Jedes Jahr müssen die deutschen Lebensversicherer der Finanzaufsichtsbehörde BaFin -und auch der Öffentlichkeit- ihre Finanzkraft nachweisen. Die verpflichtenden Solvency-II-Berichte sind auch dankbare Lektüre für Analysten, um die oft schwer verständlichen Berichte auszuwerten und für interessierte Kundinnen und Kunden aufzubereiten. Zum sechsten Mal hat sich nun der Bund der Versicherten (BdV) die Dokumente zur Brust genommen - und hierfür erneut mit dem renommierten Versicherungs-Ökonomen Carsten Zielke von Zielke Research Consult zusammengearbeitet. 78 Lebensversicherer wurden für die Studie untersucht.

Anzeige

Insgesamt positives Fazit

Das Fazit der Analyse fällt diesmal tendenziell positiv aus. Die deutschen Lebensversicherer sind auf die Niedrigzinsphase gut vorbereitet und weisen überwiegend eine ausreichende Solvenz aus, berichtet der BdV per Pressetext. Um zugleich einzuwenden: Die dramatische Situation der letzten Jahre habe sich zwar entspannt, zum Beispiel gegenüber 2020, als ein Viertel der Anbieter angezählt war. Aber Entwarnung sei nicht angesagt. „Denn der Griff in die Überschusskasse der Kunden wird wichtiger“, mahnt Axel Kleinlein, früherer Vorstandssprecher des BdV und aktuell als Aktuar für den Verein tätig.

Konkret zählen die Analysten 13 Lebensversicherer, die angezählt seien. Sie seien auf Übergangsmaßnahmen angewiesen, um die Solvenzanforderungen der BaFin zu erfüllen, oder müssen hierfür in die Überschusskasse der Versicherten greifen. Auch weisen einige Anbieter eine negative Gewinnerwartung aus. Im letzten Jahr aber wurden noch 23 angeschlagene Versicherer beobachtet - fast alle Anbieter hätten sich zudem gegenüber dem Vorjahr verbessert.

BdV und Zielke werten strenger als BaFin

Diesbezüglich sei darauf hingewiesen, dass der BdV und Zielke noch strengere Regeln ausweisen als die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Bis zum Jahr 2032 dürfen die Versicherer mit erleichterten Übergangsregeln rechnen, um eine ausreichende Finanzkraft nachzuweisen. Unter anderem dürfen sie bei der Bewertung ihres Risikos schwankende Marktwerte ausgleichen, wenn sie lang laufende Anleihen halten: Diese haben einen festen Endwert, wenn sie gehalten werden, aber ihr Wert ist zwischenzeitlich sehr volatil. Vor allem Anleihen, die in Zeiten niedriger Zinsen abgeschlossen wurden, könnten folglich nun von einem zwischenzeitlichen Wertverlust betroffen sein. Denn da die Zinsen am Kapitalmarkt wieder angestiegen sind, lassen sich auch wieder höhere Renditen auf neu gezeichnete Papiere erzielen.

Folglich weist die BaFin eine Brutto-Solvenzquote und eine Netto-Solvenzquote aus. Bei ersterer sind Übergangsmaßnahmen eingerechnet. Alle Versicherer im Teilnehmerfeld erfüllen hier die geforderten 100 Prozent Solvenz. Die Nettoquote ist jene ohne Übergangsmaßnahmen. Zusätzlich schauen der BdV und Zielke aber darauf, welche Versicherer die Überschussbeteiligung zum Nachteil der Kundinnen und Kunden in der Vergangenheit kürzen mussten. Das ist den Anbietern erlaubt, wenn sie gegenüber der BaFin nachweisen, dass dieser Schritt notwendig ist, um dauerhaft die Finanzkraft zu sichern. „Der „Kniff“, mit Kundengeldern die Solvenz zu stützen, wurde von keinen weiteren Märkten aufgegriffen und ist nur in Deutschland und Frankreich zu beobachten“, kritisieren die Studienmacher.

