Warum die Versicherungskammer die Nürnberger nicht übernommen hat
Die Versicherungskammer verbucht deinen Millionen-Gewinn und präsentiert insgesamt starke Geschäftszahlen. Gleichzeitig treibt der Konzern die Transformation und Automatisierung voran. Zudem berichtet die Konzernspitze über den Verkauf der Anteile an der Nürnberger Versicherung.

Anzeige
Im vergangenen Jahr hatte es einen offenen Bieterstreit um die Nürnberger Versicherung gegeben. Final machte die Vienna Insurance Group (VIG) das Rennen. Als Interessent wurde immer wieder der Konzern Versicherungskammer genannt. Immerhin war das Münchener Unternehmen zu dem Zeitpunkt mit gut 16 Prozent der Anteile Großaktionär. Statt den Zuschlag zu erhalten, veräußerten die Versicherungskammer ihren bisherigen Anteil an die VIG. Ausschlaggebend war aus Sicht der Versicherungskammer vor allem der Preis. Denn die Österreicher zahlten stolze 120 Euro je Aktie.
„Wir hatten uns an dem M&A-Verfahren beteiligt, aber immer gesagt: Wir sind nur solange auf der Bieterseite, wie die Konditionen passen. Wenn uns der Kaufpreis unangemessen hoch erscheint, geben wir unseren Anteil (...) ab", erklärt der Vorstandsvorsitzende Frank Walthes im Interview mit der „Börsen-Zeitung“
Für die Verrsicherungskammer zielte das Angebot grundlegend auf strategische Weiterentwicklung ab. So sollten Synergien aus einem gemeinsamen Geschäftsmodell gehoben und Stärken beider Häuser kombiniert werden. Ob der Einstieg eines ausländischen Investors die Nürnberger im deutschen Markt substanziell voranbringen wird, bleibt derweil abzuwarten. „Jetzt wird es spannend zu beobachten, wie der neue Eigentümer die Nürnberger Versicherung in seine Strukturen integriert“, hegt Finanzvorstand Andreas Kolb vorsichtige Zweifel.
Finanziell hat sich der Ausstieg für die Versicherungskammer dennoch gelohnt. Der Verkauf der Anteile brachte im laufenden Jahr einen Veräußerungsgewinn von 35 Millionen Euro. Zusätzlich konnten Wertaufholungen in Höhe von steuerfreien 82 Millionen Euro im Abschluss 2025 verbucht werden. Doch auch ohne diese Sondereffekte zeigen sich die Vorstände sehr zufrieden mit dem operativen Geschäft. So sei eins der besten Ergebnisse der Unternehmensgeschichte eingefahren worden. Denn das Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit soll bei rund 500 Millionen Euro liegen, die Beitragseinnahmen stiegen um 7,3 Prozent auf knapp 9,7 Milliarden Euro. Begünstigt wurde das Ergebnis unter anderem durch ein Jahr ohne größere Naturkatastrophen.
Trotz der Niederlage im Nürnberger Bieterprozess bleibt die Versicherungskammer auf Akquisitionskurs. Demnach würde laufend geprüft. Aktuell würde jedoch „keine Transaktion unmittelbar“ bevorstehen, so Walthes. Besonders interessant seien Kompositbestände, darüber hinaus prüfe man auch Optionen in der Personenversicherung. Innerhalb der Gruppe der öffentlichen Versicherer werde zudem über Skalierung und Kooperationen diskutiert. Fusionen seien jedoch aktuell kein Thema.
Als weitere Hausaufgabe für die Zukunft nannte Walthes insbesondere die Transformation. So wolle sich der Konzern bis ins Jahr 2030 neu aufstellen. „Der Vertrieb wird sich mit dem veränderten Kundenverhalten zum Teil neu erfinden und Kapazitäten anders einsetzen“, so Kolb. Eine zentrale Rolle spiele dabei das Datenmanagement sowie der Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Das gelte nicht nur in der Kundenberatung, sondern auch bei internen Arbeitsabläufen.
Die Automatisierungsquote liegt aktuell bei 45 bis 50 Prozent. So zeige die Tochter Bavaria Direkt, dass mit moderner Architektur Quoten von deutlich über 60 Prozent möglich seien. Automatisierung sei auch eine Antwort auf den demografischen Wandel: In den kommenden fünf Jahren müssten allein durch Verrentungen rund 1.500 Stellen neu besetzt werden, mit Wachstum sogar etwa 2.000. „Das gibt der Arbeitsmarkt aber nicht her“, sagt Kolb. Entsprechend plant die Versicherungskammer langfristig mit einer geringeren Belegschaft von rund 6.500 Vollzeitstellen. Aktuell sind es noch etwa 6.950.
Strategisch setzt der Konzern bis 2030 vor allem auf die betriebliche Krankenversicherung und die betriebliche Altersvorsorge. Neben dem traditionellen Vertrieb über Sparkassen und Bancassurance-Lösungen sollen in der bAV auch Kooperationen mit Maklerverbünden und einzelnen Maklern hinzukommen. „Dann können wir unseren Marktanteil in diesem Geschäft bis zum Jahr 2030 erhöhen“, so Walthes. Kurzfristig peilt der Konzern bereits im laufenden Jahr die Marke von zehn Milliarden Euro Beitragseinnahmen an.
