährdeten Lagen und eine zunehmende Nutzung von Regionen, die früher natürliche Pufferzonen waren. Wenn Starkregen heute auf solche Strukturen trifft, entsteht kein lokaler Schaden mehr, sondern ein gesamtwirtschaftliches Ereignis.
Der Schaden in Portugal ist deshalb weniger überraschend, als es auf den ersten Blick scheint. Überraschend ist vielmehr, wie wenig vorbereitet viele Regionen waren, strukturell, planerisch und gesellschaftlich.
Versicherungsrealität, Schutz vorhanden, aber nicht umfassend
Ein erheblicher Teil der portugiesischen Haushalte verfügt über Wohngebäude- oder Multirisk-Versicherungen. Viele Policen beinhalten Sturmschäden, einige auch Überschwemmungen oder andere Naturgefahren. Gleichzeitig ist der Deckungsumfang häufig fragmentiert. Definitionen unterscheiden zwischen Sturm, Starkregen, Überschwemmung, Rückstau oder einfachem Wasserschaden. Selbstbehalte und Sublimits schränken Leistungen ein.
Für Versicherungsnehmer entsteht daraus eine Erwartungslücke. Der Schaden ist real, die Versicherung vorhanden, und dennoch bleibt ein Teil der Kosten ungedeckt. Für Versicherer wiederum bedeutet dies eine kommunikative Herausforderung. Versicherung wird gesellschaftlich als Sicherheitsnetz wahrgenommen, nicht als selektives Risikotransferinstrument. Gerade bei Elementarschäden wird diese Diskrepanz besonders sichtbar.
Marktakteure zwischen Risikotransfer und Stabilitätsversprechen
Der portugiesische Versicherungsmarkt wird von nationalen und internationalen Gesellschaften geprägt. Große europäische Gruppen tragen einen wesentlichen Teil des Risikos, gestützt durch Rückversicherungsprogramme und internationale Kapitalmärkte. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist das System robust.
Doch Robustheit ist nicht gleich Nachhaltigkeit. Solange Risiken versicherbar erscheinen, werden sie gezeichnet. Solange Rückversicherung verfügbar ist, bleibt die Tragfähigkeit erhalten. Die Frage, ob ein Risiko gesellschaftlich sinnvoll getragen wird, stellt sich oft erst im Nachhinein, wenn der Schaden eingetreten ist.
Damit entsteht eine stille Verschiebung von Verantwortung. Prävention wird zur politischen Aufgabe, Versicherung zur nachgelagerten Reparaturinstanz. Das System funktioniert, aber es greift zu kurz.
Rückversicherung als Sicherheitsnetz, nicht als Lösung
Rückversicherer spielen eine zentrale Rolle bei der Abfederung großer Naturereignisse. Sie verteilen Risiken global, stabilisieren Erstversicherer und ermöglichen schnelle Schadenzahlungen. Ohne sie wäre die Versicherbarkeit vieler Elementarrisiken nicht denkbar.
Doch auch Rückversicherung kann nur reagieren, nicht verhindern. Sie kann Schäden tragen, aber keine Landschaften renaturieren, keine Entwässerungssysteme bauen, keine Bauverbote durchsetzen. Je häufiger große Ereignisse auftreten, desto deutlicher wird es. Rückversicherung ist ein Puffer, kein Fundament.
Prävention – der blinde Fleck im System
Der Schaden in Portugal wirft ein Schlaglicht auf ein strukturelles Defizit. Prävention wird politisch oft nachrangig behandelt. Sie ist teuer, langfristig und schwer vermittelbar. Versicherungen wiederum haben traditionell keinen direkten Einfluss auf Bauleitplanung oder Infrastrukturpolitik.
Und doch besitzen sie etwas Entscheidendes. Wissen. Risikomodelle, Schadenstatistiken, Szenarien. Prämienhöhen, Zeichnungspolitik und Deckungsentscheidungen senden Signale. Wo Versicherung verfügbar bleibt, entsteht das Gefühl von Sicherheit, selbst dann, wenn diese trügerisch ist. Hier liegt eine stille Mitverantwortung der Branche. Nicht als Schuld, sondern als Möglichkeit.
Versicherbarkeit auf dem Prüfstand
Die zentrale Frage lautet nicht, ob Elementarschäden versicherbar sind. Technisch sind sie es, solange genügend Kapital bereitsteht. Die eigentliche Frage ist, ob Versicherbarkeit ohne Prävention langfristig verantwortbar ist.
Wenn Risiken immer wieder materialisieren, wenn Schäden in Milliardenhöhe zur Regel werden, wenn staatliche Hilfen systematisch einspringen müssen, dann ist das kein singuläres Ereignis mehr. Dann ist es ein strukturelles Problem.
Ein Appell an Vorstände und Führungskräfte
Portugal ist kein Sonderfall. Es ist ein Spiegel. Was dort sichtbar wird, betrifft viele Regionen Europas. Die Versicherungswirtschaft steht vor der Wahl, ob sie Elementarschäden weiterhin primär als finanzielle Herausforderung betrachtet oder als Anlass, ihre Rolle im Gesamtsystem neu zu definieren.
Präventionsanreize, klare Kommunikation von Risikogrenzen, Kooperation mit Politik und Kommunen, transparente Zeichnungspolitik, all das sind keine radikalen Forderungen. Sie sind Ausdruck einer Branche, die Verantwortung nicht nur trägt, sondern gestaltet.
Schlussgedanke
Der unbekannte Elementarschaden ist nicht der Sturm. Er ist die Gewöhnung an ihn.
Solange Schäden als Ausnahme behandelt werden, obwohl sie zur Regel werden, bleibt das System reaktiv. Der Schaden in Portugal sollte deshalb weniger als Naturereignis gelesen werden, und mehr als Einladung, Versicherbarkeit, Prävention und Verantwortung neu zusammenzudenken.
