Demnach greifen Versicherer den Senioren aufgrund ihres Alters kräftig in die Taschen – im schlimmsten Fall betrug die Verteuerung für die Jahresprämie des gleichen Tarifs fast 1.900 Euro. Der Versicherungsbote stellt Ergebnisse seiner eigenen Studie zu Senioren-Aufschlägen in der Kfz-Versicherung vor.

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Senioren am Steuer: Die unterschätzte Gefahr?

Es geschah im Mai 2016, in der beschaulichen Kurstadt Bad Säckingen: Ein 84-Jähriger fährt in die Innenstadt, möchte mit seiner Enkelin dort ein Restaurant besuchen. Die Fahrt jedoch endet in einer Katastrophe: Weil der hochbetagte Mann Gas und Bremse verwechselt, rast er in die Fußgängerzone, kommt mit seinem Skoda erst in einer Menschenmenge vor einem Café zum Halten. Zwei Menschen verlieren durch diese fatale Irrfahrt ihr Leben. In einem Gerichtsprozess, der dem Unglück folgt, bescheinigt eine Gutachterin dem Mann eine „generelle, altersbedingte Leistungsminderung“ und spricht von einem „außergewöhnlichen Fall der Selbstüberschätzung“. Die Auseinandersetzung um die Fahrkompetenz älterer Menschen wird durch Unfälle wie diesen zu einem emotionalen Thema.

Das zeigen auch wütende Kommentare, die sich unter einem Artikel der Welt zu diesem Vorfall sammeln. Ein Kommentierender befindet sogar, es sei ein durch die Auto-Lobby verursachter „Skandal“, dass derart „alte Leute“ überhaupt fahren dürfen. Zwar wird eine solch pauschalisierende Verurteilung fahrender Senioren kaum breite Zustimmung erfahren. Dennoch aber scheint sich die öffentliche Meinung zumindest in einem Punkt einig: Wer im Alter fahren will, soll immer neu seine Fahrtauglichkeit beweisen müssen. So sprechen sich in einer Umfrage von Auto-BILD auch 70 Prozent der Befragten für so genannte „Fahrtauglichkeitstests“ aus. Mehr Senioren am Steuer bedeuten auch für diese Menschen ein höheres Risiko.

Senioren: Seltener in Unfälle verwickelt

Die Forderung jedoch hält einem prüfenden Blick kaum Stand. Das zeigen wissenschaftliche Arbeiten der Unfallforschung der Versicherer (UDV). So ergab eine Auswertung internationaler Studien zu Ländern, in denen Fahrtauglichkeitstests verpflichtend sind: Die Tests haben „keine positiven Auswirkungen auf die allgemeine Verkehrssicherheit.“ Eine Analyse des Fahrverhaltens Älterer zeigt außerdem: Das Lebensalter eines PKW-Fahrers rechtfertige „keinen Zweifel an dessen Fahreignung“ – zumal viele Ältere zwar tatsächlich Einschränkungen beim Seh- oder Reaktionsvermögen zeigten, die Defizite jedoch durch Anpassung der Fahrweise ausgleichen.

Die Unfallstatistik gibt sich zu dieser Frage widersprüchlich. Denn zwar steigt ab etwa 75 Jahren tatsächlich die Wahrscheinlichkeit, einen Unfall selbst zu verursachen, wie der Versicherungsbote bereits berichtete. Dennoch aber sind Senioren laut Statistischem Bundesamt im Vergleich zu ihrem Bevölkerungsanteil seltener in Verkehrsunfälle verwickelt. Dass Senioren den Verkehr überproportional gefährden, erweist sich demnach als Trugschluss aufsehenerregender, aber weniger Verkehrsunfälle.

Erstaunlich ist jedoch vor diesem Hintergrund, dass Versicherer ganz im Sinne des Vorurteils handeln und KFZ-Tarife mit satten Aufschlägen versehen, sobald Senioren eine Versicherung neu abschließen wollen. Um Auswirkungen des Alters auf die Kfz-Prämienhöhe zu ergründen, führte der Versicherungsbote nun eine eigene Studie durch.

Seniorentarif-Studie des Versicherungsboten: Was wurde gemacht?

Instrument des Tarifvergleichs für den Versicherungsbote war der Inveda-Makler-Assistent (IMA) – ein Maklertool der Leipziger Inveda.net GmbH, mit dem sich verschiedene Tarife nach 21 Leistungskategorien bewerten lassen. Anders aber als bei herkömmlichen Leistungs-Rankings ging es uns nicht um einen Vergleich der Leistungsinhalte, sondern um eine Erhebung der Prämienunterschiede nach Alter. Hierzu wurden exemplarisch 25 Vollkasko-Tarife von 13 Anbietern untersucht.

Wichtig war für das Studiendesign: Einzig das Alter sollte für die eingeholten Angebote relevant sein, alle anderen Angaben zur Person sollten übereinstimmen. Folgende Annahmen wurden für die Studie zugrunde gelegt: Versichert werden sollte ein Hamburger als Fahrer eines Volkswagen Sharan mit 150 PS. Der Hamburger absolvierte vor der Berufstätigkeit eine kaufmännische Ausbildung und war (im Falle der Senioren) beziehungsweise ist noch aktuell im Handel tätig. Prämien wurden eingeholt für eine Kfz-Vollkasko-Versicherung mit Schutzbrief. Die Selbstbeteiligung lag bei 500 Euro. Als jährliche Fahrleistung wurden 12.000 Kilometer angegeben. Versicherungsgrund war der Versicherungswechsel.

Weitere Angaben zu dem Musterkunden – angefangen bei der Schadenfreiheitsklasse 15 über die Wohnstraße bis hin zur Fahrzeugsidentifikationsnummer – waren ebenfalls gleich. Variiert hingegen wurden einzig drei Parameter: Das Alter des Versicherungsnehmers, der Fahrerkreis sowie die Länge des Führerschein-Besitzes. Dass bei gleicher Schadenfreiheitsklasse die Länge des Führerscheinbesitzes jedoch kaum Einfluss auf die Prämienhöhe nimmt, zeigten Modellrechnungen zum Studiendesign: Nur bei einem Anbieter variierten die Tarife bei Veränderung dieses Parameters überhaupt.

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Versichert werden sollte, bei zwei Fahrerkreis-Varianten, letztendlich jeweils ein 35-Jähriger (mit Führerschein seit 2010), ein 67-Jähriger (mit Führerschein seit 1982) sowie ein 85-Jähriger (mit Führerschein seit 1964). In der ersten Variante sollte ein lediger Versicherungsnehmer versichert werden. Weitere Personen wurden nicht in den Fahrerkreis aufgenommen. Die zweite Variante galt einem verheirateten Versicherungsnehmer, der seine Ehefrau in den Fahrerkreis aufnehmen möchte. In dieser Variante galt es,

  • für den 35-Jährigen die 33-jährige Ehefrau aufzunehmen,
  • für den 67-Jährigen die 63-jährige Ehefrau aufzunehmen und
  • für den 85-Jährigen die 79-jährige Ehefrau in den Fahrerkreis aufzunehmen.