Crans-Montana: Welche Verantwortung Medien und Versicherungsbranche nach der Katastrophe tragen
Die Brandkatastrophe von Crans-Montana wirft Fragen auf, die über den Einzelfall hinausgehen. Zwischen medialer Dynamik, Schuldzuweisungen und Regulierung droht das menschliche Erleben in den Hintergrund zu geraten. Auch Versicherer stehen dabei vor einer Verantwortung, die weit über formale Leistungsprüfung hinausgeht. Ein Gastkommentar vom früheren Versicherungs-Manager Alwin Gerlach.

Die Brandkatastrophe in Crans-Montana hat die Öffentlichkeit in der Schweiz tief erschüttert und zugleich ein Muster sichtbar gemacht, das weit über dieses Ereignis hinausreicht. Tote, zahlreiche Verletzte, Menschen mit schweren körperlichen und seelischen Schäden. Noch während Feuerwehr und Rettungskräfte um Leben kämpften, setzte eine zweite Dynamik ein: mediale Dauerpräsenz, Live-Schaltungen, Pressekonferenzen, erste Bewertungen. Was als notwendige Information beginnt, entwickelt dabei oft eine Eigendynamik, die mehr erzeugt als Orientierung.
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Katastrophen sind zunächst menschliche Ereignisse. Sie treffen Körper, Biografien, Beziehungen. Doch sie werden nahezu augenblicklich in kommunikative Formate überführt. Sie werden erklärbar gemacht, einordnungsfähig, bewertbar. Diese Transformation geschieht nicht aus Sensationslust einzelner Akteure, sondern aus systemischer Logik. Medien arbeiten unter dem Druck permanenter Aktualität. Geschwindigkeit wird zum Maßstab. Stille gilt als Leerstelle.
Gerade in Ausnahmesituationen kollidiert diese Logik mit einem anderen Wert: Würde. Würde braucht Zeit. Sie braucht Zurückhaltung. Sie braucht das Recht, nicht sofort sprechen zu müssen, nicht sofort sichtbar zu sein, nicht sofort interpretiert zu werden. Dieses Recht wird Betroffenen in der frühen Phase nach einer Katastrophe häufig entzogen – nicht vorsätzlich, sondern reflexhaft.
Die Berichterstattung rund um Crans-Montana zeigte diese Spannung deutlich. Bilder von Rauch, Videoclips, Interviews von Augenzeugen und Einsatzkräften erzeugten Nähe und zugleich Distanz. Nähe, weil sie emotional berühren. Distanz, weil sie individuelles Leid abstrahieren. Aus Menschen werden „Betroffene“, aus Verletzungen „Schweregrade“, aus Leben „Zahlen“. Trauer, Schock und Orientierungslosigkeit lassen sich jedoch nicht seriell erzählen. Sie entziehen sich der Logik der Wiederholung.
Besonders prägend ist die frühe Dominanz der Schuldfrage. Sie tritt sachlich auf, rational, scheinbar notwendig. War der Brandschutz ausreichend? Wer hat genehmigt? Gab es Versäumnisse? Diese Fragen sind legitim, doch ihre zeitliche Priorisierung ist nicht neutral. Sie verschiebt den Fokus von der menschlichen Erfahrung hin zur technischen und moralischen Bewertung. Sie dient nicht nur der Aufklärung, sondern auch der psychologischen Entlastung einer Gesellschaft, die Unsicherheit schwer aushält. Was erklärbar erscheint, wirkt kontrollierbar.
Diese Verschiebung hat Folgen. Sie ersetzt Trauer durch Analyse. Sie suggeriert, dass Ordnung wiederhergestellt werden könne, sobald Verantwortlichkeiten geklärt sind. Für Betroffene bedeutet das häufig eine zweite Entfremdung: Ihr Leid wird zur Folie für gesellschaftliche Selbstvergewisserung. Das Ereignis wird besprochen das Erleben bleibt unbeachtet.
Während die öffentliche Aufmerksamkeit diesem bekannten Zyklus folgt, beginnt für die Betroffenen erst der eigentliche Weg. Ein Weg, der nicht in Tagen oder Wochen bemessen wird, sondern in Monaten und Jahren. Körperliche Verletzungen, psychische Traumata, existentielle Unsicherheit prägen den Alltag. Genau hier rückt ein Akteur in den Mittelpunkt, dessen Bedeutung selten in dieser Tiefe reflektiert wird: die Versicherungsbranche.
