Die Solvabilität der deutschen Lebensversicherer -stark vereinfacht die Fähigkeit, Risiken mit Eigenkapital zu begegnen- wird sich künftig weiter dramatisch verschlechtern. Grund seien anhaltend niedrige Zinsen, die Corona-Krise und verschärfte Stressanforderungen der europäischen Aufsichtsbehörde EIOPA. Davor warnt aktuell das Beratungshaus Oliver Wyman, das die Risikoausstattung der Anbieter untersucht hat.

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Niedrigzins-Umfeld über Jahre zementiert

Die Ausgangslage für deutsche Lebensversicherer schätzen die Berater als sehr ungünstig ein. Der Niedrigzins setzte die Lebensversicherer bereits vor der Krise unter Druck - diese Situation werde sich weiter verschärfen.

„Vor allem für klassisch geprägte Lebensversicherer wird die Kapitalanlage in sichere Asset-Klassen immer schwieriger: Unternehmensanleihen verzinsen geringer, (deutsche) Staatsanleihen haben seit längerer Zeit negative Renditen – und die Entwicklung der Covid-19-Pandemie und entgrenzter europaweiter Staatsverschuldung zementiert dieses negative Umfeld auf Jahre hinaus“, schreibt Oliver Wyman in einem Pressetext.

Die Folgen bekommen nicht nur die Kundinnen und Kunden zu spüren. Sie werden weniger an den Überschüssen beteiligt, ihre Altersvorsorge sinkt: zumindest, wenn sie einen klassischen Vertrag mit Garantiezins halten. Auch den Lebensversicherern falle es immer schwerer, ihre Solvenz -also die Zahlungsfähigkeit aus regulatorischer Sicht- nachhaltig zu sichern.

Das liegt auch daran, dass die Versicherer noch erleichternde Übergangsmaßnahmen anwenden dürfen, wenn sie der Finanzaufsicht ihre Risiko-Fähigkeit nachweisen: aber diese laufen 2032 aus. Zum Beispiel erlaubt die Behörde, Anleihen aktuell höher zu bewerten, wenn sie nur vorübergehend an Wert verlieren. Das soll Versicherern Zeit verschaffen, sich an das neue und strengere Aufsichts-Regime Solvency II einzustellen.

Strengere Aufsichts-Regeln drohen

Zum jetzigen Zeitpunkt sei die Kapitalaustattung der Lebensversicherer gut bis zufriedenstellend, berichtet Oliver Wyman, das die Solvency-II-Berichte für 2019 ausgewertet hat. „Kurzfristig und auch auf längere Sicht könnten das anhaltende Zinstief, abrupte Zinsschocks und fallende Kapitalmärkte den Druck auf die Lebensversicherer erhöhen“, geben die Analysten zu bedenken. Als Folge könnten auch die Aufsichts-Vorschriften verschärft werden, „um das Zinsrisiko durch Anpassungen der verwendeten Zinskurve realitätsnäherer abzubilden“.

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Niedrigzins und schärfere Stress-Szenarien machen es wahrscheinlich, dass nicht alle Lebensversicherer überlebensfähig sind: Manche müssen aufgeben. „Die private Lebensversicherung ist traditionell ein wichtiger Bestandteil der Altersvorsorge in Deutschland. Die andauernden niedrigen Realzinsen machen es Versicherern aber zunehmend schwerer, die ihren Kunden versprochenen Renditen zu erwirtschaften und ihre eigene Solvabilität nachhaltig zu sichern,“ erläutert Heiko Faust, Partner und Lebensversicherungsexperte bei Oliver Wyman.