Versicherungsbetrug hat viele Gesichter

Versicherungsbetrug hat viele Gesichter. Da sind Delikte, die geradezu als Freundesdienst erscheinen: Jemand behauptet entgegen der Wahrheit, er habe das Handy des Freundes fallen lassen, damit der Freund den Schaden durch die Haftpflichtversicherung ersetzt bekommt. Oder es gibt Delikte, die als Bagatelle wirken: Schnell ist wider besseren Wissens die Behauptung gemacht, ein aus dem Keller gestohlenes Fahrrad wäre ja angeschlossen gewesen. Der Versuch eines Versicherungsnehmers, einen im Alltag erlittenen Schaden auszugleichen, führt leicht in Versuchung bei derartigen und meist harmlos wirkenden Fällen.

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Von ganz anderem Charakter hingegen scheinen spektakulärere Fälle der Selbstverstümmelung, um Leistungen aus der Unfall- oder Berufsunfähigkeitsversicherung zu ergaunern: Oft makaber in der Konsequenz ihrer Durchführung, bringen es nicht wenige dieser Taten zu Medienruhm. Wie etwa jener Mann aus Hameln, der sich von seiner Frau gleich zweimal überfahren ließ, um Geld von seiner Unfallversicherung zu ergaunern. Dass dahinter oft tragische Schicksale stecken: hohe Verschuldung, Ausweglosigkeit etc., rechtfertigt die Taten nicht. Sollte aber bedacht werden, bevor man diesen überführten Tätern mit Häme begegnet.

Und dann sind da noch Delikte des Versicherungsbetrugs, die bereits aufgrund der Akteure jenseits kleiner Alltags-Betrügereien eingeordnet werden müssen: Im Dezember des vorigen Jahres wies zum Beispiel der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GdV) darauf hin, dass Versicherungsbetrug auch zur „Masche der Mafia“ zählt, um Geld zu ergaunern. So werden zum Beispiel Autos als gestohlen gemeldet, die zuvor durch die gleichen Akteure ins Ausland verkauft wurden. Oder es werden Gelder für selbst gelegte Brände kassiert. Bei solchen professionellen Tätern gesellen sich Delikte des Versicherungsbetrugs zu weiteren Delikten wie Geldwäsche, Erpressung und Mord hinzu – ein großer Unterschied zum kleinen Betrug, durch den man dem Freund das Handy ersetzen will.

Auch kleine Delikte vergrößern den Schaden

Obwohl jeder eine etwaige Vorstellung davon hat, was „Versicherungsbetrug“ bedeutet, fasst somit der Begriff ganz Verschiedenartiges zusammen. Und doch: Eines haben alle diese Betrügereien gemeinsam. Denn sie schaden nicht nur den Versicherern, sondern auch dem Kollektiv der Versicherungsnehmer. Wirken sich doch auch harmlose Betrügereien in der Summe negativ auf die Schadensbilanz der Versicherer und damit auf Leistungsniveau und Prämienhöhe aus:

Auf vier bis fünf Milliarden Euro jährlich wird der Schaden für die Branche durch den GdV geschätzt. Besonders häufig sind jene Sparten betroffen, die auch am weitesten verbreitet sind: Haftpflicht-, Hausrat- und Kfz-Versicherungen. So berichtet der Versichererverband, dass vor Fußballweltmeisterschaften und anderen wichtigen Sportereignissen die Zahl der Schadensmeldungen in der Hausrat-Sparte auffällig steigt: Besonders viele Fernseher sollen kaputt gegangen sein. Hier lässt sich vermuten, dass so manch ein Betroffener die Wettkämpfe lieber auf einem "neuen" Gerät sehen will: Finanziert vom Versicherer.

Die geschätzte Höhe des jährlichen Schadens wird jedoch von einer Zahl auffallend kontrastiert, wie Vanessa Köneke, Autorin des Buches „Versicherungsbetrug verstehen und verhindern“, in einem Interview mit dem Versicherungsboten herausstellte: Mit Stand von 2015 werden jährlich nur etwa 5.000 Fälle zur Anzeige gebracht. Das deutet auf eine hohe Dunkelziffer für Versicherungsbetrug gerade in jenen Sparten hin, in denen viele Menschen Versicherungsverträge halten.

Fast jede zehnte Schadenmeldung verdächtig: Volkssport Versicherungsbetrug?

Auch ergab eine Sonderauswertung des GDV aus dem Jahre 2017: Fast jede zehnte Schadensmeldung ist verdächtig; für die Privathaftpflicht beträgt die Zahl sogar 17 Prozent (der Versicherungsbote berichtete). Diese Meldungen erfassen die Versicherer unter „Dubiosschäden" – und damit unter Schäden, die Indizien beinhalten, dass Versicherungsnehmer keine ehrlichen Angaben machten. Oft ist diese Zuordnung Anlass, Hintergründe des Schadens genauer zu prüfen. Deuten aber hohe geschätzte Schaden-Summen durch Versicherungsbetrug und deuten viele Indizien bei Schadenmeldungen darauf hin, Versicherungsbetrug sei ein "Volkssport"? Ist sogar durch Ausmaße des Versicherungsbetrugs "das Geschäftsprinzip einer ganzen Branche infrage gestellt", wie das Wirtschaftsmagazin Capital behauptet? Die Sache zeigt sich bei näherer Betrachtung widersprüchlich.

Studien wie eine Emnid-Umfrage aus dem Jahre 2015 (siehe den Beitrag des Versicherungsboten) oder eine Umfrage des Analyse-Hauses YouGov aus dem Jahre 2017 veranschaulichen: Wenngleich jeder Vierte zugab, schon einmal durch falsche Angaben betrogen zu haben (Emnid) und jeder Siebte einem Versicherungsbetrug nicht abgeneigt ist (YouGov), so gibt dennoch die Mehrheit in den Umfragen an, keinen Versicherungsbetrug zu begehen.

Umstritten ist demnach, ob – wie vom Wirtschaftsmagazin Capital behauptet – Versicherungsbetrug wirklich ein „Volkssport“ ist. Die Fachautorin Vanessa Köneke verneinte gegenüber dem Versicherungsboten eine solche Behauptung und verwies darauf, dass zum einen die Mehrheit der Versicherten ehrlich ist, zum anderen Schummeleien wie ein wahrheitswidriges Behaupten, ein gestohlenes Fahrrad wäre abgeschlossen gewesen, keineswegs grundsätzlich bedeuten: Die Person lügt in jedem Schadenfall. Das Problem und der finanzielle Schaden also sind groß, jedoch will die Expertin den Versicherungsbetrug nicht als Volkssport verstanden sehen.

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Versicherungsbetrug ist eine Straftat

Ein wesentliches Problem ist aber insbesondere jenen Versicherungsnehmern nicht bewusst, die durch vermeintlich kleine Tricks und Notlügen ihren Schaden ersetzt haben wollen: Während viele Versicherungsbetrüger ihren Delikt als Kavaliersdelikt auffassen, handelt es sich gemäß Paragraph 263 des Strafgesetzbuches (StGB) um eine Straftat. Bei einer Verurteilung drohen den Betrügern hohe Geldstrafen oder droht sogar – abhängig von der Schwere des Falls – Gefängnis. Zusätzlich müssen die Betroffenen auch für die Sachverständigenkosten des Versicherers aufkommen, die bis zu 10.000 Euro betragen können, und die Kosten des Rechtsstreites tragen.