Seit dem Jahr 2011 legt der Finanzanalyst Hermann Weinmann umfangreiche Analysen vor, wie stabil und finanzstark die zwölf größten Lebensversicherer Deutschlands aufgestellt sind. Seine jüngste Analyse ist so umfangreich, dass sie die Zeitschrift für Versicherungswesen (ZfV) über mehrere Ausgaben verteilen muss. Nach dem ersten Teil der Analyse wurde nun auch der zweite veröffentlicht (ZfV 19|2023).

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Ein Teilaspekt der Auswertung ist dabei, welche Stornoquoten die Versicherer aufweisen, wobei Weinmann das Bestandsstorno misst: Die Stornoquote spiegelt also die Anzahl der im Jahr gekündigten oder beitragsfrei gestellten Verträge im Verhältnis zum gesamten Vertragsbestand eines Versicherers wider. Neben dem Rückkauf bzw. der Beitragsfreistellung fließen dabei auch der "sonstige vorzeitige Abgang" ein. Gemeint sind stark vereinfacht Kündigungen, für die ein Versicherer keinen Rückkaufswert auszahlen muss, keine Umwandlung in eine beitragsfreie Summe stattfindet und auch keine Vertragsänderung bzw. Umdeckung vorgenommen wird. Die Gesamtzahl der Verträge im Bestand wurde hierbei für den Anfang des Geschäftsjahres 2022 ausgewertet.

Allianz Leben: Die meisten Kündigungen, aber die niedrigste Stornoquote

In absoluten Zahlen hat die Allianz Leben die meisten Kündigungen zu verkraften: Exakt 153.600 Verträge waren laut der Analyse von Rückkäufen und Beitragsfreistellungen betroffen, weitere 14.245 Verträge kamen durch „sonstige vorzeitige Abgänge“ hinzu. Aufgrund ihrer marktbeherrschenden Stellung - in der Sparte Leben fließt fast jeder vierte Beitragseuro an die Münchener - ist die Allianz aber auch der Versicherer mit der niedrigsten Stornoquote im Markt. Bei rund 11,516 Millionen gehaltenen Verträgen zum Jahresanfang bedeuten die Kündigungen eine Stornoquote von 1,46 Prozent.

Die zweitniedrigste Stornoquote im Feld der Branchengrößen kann die Cosmos Leben vorzeigen. Der Direktversicherer der Generali hielt 1,256 Millionen Lebensversicherungs-Verträge. 15.275 Verträge verloren die Saarbrücker durch Rückkauf und Beitragsfreistellung, weitere 4.566 durch den „vorzeitigen Abgang“. Das bedeutet eine Stornoquote von 1,58 Prozent.

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Auf Rang drei landen zwei Versicherer, die identische Stornoquoten aufweisen: die Württembergische Leben und die HDI Leben mit 1,68 Prozent. Während die Württembergische knapp 1,858 Millionen Verträge zählte, verlor sie durch Rückkauf und Beitragsfreistellung 30.344 Verträge und durch vorzeitigen Abgang 855 Verträge. Die HDI Leben zählte im Bestand 1,885 Millionen Policen, verlor 28.837 durch Rückkauf und Beitragsfreistellung sowie 2.836 durch „sonstigen vorzeitigen Abgang“.

Sechs Versicherer mit Stornoquoten von mehr als zwei Prozent

Lediglich zwei weitere Versicherer können eine Stornoquote unterhalb von zwei Prozent vorzeigen: die Alte Leipziger Leben und die Axa Leben. Sechs weitere Versicherer liegen darüber. Die Alte Leipziger zählte demnach zum Jahresanfang 2022 knapp 1,655 Millionen Verträge, verlor 22.311 durch Rückkauf/Beitragsfreistellung und 7.857 durch vorzeitigen Abgang. Das bedeutet eine Stornoquote von 1,82 Prozent. Die Axa Leben hatte im Geschäftsjahr eine Stornoquote von 1,98 Prozent: Bei einem Gesamtbestand von 2,487 Millionen Verträgen gingen 45.487 durch Rückkauf/Beitragsfreistellung und 3.840 durch vorzeitigen Abgang verloren.

Am anderen Ende der Skala steht die Bayern Versicherung. Mit 4,38 Prozent hat sie die höchste Stornoquote. 2,317 Millionen Verträgen steht ein Verlust von 99.736 Verträgen durch Rückkauf/Beitragsfreistellung und 1.706 durch sonstigen vorzeitigen Abgang gegenüber. Ebenfalls eine sehr hohe Stornoquote hat die R+V Leben mit 3,16 Prozent. Zwar hielt der Versicherer der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken 5,503 Millionen Verträge. Er verlor aber sechsstellig: 158.483 durch Rückkauf/Beitragsfreistellung und 15.597 durch sonstigen vorzeitigen Abgang.

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Auffallend ist, dass Versicherer hohe Stornoquoten haben, die ihre Verträge über Banken vertreiben. „Zu hoffen ist, dass die Bankberater nicht zu „Stornierungen“ raten, um mit mittlerweile lukrativeren Bankprodukten ihre Vertriebsziele zu erfüllen“, schreibt Weinmann in dem Artikel. Es gebe jedoch auch eine andere mögliche Erklärung: Bankaffine Versicherer würden auch Restkreditlebensversicherungen vertreiben: Verträge, die bei einem langfristigen Kredit vor Zahlungsausfällen schützen. Diese nicht unumstrittenen Policen hätten traditionell höhere Kündigungsraten als Altersvorsorge-Produkte: zum Beispiel, wenn Kredite vorzeitig getilgt werden.

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