Eine aktuelle Endkundenbefragung der Versicherungsforen Leipzig zeigt, dass rund 20 Prozent der befragten BU-Kunden glauben, dass ihr Versicherer im Leistungsfall nicht zahlen wird. Bei den Befragten, die keine Berufsunfähigkeitsversicherung besitzen, aber ein generelles Interesse daran haben, sind es sogar rund 40 Prozent. Auch hier zeigt sich: In Bezug auf die Berufsunfähigkeitsversicherung hat die Branche ein ernstes Imageproblem. Neben den Ausschlüssen im Leistungsfall sind auch die hohen Preise für viele Berufsgruppen immer wieder Thema der Diskussion. Einige Versicherer versuchen, diesem Problem zu begegnen und entwickeln zunehmend Produkte wie Grundfähigkeits- oder Erwerbsunfähigkeitsversicherungen.

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Katrin Lang vom Rückversicherer Swiss Re betonte in ihrem Vortrag, dass die Alternativen zur BU immer noch den Beigeschmack einer Notlösung haben und als schlechtere Alternative präsentiert werden. Jedoch sei die produktspezifische Sicht, die Versicherer einnehmen, für die Kunden nicht immer passend. Viele Kunden wollten vielleicht gar nicht das Premiumprodukt BU und wären beispielsweise mit einer Grundfähigkeitsversicherung besser beraten. Vor allem die Kundengruppe der körperlich Tätigen benötige eine Alternative. Hier liegen die Preise für eine Berufsunfähigkeitsversicherung deutlich über der Zahlungsbereitschaft der Kunden. Ziel sollte es daher sein, weg vom „Alleskönner“ BU hin zu passenden Alternativlösungen für bestimmte Zielgruppen zu kommen.

Eine Alternative zur klassischen BU für körperlich Tätige präsentierte Dr. Martin Zsohar vom Versicherer Münchener Verein. Ausgehend von der Idee, dass die klassische BU für Handwerker nicht zu teuer, sondern das Lohnniveau zu niedrig ist, entwickelte der Münchener Verein eine BU, die sich auf die speziellen Bedürfnisse der Zielgruppe fokussiert. Allgemein seien Unfälle und Beeinträchtigungen des Bewegungsapparats für Handwerker die größten wahrgenommenen Risiken, berufsunfähig zu werden. In seinem neuen Produkt hat der Münchener Verein daher die Rentenhöhe abhängig von der Ursache der Berufsunfähigkeit gemacht. Wenn diese als Folge eines Unfalls oder einer Einschränkung des Bewegungsapparates eintritt, wird die Rente komplett ausgezahlt. Bei Berufsunfähigkeit aufgrund von anderen Ursachen, wie psychischen Erkrankungen oder Krebs, beträgt die ausgezahlte Rente nur 50 Prozent. So gelinge es, die Prämien für Handwerker bezahlbarer zu machen. Dr. Zsohar betonte jedoch, dass hierbei die Beratung essentiell sei, damit der Kunde die Einschränkungen wirklich versteht. Eine Top-Variante, die die volle Rente in allen BU-Fällen garantiert, steht natürlich ebenfalls zur Verfügung.

Einen Schritt vorher, nämlich bei der Krankentagegeldversicherung setzt die Gothaer Versicherung an. Obwohl die Krankentagegeldversicherung sehr günstig ist, haben nur 8 Prozent der Bevölkerung eine abgeschlossen. Martin Löbach von der Gothaer Versicherungsbank führt dies zum einen darauf zurück, dass eine kurzfristige Arbeitsunfähigkeit nicht im Fokus des Kunden und ihm der Lohnausfall nicht bewusst ist. Zum anderen hat das Produkt – auch aufgrund einer Gesundheitsprüfung – einen hohen Beratungsaufwand bei sehr geringer Provision und ist somit auch für den Vertrieb nicht interessant. Mit einer neuen Krankentagegeldversicherung, die auf die Gesundheitsprüfung der BU oder Grundfähigkeitsversicherung aufbaut, versucht die Gothaer dem zu begegnen. Um die Vermittler zu unterstützen, wurde zudem ein Beratungstool etabliert, das alle drei Produkte verständlich und aufeinander aufbauend erklärt.

Ein großes Thema, das nach wie vor im Bereich der Arbeitskraftabsicherung eine Rolle spielt, sind psychische Erkrankungen. Diese stellen in Deutschland nach wie vor den häufigsten Grund für eine Berufsunfähigkeit dar und stehen bei den Versicherern daher im Fokus. Dr. Magnus Kobel vom Insurtech YAS.life stellte dazu eine App vor, mit der Versicherer die Prävention von psychischen Erkrankungen bei Kunden angehen können. Die Nutzer der App stecken sich selbst Gesundheitsziele (z. B. in den Bereichen Achtsamkeit, Ernährung usw.), die sie durch verschiedene Aktivitäten erreichen können. Mittels eines Gamification-Ansatzes versucht die App, die Nutzer dauerhaft zu motivieren, auf sich zu achten. Versicherer könnten hier ansetzen und einen dauerhaften digitalen Touchpoint für ihre Kunden generieren, der die intrinsische Motivation der Kunden fördert, präventiv tätig zu werden.

Eine Lösung für Kunden, bei denen bereits psychische Erkrankungen vorliegen, präsentierte Farina Schurzfeld. Ihr Online-Therapieangebot Selfapy bietet einen zwölfwöchigen Online-Kurs für verschiedene psychische Erkrankungen. Die Kunden werden dabei regelmäßig mit persönlichen Psychologengesprächen begleitet. Gerade für Versicherungskunden mit akuten psychischen Problemen stellt Selfapy ein reizvolles Angebot dar, da die Wartezeit für eine herkömmliche psychologische Therapie in Deutschland noch immer mehrere Wochen bis Monate beträgt. Zwar gab Schurzfeld zu, dass beispielsweise schwer depressive Patienten mit ihrem Online-Therapieangebot nicht vollständig geheilt werden könnten. Um diese Zeit bis zu einem richtigen Therapieplatz zu überbrücken, könnte Selfapy jedoch eine Lösung sein. Wie sich Prävention und Unterstützung im Leistungsfall aufgrund psychischer Erkrankungen verbessern lassen, diskutierten die Veranstaltungsteilnehmer auch an einer Station des World Cafés. Zudem gab es Stationen zu den Fragen, wie der Antragsprozess kundenorientierter gestaltet werden könnte und wie sich die digitale Customer Experience in der Leistungsprüfung verbessern lässt.

In einem Ideenpitch präsentierten Justus Lücke (Versicherungsforen Leipzig), Florian Bontrup (Docyet) und Christian Mähringer (MC Exceed) einen Ansatz, wie der Antragsprozess der Berufsunfähigkeitsversicherung und anderer Versicherungen mit Gesundheitsprüfungen vereinfacht werden kann. Auf Basis der Abrechnungsdaten der Krankenkassen sollen relevante Vorerkrankungen des Kunden geprüft werden. Dazu werden die Gesundheitsdaten auf den spezifischen Risikoprüfungskatalog des Versicherers gemappt. So können VvA-Verletzungen vermieden, der Verkaufsprozess vereinfacht und das Kundenerlebnis verbessert werden. Vermittlern ermöglicht es eine erhöhte Rechtssicherheit, da keine Unklarheiten bei den Gesundheitsfragen entstehen können. An einem Prototyp der Toolbox wird derzeit gearbeitet. Interessierte Versicherer sind aufgerufen, sich als Pilotpartner zu beteiligen.

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