Anzeige

Folgende Lebensversicherer gelten nach Interpretation der aktuellen Studie als angezählt:

versicherungscheck.bundderversicherten.de/

Transparenz der Berichte auf hohem Niveau

Fortschritte erkennen die Studienmacher auch bei der Transparenz der Solvency-II-Berichte. Diese sei auf einem vergleichsweise hohem Niveau. „Das ist sehr erfreulich, die Versicherungsgesellschaften haben hier ihre Hausaufgaben gemacht“, sagt Versicherungsmathematiker Axel Kleinlein. Aber es gebe auch negative Entwicklungen, besonders bei den großen Versicherern. Dort habe die Transparenz an der einen oder anderen Stelle abgenommen. Als Beispiel wird die Allianz Leben genannt, ohne dass konkrete Gründe für die geringere Transparenz angeführt werden. Aber unter anderem wird moniert, dass der Versicherer keine ESG-Risiken ausweise: stark vereinfacht Risiken, die aus Investments in umweltschädliche oder sozial fragwürdige Branchen und Unternehmen entstehen. Hier hatte zum Beispiel die NGO Urgewald das Engagement der Münchener in der Kohleindustrie bemängelt.

Insgesamt würden 32 Versicherer darauf verzichten, ihre Nachhaltigkeitsrisiken auszuweisen, bemängeln die Studienautoren. „Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Thema für die CSR-Berichterstattung, sondern auch für die Solvenzeinschätzung. Das scheint noch nicht bei allen Gesellschaften angekommen zu sein“, sagt Dr. Carsten Zielke, Geschäftsführer der Zielke Research Consult GmbH. Anders formuliert: Nicht nur mit Blick auf die Unternehmens-Verantwortung ist die Frage relevant, ob Versicherer nachhaltig und ökologisch investieren. Das betrifft auch ihre Finanzstabilität. Werden zum Beispiel bestimmte Techniken in der EU verboten oder stark eingeschränkt, kann sich für die Versicherer ein Investment an dieser Stelle als finanzielles Risiko entpuppen - und Abschreibungen erforderlich machen.

Anzeige

Run-off-Dienstleister tendenziell schwach

Darüber hinaus haben BdV und Zielke darauf geschaut, wie Run-off-Versicherer dastehen. Versicherer also, die kein Neugeschäft zeichnen, sondern sich darauf spezialisiert haben, laufende Verträge nur noch abzuwickeln. Das Urteil fällt eher negativ aus. Von elf getesteten Unternehmen hätten 7 Anbieter Solvenzprobleme, weil sie Kundengelder abschöpfen müssen, um ausreichend stabil zu sein. Vier Run-off-Gesellschaften weisen zudem eine Verlusterwartung aus. „Damit ist das Run-Off-Branchensegment im Marktvergleich sehr schwach. Die Unterschiede zwischen den Unternehmen sind aber sehr groß!“, schreiben die Analysten.

Auswirkungen durch die jetzt wieder steigenden Zinsen werden sich hingegen erst in vielen Jahren als Überschussbeteiligung bei den Kundinnen und Kunden bemerkbar machen. Kurzfristig hilft es aber den Solvenzquoten, sagt Kleinlein. Erneut erhebt er den Vorwurf des „legalen Betrugs“ in Richtung der Lebensversicherer.

Anzeige

„Die deutsche Lebensversicherung ist zu unflexibel, um auf sich ändernde Zinsen reagieren zu können, das haben die letzten Jahre einmal mehr gezeigt“, sagt Kleinlein. Besonders die Unternehmen, die viel in Staatsanleihen investiert haben, würden durch die deutschen Anforderungen nach HGB Schwierigkeiten bekommen – sie kommen in der Regel zwar besser durch Zeiten niedriger Zinsen, könnten aber bei steigenden Zinsen dennoch nur geringe Überschüsse geben. Der Anteil des Investments in Staatsanleihen sei gegenüber dem Vorjahr in etwa stabil geblieben. Die Studie sowie dazugehörige Tabellen zu den einzelnen Anbietern können auf der Webseite des BdV eingesehen werden.

Seite 1/2/