Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) stellt der Riester-Rente mit einer aktuellen Studie ein schlechtes Zeugnis aus. Ihre ursprünglich angedachten Ziel verfehle sie weitgehend, fasst Studienautor Peter Haan die Ergebnisse zusammen. Weder könne sie einen Ausgleich für das sinkende Rentenniveau in der gesetzlichen Rente schaffen noch sei sie geeignet, den Lebensstandard im Alter zu sichern. „Die Riester-Rente erreicht nicht diejenigen, die sie am dringendsten brauchen würden“, sagt Haan bei der Vorstellung der Studie.

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Die ärmsten Einkommensgruppen riestern nicht

Für die Studie hat das DIW Berlin nicht einfach den Bestand der Verträge auf die Beschäftigten umgerechnet, zumal einige Personen auch mehrere Riester-Verträge halten. Stattdessen wurden Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) ausgewertet: die größte wiederkehrende Haushaltsbefragung mit 14.000 teilnehmenden Haushalten. Die Daten stammen aus den Jahren 2004 bis 2020.

Das Ergebnis: „Seit zehn Jahren stagniert der Anteil der BürgerInnen bis 65 Jahren, die einen Riester-Vertrag abgeschlossen haben, bei etwa 25 Prozent“, schreibt das DIW in einem Pressetext. Ein Großteil der Haushalte werde folglich nicht erreicht.

Zudem würden gerade Menschen mit geringem Einkommen nicht riestern. Um das herauszufinden, hat Studienautor Haan die Bruttoerwerbseinkommen in zehn Dezile eingeteilt: stark vereinfacht zehn gleich große Einkommensklassen vom ärmsten bis zum reichsten Zehntel der Bevölkerung nach Bruttoerwerbseinkommen. Im ersten Dezil sind die ärmsten zehn Prozent der Erwerbstätigen nach Einkommen erfasst. Hier riestern nur 16,6 Prozent der Befragten: in keiner anderen Gruppe ist die Zahl so niedrig. Auch im zweiten Dezil ist die Zahl der Riesterer mit 24,7 Prozent unterdurchschnittlich (Werte für 2020). Es gelte die Faustregel: Je niedriger das Einkommen, desto geringer ist der Anteil der Riester-Sparer.

Ergänzt werden muss aber zur niedrigen Riester-Quote: Für viele Bürgerinnen und Bürger empfehlen sich eher andere Formen der Vorsorge. Voraussetzung für den Erhalt staatlicher Förderungen ist die Pflicht­versicherung in der gesetzlichen Renten­versicherung: Gerade viele Selbstständige fallen hier durch das Raster. Für sie wurde mit der Basisrente, umgangssprachlich auch Rürup-Rente genannt, ein eigenes Förderinstrument geschaffen. Auch Studierende riestern in der Regel nicht: förderberechtigt sind sie dann, wenn sie neben dem Studium einen sozialversicherungspflichtigen Job haben oder bei einem Minijob freiwillig auf die Versicherungsfreiheit verzichten. Darüber hinaus haben Beamte oft keine Riester-Rente, da sie im Alter oft besser abgesichert sind als Personen in der gesetzlichen Rentenversicherung.

Gerade Menschen mit niedrigem Bruttoeinkommen verzichten auf Riester.DIW Berlin

Bildung, Beruf und Zahl der Kinder entscheiden, wer riestert

Neben dem Bildungsniveau scheint vor allem die berufliche Position entscheidend für die Frage zu sein, wer einen Riester-Vertrag abschließt: Je höher die berufliche Position, desto häufiger wird ein Riester-Vertrag gehalten, berichtet Haan. So haben im Jahr 2020 rund 42 Prozent der Angestellten mit Führungsaufgaben einen Riester-Vertrag, hingegen nur elf Prozent der Ungelernten. Auch bei Absolventen einer Fachhochschule (36,2 Prozent) oder einer Uni (27,1 Prozent) ist die Riester-Rente überdurchschnittlich verbreitet.

Gleichwohl präsentiert das DIW auch Zahlen, die für die Riester-Rente sprechen. So halten mit 28 Prozent tendenziell mehr Frauen einen Riester-Vertrag als Männer (23 Prozent). Aufgrund der niedrigeren Einkommen wegen z.B. häufiger Teilzeitarbeit für die Kindererziehung ist bei Frauen das Risiko der Altersarmut höher.

Auch Familien mit Kindern nutzen laut Studie überproportional Riester. Personen in Haushalten mit einem Kind nutzen diese Altersvorsorge zu 29,6 Prozent, mit zwei Kindern gar zu 38,4 Prozent und mit drei und mehr Kindern zu 38,1 Prozent. Dies sei mit der Förderstruktur des Instruments zu erklären, da die Kinderzulagen den Abschluss eines Vertrages attraktiver machen.

„Die Riester-Rente muss grundlegend reformiert werden“, fasst Co- Autor Markus M. Grabka das Ergebnis der Studie zusammen. „Die Riester-Rente sollte am schwedischen Modell der privaten Altersvorsorge ausgerichtet werden.“ In Schweden ist private Altersvorsorge obligatorisch. Von staatlicher Seite werde ein standardisiertes Vorsorgeprodukt mit geringen Bürokratiekosten angeboten, wobei Grabka vorschlägt, Beiträge von Arbeitslosen und Geringverdienern zu subventionieren.

GDV: "weltweit erfolgreichstes freiwilliges Altersvorsorge-Produkt"

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) wollte die Studie nicht kommentieren, verwies aber auf ein aktuelles Positionspapier. „Mit aktuell über 16 Millionen abgeschlossenen Verträgen ist Riester die weltweit erfolgreichste freiwillige staatlich geförderte Altersvorsorge“, sagt demnach der Hauptgeschäftsführer des GDV, Jörg Asmussen.

Auch der GDV hält Reformen für notwendig, vertritt aber den Standpunkt, dass Riester nicht ohne Weiteres ersetzt werden könne. Eine Stellschraube für mehr Attraktivität: weniger Bürokratie bei Beantragung der Fördergelder. „Im Zuge einer Reform lässt sich über ein einfaches, auch digital vertriebenes und kostengünstiges Standardprodukt reden", sagt Asmussen.

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Auch ein Wegfall der 100-Prozent-Beitragsgarantie sei notwendig: Diese Garantie erfordert es aktuell, dass das Gros der Kundengelder -gesetzlich vorgeschrieben- in festverzinsliche Anleihen investiert werden muss, die im aktuellen Niedrigzins an den Kapitalmärkten kaum was einbringen. Wenig strengere Garantien würden es ermöglichen, dass die Anbieter mehr Geld in Fonds und Aktien stecken, die aktuell deutlich besser rentieren.