Ein Schreiben von Personalchef Ralf Wangemann sorgte in dieser Woche für Aufregung beim Autobauer Opel. Das hauseigene Betriebsrenten-System bedürfe einer „grundlegenden Modernisierung“, so schrieb er an die Belegschaft - wobei sich hinter dieser Formulierung leicht verklausuliert Pläne verbergen, den Rotstift anzusetzen. Denn die Renten seien ein „gewichtiger Kostenfaktor“, der „seit vielen Jahrzehnten…deutlich über dem üblichen Marktstandard“ angesiedelt sei (der Versicherungsbote berichtete).

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Opel will also die Betriebsrenten kürzen - und hofft dabei auch auf Verständnis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Denn den Rüsselsheimer Autobauer planen Absatzsorgen. Um bis zu 90 Prozent seien die Verkäufe infolge der Coronakrise eingebrochen, zitiert das „Handelsblatt“ aus dem Rundschreiben. Doch die Arbeitnehmer-Vertreter geben sich hart.

“Angriff“ auf Loyalität der Beschäftigten

Wie das „Handelsblatt“ weiter berichtet, hat der Betriebsrat eine Verhandlung über die Betriebsrenten schlicht abgelehnt. „Hände weg von der Opel-Altersversorgung“ ist demnach ein Rundschreiben betitelt, das der Betriebsrat an die rund 15.000 Opel-Beschäftigten gesendet hat. Darin sei von einem „Angriff“ die Rede, der die ohnehin beschädigte Bindung der Mitarbeiter an das Unternehmen weiter sinken lasse.

Verhandlungen über die Betriebsrenten lehnt der Betriebsrat schlichtweg ab. Und verweist darauf, dass ohnehin der frühere Opel-Eigner General Motors (GM) das Gros der Finanzierung stemme. Der US-amerikanische Konzern hatte den angeschlagenen Autobauer 2017 an den französischen Konzern PSA verkauft - und gleichzeitig drei Milliarden Euro zum Ausgleich für Altersvorsorge-Ansprüche überwiesen. Wer bereits Renten erhielt, wird weiterhin vom amerikanischen Tech-Konzern ausgezahlt.

Pro Jahr dreistelliger Millionenbetrag

Personalchef Wangemann hatte bereits zugesichert, dass erworbene Anwartschaften sowie die Bestandsrenten nicht gekürzt werden sollen, sondern nur in Zukunft erworbene Ansprüche. Allein der Ausgleich der Zinsen für die Betriebsrente erfordere jährlich einen dreistelligen Millionenbetrag, schreibt laut "Handelsblatt" die Geschäftsführung in einer internen Stellungnahme. Damit sei das Betriebsrenten-System weder nachhaltig noch wettbewerbsfähig. 2018 habe Opel 65 Millionen Euro an Pensionsrückstellungen und 180 Millionen für Zinsen aus den Pensionspflichten aufwenden müssen.

Tatsächlich erwirbt die Opel-Belegschaft aus den Betriebsrenten aktuell hohe Ansprüche, die an bessere Zeiten der betrieblichen Altersvorsorge gemahnen. Hundert Prozent durch den Arbeitgeber finanziert, liege die durchschnittliche Verzinsung der Jahresrenten bei rund fünf Prozent, berichtet die Deutsche Presse-Agentur.

Laut einer Studie des Marktforschers Nordlight Research für 2019 ziehen sich die Arbeitgeber immer mehr aus der Finanzierung der Betriebsrenten zurück: Die Beschäftigten müssen sie aus ihrem eigenen Lohn stemmen. Zwei Drittel der deutschen Betriebe beteiligen sich demnach allein über die Entgeltumwandlung an der Betriebsrente - unter der Option, Sozialbeiträge einzusparen, was auch die gesetzliche Rente schwächt.

Harte Vorgaben

Doch die Opel-Beschäftigten mussten bereits in den letzten Jahren zahlreiche Einschnitte hinnehmen. Der französische Eigner PSA hat dem Autobauer einen harten Sanierungskurs verordnet, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Zwischen 2017 und 2019 wurden 7.000 Stellen abgebaut, weitere 2.000 sollen bis zum Jahresende 2021 folgen. Der Konzern versichert, die Stellen vor allem sozialverträglich abzubauen - über Abfindungen und Vorruhestands-Lösungen.

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2018 machte sich das Management unbeliebt, als Opel versuchte, eine tariflich vereinbarte Lohnerhöhung nicht zu zahlen: Die vereinbarte Gehaltserhöhung von 4,3 Prozent sollte gestundet werden. Zudem kündigte der Konzern die Verträge mit 1.600 Autohändlern in Europa, um das Vertriebsnetz auszudünnen und den Verkaufsdruck auf die verbliebenen Händler deutlich zu steigern. All das führte zu Misstrauen und offenem Streit zwischen Geschäftsführung und Arbeitnehmer-Vertretern. Das letzte Jahr hingegen war erfolgreich: Um Sondereffekte bereinigt, konnte Opel einen Betriebsgewinn von 1,1 Milliarden Euro erzielen.