Versicherung ist in solchen Situationen weit mehr als ein formaler Rahmen. Für die Betroffenen von Crans-Montana entscheidet sie darüber, ob medizinische Nachsorge, Rehabilitation, Pflege, Umbauten, Einkommensverluste und langfristige Einschränkungen tragfähig werden oder zur dauerhaften Belastung. Versicherung wirkt hier nicht abstrakt, sondern unmittelbar lebensprägend.
Gleichzeitig ist Versicherung ein System. Ein System, das auf Kriterien, Definitionen, Abgrenzungen angewiesen ist. Genau darin liegt eine strukturelle Spannung. Schwere Personenschäden folgen keiner klaren Logik. Verbrennungen, Rauchgasvergiftungen, neurologische Beeinträchtigungen und psychische Traumata entfalten ihre Wirkung oft zeitverzögert. Heilung verläuft nicht linear. Rückschläge sind Teil der Realität. Systeme hingegen streben nach Abschließbarkeit.
Viele Geschädigte erleben diese Phase als zweite Prüfung. Sie müssen ihr Leid erklären, ihre Einschränkungen belegen, ihre Belastungen fortlaufend legitimieren. Begutachtungen werden zu emotionalen Belastungsproben. Fristen treffen auf Instabilität. Auch korrekt gemeinte Kommunikation kann dabei als distanziert oder kalt erfahren werden. An diesem Punkt entscheidet sich, ob Versicherung als Schutzraum wirkt oder als zusätzliche Verletzung erlebt wird.
Hinzu kommt die Komplexität der Zuständigkeiten. Haftpflichtversicherungen, Veranstalter, Eigentümer, Unfall- oder Zusatzversicherungen greifen ineinander. Für Menschen in einer Ausnahmesituation ist dieses Geflecht kaum überschaubar. Verzögerungen entfalten dabei eine eigene Wirkung. Sie erzeugen Stress, Existenzangst und das Gefühl von Kontrollverlust. Sicherheit, die zeitlich nicht greift, verliert einen wesentlichen Teil ihrer entlastenden Funktion.
Besonders sensibel ist der Umgang mit möglicher Mitverantwortung, etwa im Kontext einer Silvesterfeier. Juristisch mögen solche Fragen notwendig sein. Menschlich bergen sie erhebliche Risiken. Schuldgefühle, Scham und Selbstvorwürfe können verstärkt werden – unabhängig davon, ob eine rechtliche Verantwortung besteht. Eine verantwortungsvolle Praxis trennt hier klar zwischen Prüfung und Bewertung. Sie klärt Sachverhalte, ohne moralisch zuzuweisen.
Versicherung entscheidet in solchen Situationen nicht nur über Leistungen, sondern über Erfahrung. Transparenz, Erreichbarkeit, Verständlichkeit und zeitliche Verlässlichkeit sind keine Nebenaspekte. Sie prägen, ob Betroffene sich getragen fühlen oder allein gelassen. Personenschäden sind keine Akten. Sie sind Einschnitte in Lebensläufe.
Auch Medien tragen Verantwortung über den Moment hinaus. Information endet nicht dort, wo Aufmerksamkeit endet. Würde bedeutet, nicht alles zu zeigen, was gezeigt werden kann. Nicht jede Betroffenheit ist öffentliches Gut. Eine reflektierte Berichterstattung erkennt ihre eigene Wirkungsmacht und ihre Grenzen. Sie kann informieren, ohne zu instrumentalisieren. Sie kann erklären, ohne zu beschleunigen. Und sie kann Stille zulassen, ohne ihre Aufgabe zu verfehlen.
Die Brandkatastrophe von Crans-Montana steht damit exemplarisch für eine grundsätzliche Frage: Wem gehört das Geschehen nach dem Ereignis? Den Medien? Den Institutionen? Der öffentlichen Debatte? Oder den Menschen, deren Leben sich in einem Moment unwiderruflich verändert hat? Eine verantwortungsvolle Antwort erkennt an: Es gehört zunächst den Betroffenen. Alle anderen sind Begleiter nicht Eigentümer der Geschichte.
Ein reifer gesellschaftlicher Umgang mit Katastrophen zeigt sich nicht im Moment größter Aufmerksamkeit, sondern in der Zeit danach. In der Bereitschaft, nicht nur zu reagieren, sondern zu bleiben. Nicht nur zu regulieren, sondern zu verstehen. Nicht nur effizient zu handeln, sondern würdevoll. Zwischen Schlagzeile und Schicksal liegt ein Raum, der leise ist – aber entscheidend. Ihn ernst zu nehmen, ist keine Frage der Technik, sondern der Haltung.
Schlagzeilen
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Und so bleibt der Wunsch, dass dort, wo Menschen zerbrechen, wenigstens Institutionen standhalten, indem sie Vertrauen nicht fordern, sondern erfüllen.
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