Rund 12,9 Millionen Erwerbstätige werden in den nächsten 15 Jahren in Rente gehen, warnt das Statistische Bundesamt anhand von Modellrechnungen. Damit verschiebt sich nicht nur das Verhältnis von Erwerbstätigen und Rentnern deutlich. Dem deutschen Arbeitsmarkt gehen auch viele Fachkräfte verloren. Ein Baustein, um den negativen Folgen für die deutsche Wirtschaft entgegenzuwirken: das vorhandene Arbeitskräftepotential besser nutzen.

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In diese Richtung geht ein Vorschlag, den die Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) in einer Studie unterbreitet. Zuerst berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung darüber. Ziel ist es, vor allem Frauen stärker für die Aufnahme eines Vollzeitjobs zu motivieren. Derzeit entpuppt sich vor allem die Geburt eines Kindes als Karrierekiller, denn die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht noch immer zu Lasten der Frauen. Drei von vier Müttern (75 Prozent) sind zwar erwerbstätig - aber davon lediglich 66 Prozent in Teilzeit, wie aus Daten des Statistischen Bundesamtes hervorgeht. Selbst von den Frauen ohne Kind arbeiten 35 Prozent in Teilzeit.

Familienversicherung teurer machen: Nichttätigkeit wird derzeit finanziell belohnt?

Die Studie wird mitverantwortet von Christoph M. Schmidt, dem früheren Chef der Wirtschaftsweisen. Sie listet eine ganze Reihe von Maßnahmen auf, um dem Fachkräftemangel vorzubeugen. Ein Vorschlag lässt besonders aufhorchen: Er zielt darauf, die Erwerbstätigkeit der Frauen zu erhöhen. Durch eine Reform der gesetzlichen Krankenversicherung.

Konkret schlagen die Autorinnen und Autoren in der Studie vor, „die beitragsfreie Mitversicherung in der Ehe oder der Lebenspartnerschaft abzuschaffen“. Derzeit ist es möglich, den Partner oder die Partnerin als familienversicherten Angehörigen kostenlos bei einer Krankenkasse mitzuversichern. Bedingung ist, dass das Einkommen des Mitversicherten 520 Euro im Monat nicht übersteigt bzw. eine geringfügige Beschäftigung gegeben ist.

Die Sozialexperten sehen in dieser Grenze einen finanziellen Fehlanreiz, weil sie verhindert, dass mehr Partnerinnen bzw. Partner ein höheres Einkommen anstreben. Denn sobald die mitversicherte Person sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist, muss die Familie mit deutlich höheren Kosten für die Krankenversicherung rechnen. “Eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wird erst attraktiv, wenn der erzielte Lohn nach Abzug der Krankenkassenbeiträge den Lohn aus einer nicht sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit bei gleichzeitiger kostenloser Krankenversicherung deutlich übersteigt“, heißt es hierzu in der Studie.

Gleichzeitig ist den Wissenschaftlern bewusst, dass viele Personen, die von der Familienversicherung profitieren, dies nicht freiwillig tun. Sondern zum Beispiel, weil sie Angehörige pflegen und deshalb im Job kürzertreten. Entsprechend schlagen sie Ausnahmen vor. „Bei Elternschaft könnte die beitragsfreie Mitversicherung an bestimmte Voraussetzungen (beispielsweise Alter, Betreuung oder Pflege von Angehörigen) geknüpft werden“, heißt es.

Die Studie verweist auf das Modell Österreich, denn in der Alpenrepublik ist es nicht möglich, Angehörige kostenfrei mitzuversichern. Allerdings mit Ausnahmen: Der Beitrag für Mitversicherte entfällt dort, wenn diese mindestens ein Kind im gemeinsamen Haushalt erziehen oder in der Vergangenheit für mindestens vier Jahre erzogen haben.

Laut FAZ könnte die Reform auch die Finanzsituation der gesetzlichen Krankenversicherung verbessern. Dort klafft ein Milliardenloch: Aber allein die Mitversicherung nicht erwerbstätiger Partner koste die Krankenkassen jährlich zwischen 8 und 13 Milliarden Euro. Derzeit wird in der Politik diskutiert, die so genannte Beitragsbemessungsgrenze anzuheben. Damit würden vor allem Besserverdienende und ihre Arbeitgeber stärker belastet, weil ein größerer Teil des Einkommens beitragspflichtig würde.

Fehlende Betreuungsangebote, mangelnde Unterstützung

Zum aktuellen Fachkräftemangel hat sich diese Woche auch Marcel Fratzscher geäußert, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Er verwies darauf, dass der Mangel auch Chancen berge: zumindest aus Sicht der Erwerbstätigen. „Aus der Perspektive der Beschäftigten hat er viele gute Seiten. Weil Menschen heute viel leichter Arbeit finden können, in vielen Fällen sogar eine Auswahl haben“, sagte Fratzscher dem Bayerischen Rundfunk (BR). Das bedeute auch „bessere Arbeitsbedingungen, bessere Löhne“.

Ein riesiges Problem sei der Fachkräftemangel aber aus Sicht der Unternehmen. Und auch Fratzscher sieht in einer höheren Erwerbstätigkeit von Frauen ein wirksames Gegenmittel. „Wir tun immer so, als sei der Fachkräftemangel Naturgesetz. Das ist er natürlich nicht. Das größte ungehobene Potenzial im Arbeitsmarkt ist die Erwerbstätigkeit von Frauen“, sagt Fratzscher.

Hierfür müssten aber erst bessere Rahmenbedingungen geschaffen werden, fordert der Ökonom. Dazu gehörten seiner Ansicht nach Vereinbarkeit von Familien Beruf, mehr Kitas und Schulen, steuerliche Anreize und wenn beim Arbeitgeber mehr auf die Bedürfnisse eingegangen würde. Ein Beispiel: Laut einer Studie des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) Köln von 2020 findet in Deutschland jedes siebte Kind unter drei Jahren keinen Betreuungsplatz, viele Eltern müssen hierfür lange Wartezeiten und Wege in Kauf nehmen. Auch sind die Öffnungszeiten der Kindergärten oft derart, dass sie kaum mit einem Vollzeitjob vereinbart sind.

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Vor allem aber ist auch die Unterstützung der Männer gefordert: Laut Gleichstellungsbericht der Bundesregierung wenden Frauen pro Tag im Durchschnitt 52,4 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf als Männer.