Noch spielen Schwere-Krankheiten-Vorsorge und die entsprechenden Versicherungen eine eher untergeordnete Rolle. Die Produktgattung ist in Deutschland immer noch nicht sehr bekannt und deshalb nicht so verbreitet, so Dr. Berndt Schlemann im Interview mit Versicherungsbote. Bei Hoesch & Partner, die auch viele Kunden aus dem angelsächsischen Raum betreuen, sieht es schon etwas besser aus. Dennoch zeigt eine Umfrage des Instituts für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP), dass Vermittler häufiger zu anderen Produktgattungen beraten. Die vergleichbaren Grundfähigkeitsversicherungen werden von 14 Prozent der Befragten mehrmals im Monat bei Beratungen angesprochen; Dread-Disease-Versicherungen nur von 7 Prozent (siehe Grafik).

Assistance-Leistungen als ‚Vertriebs-Turbo‘

Eine Möglichkeit, das zu ändern, könnten Assistance-Leistungen darstellen. So zeigte eine YouGov-Umfrage, dass ein Großteil der Befragten sogar bereit wäre, für Assistance-Leistungen zusätzlich zu zahlen. Besonders hoch war die Zahlungsbereitschaft bei Befragten mit Kindern. Und auch die Anbieter erkannten in diesen Zusatzleistungen ein interessantes Betätigungsfeld, um sich im Wettbewerb zu differenzieren. Insbesondere der Bereich ‚Gesundheit‘ wurde in der Studie „Mehrwerte in der Assekuranz durch Assistance-Leistungen“ genannt. Diese datiert allerdings auf das Jahr 2015. Eine jüngere und regelmäßige Publikation dazu ist das „Assistance-Barometer“ der Generali-Tochter Europ Assistance. Wichtigste Erkenntnis des 13. Barometers: Personalisierte Assistance-Leistungen gewinnen an Popularität. „Insbesondere in gesellschaftlich herausfordernden Zeiten erfüllt der ‚Problemlöser-Ansatz‘ einer serviceorientierten, individualisierten Assistance-Leistung die Bedürfnisse der Menschen. Als Zusatznutzen-Element der Versicherungswirtschaft erlaubt Assistance über eine ‚lifetime partnership‘ eine konstante Servicebeziehung zum einzelnen Versicherungsnehmer, womit Assisteure zum tatsächlichen Problemlöser und human factor des Versicherungswesens werden“, so Prof. Dr. Matthias Müller-Reichart, Studiendekan der Wiesbaden Business School und Mitherausgeber des Assistance Barometers.

Das klingt vielversprechend. Versicherer könnten konkreten Nutzen jenseits der Geldüberweisung bieten - endlich ein bisschen ‚sexy‘ werden! Im Schwere-Krankheiten-Bereich könnte eine Vielzahl solcher Assistance-Leistungen angeboten werden:

  • individuelle Fallbegleitung
  • Kooperationen mit Rehakliniken
  • Arzneimittel-Management
  • Hilfsmittel-Beschaffung
  • Telemedizin
  • Telefon-Beratung
  • Organisation und die Vermittlung von Fahrdiensten zu Ärzten und Behörden
  • Essen auf Rädern und /oder Haushaltshilfen
  • Transport-Dienstleistungen für die Kinder von Betroffenen
  • Beratung zum Hausumbau

Die Liste ließe sich spielend fortsetzen - gerade im Dread-Disease-Bereich, wo sich (je nach Fall) mit Gesundheit, Mobilität und Flexibilität gleich mehrere Megatrends der Branche überschneiden. Dr. Marc Surminski, Chefredakteur der Zeitschrift für Versicherungswesen, schreibt über das ‚Assistance-Barometer‘: „Die Studie ist seit Jahren die einzige fundierte Analyse des Assistance-Geschäfts im deutschen Markt.“ Was wie Lob klingt, lässt sich auch als Mangelbeschreibung lesen und deutet an, welchen Stellenwert Assistance-Leistungen tatsächlich für die Anbieter haben. Denn, um es vorsichtig zu formulieren, das Assistance-Angebot im Bereich der Schwere-Krankheiten-Versicherung ist sehr überschaubar.

Ein Kurzcheck der Versicherungsbote-Redaktion zeigte, dass gerade mal zwei Anbieter überhaupt auf Assistance-Leistungen in ihren Unterlagen hinweisen. In beiden Fällen handelt es sich um eine Telefon-Hotline. Zum einen bietet CanadaLife mit der Malteser Helpline kostenfreie telefonische Beratung bei einer Krebserkrankung. Zum anderen kann bei der Nürnberger eine telefonische Facharzt-Beratung in Anspruch genommen werden und auf Wunsch stellt der Facharzt den Fall einem Spezialisten vor und/oder hält Rücksprache mit dem Behandler. Allerdings ist die Anzahl der Gespräche auf vier begrenzt.

Andere wichtige Anbieter von Schwere-Krankheiten-Policen führen in ihren Bedingungen gar keine Assistance-Leistungen auf oder stellen ihre Bedingungen nicht online zur Verfügung. Das ist ernüchternd und gut möglich, dass die Branche an dieser Stelle Potenzial verschenkt.