Versicherungsbote: Man liest in Zeitungen teilweise sehr dramatische Beschreibungen über überfüllte Notaufnahmen in Kliniken. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in der Notfallversorgung ein?

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Reimer Riessen: Die Situation der Notaufnahmen und Intensivstationen ist schwer zu verallgemeinern. Es gibt Regionen, die besser aufgestellt sind, andere schlechter. Grundsätzlich halten wir einen Strukturwandel für notwendig, weil sich die Versorgungsrealität verändert hat: Die Menschen gehen mehr in Krankenhäuser als früher, sie suchen bei einem Notfall direkt die Klinik auf.

Prof. Dr. Reimer Riessen ist leitender Oberarzt der Internistischen Intensivstation am Universitätsklinikum TübingenWarum gehen die Patienten eher in die Notaufnahmen?

Die Gründe sind vielfältig. Die Patienten kennen oft das System der Notfallpraxen nicht. Speziell jüngere Leute und ausländische Mitbürger wissen nicht, dass es weitere Anlaufstellen als die Notaufnahmen in den Krankenhäusern gibt. Vielleicht bekommen Sie auch keinen Termin beim Haus- oder Facharzt. Dort sind die Praxen ja ebenfalls voll. Auch sind die Notfallpraxen der KV oft nicht rund um die Uhr besetzt – dann geht man automatisch in die Kliniken.

Es ist mir aber wichtig zu betonen: Viele Patienten sind in der Notaufnahme eines Krankenhauses richtig aufgehoben, weil sie Notfälle sind, die einer stationären Versorgung bedürfen. Wenn Sie zum Beispiel einen Thoraxschmerz haben und der Verdacht auf Herzinfarkt besteht, dann kann der KV-Notdienst mit seinen Mitteln – ohne EKG, ohne Labor – den Patienten nicht richtig betreuen. Auch im unfallchirurgischen Bereich kann der kassenärztliche Notdienst meist nicht viel helfen.

Fakt ist: Sie können mit einer Krankenhaus-Notaufnahme viel schneller und treffsicherer bedrohliche Erkrankungen ausschließen und die entsprechende Therapie einleiten, als es ein kassenärztlicher Notdienst in einer minimal ausgestatteten Notfallpraxis tun könnte. Insofern muss man die Vergütungsstrukturen und die Organisation der Notversorgung an diese Realität anpassen, sodass die Krankenhäuser personell, technisch und räumlich besser ausgestattet werden.

Sie kritisieren die Finanzierung über Fallpauschalen, die zu einer Unterversorgung der Intensiv- und Notfallmedizin in den Kliniken beitragen kann. Können Sie kurz erklären, warum gerade die Fallpauschalen die Notfallmedizin benachteiligen?

Zum einen, weil die Pauschalen, die für die ambulante Versorgung im Krankenhaus gezahlt werden, sich an den ambulanten Pauschalen des kassenärztlichen Notdienstes orientieren. Das sind zum Teil nur 32 Euro pro Notfall. Im internationalen Vergleich ist das lächerlich gering und deckt den Aufwand nicht im geringsten. Deswegen galten die Notaufnahmen in den Krankenhäusern bislang als defizitär – mit der Folge, dass in diesen Bereich zu wenig investiert wurde. In vielen Kliniken wird versucht, diese Aufgabe mit dem geringsten Aufwand hinzukriegen, um nicht noch mehr finanzielle Defizite entstehen zu lassen. Das hat auch die Belastung der dort Tätigen zusätzlich erhöht.

Ein weiterer Grund: Grundsätzlich gilt für die Notfallversorgung, dass viele Vorhaltekosten anfallen. Sie haben fast durchgehend hohe Kosten, etwa für das erforderliche Personal – egal, ob es in Anspruch genommen wird oder nicht. Es gibt Tage, an denen eine Notaufnahme mal leer ist, weil schlicht wenige Patienten eingeliefert werden. Und es gibt Tage, da platzt sie aus allen Nähten. Das unterliegt den Gesetzen des Zufalls. Trotzdem haben Sie an einem ereignisarmen Tag die gleichen Personalaufwendungen. Und Sie haben einen festen Dienstplan, den Sie füllen müssen. Das ist mit den Fallpauschalen nicht ausreichend berücksichtigt.

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Die Fallpauschalen haben zu Fehlsteuerungen im Gesundheitssystem geführt, die ebenfalls dazu beitragen, dass viele Kliniken inzwischen zu voll sind. Um Umsatz und Einnahmen zu generieren, werden möglichst viele Patienten für Operationen einbestellt, die sogenannten elektiven Patienten. Ziel ist es hierbei das Fallpauschalensystem auszureizen, also Eingriffe vorzunehmen, die sich finanziell auszahlen. Ständig müssen die Kliniken ihre Fallzahlen steigern. Darunter leidet eine effiziente Notfallversorgung, und das führt zu einer Verschlechterung der Qualität und zu einer Überlastung der Mitarbeiter.