Arndt Gossmann ist ein Experte in Sachen Bestandsabwicklung. Von 2009 bis 2017 war er Chef der Darag: unter seinen Händen entwickelte sich der kriselnde Konzern zu einem führenden Run-off-Versicherer in Deutschland. Aktuell saniert er als Vorstand den insolventen Versicherer Sovag. Doch nun hat er ein neues Projekt, das aufhorchen lässt: Er will den Versicherern eine Alternative zum klassischen Run-off-Geschäft bieten.

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Bestandabwicklung ohne Tarifabwicklung

Was ist das Neue bei Gossmanns Modell? Ganz einfach: Er will Verträge abwickeln, aber keine Tarife. Bisher ist es in der Regel so, dass externe Run-off-Gesellschaften den Versicherern ihre Altbestände abkaufen, nachdem sie diese bereits geschlossen haben: also das Neugeschäft bereits eingestellt wurde. In der Regel kaufen sie dann den kompletten Altbestand auf.

Gossmann verfolgt einen neuen Ansatz, wie das Unternehmen Gossmann und Cie. am Freitag in einem Pressetext berichtet. Sie sollen auch dann Verträge über einen externen Versicherer abwickeln können, wenn das Neugeschäft in diesen Tarifen weiterläuft. Fortlaufend und ohne andere Bestandskunden zu vergraulen: Das Geschäftsmodell sei "diskret", heißt es. Allerdings ist dieses Modell auf Non-Life-Versicherer beschränkt. Folglich können Lebensversicherer, die gerade hochverzinste Altverträge in Zeiten niedriger Zinsen abstoßen wollen, es nicht nutzen.

Funktionieren soll die Bestandsabwicklung bei laufendem Geschäft über das sogenannte ExPRO-Modell. Dieses wurde von Gossmann gemeinsam mit einem Expertenteam entwickelt. Demnach will Gossmann einen externen Dienstleister gründen, der innerhalb einer Sparte alle Verträge eines Erstversicherers übernimmt, die binnen zwei Jahren auslaufen. Aber die der Versicherer dennoch weiterhin halten muss: zum Beispiel, weil nur mit einer bestimmten Frist gekündigt werden darf. In dieser Zeit können folglich auch noch Schäden auftreten - Gossmanns externer Dienstleister bietet an, auch diese voll zu bearbeiten und zu regulieren.

Möglichkeit, Verträge aus Bilanz zu tilgen

Der Vorteil: Diese auslaufenden Verträge gehen auch an die Run-off-Gesellschaft über. Dieser kümmert sich nicht nur darum, noch auftretende Schäden zu regulieren - er übernimmt die Altverträge auch in seine Bilanzen. „Damit können Versicherer Eigenkapital freisetzen, indem sie in ihren Bilanzen jenes Geschäft unmittelbar neutralisieren, mit dem künftig kein Umsatz mehr generiert wird“, heißt es im Pressetext. Das Besondere: Der Ansatz berücksichtige bestehende Schadenreserven ebenso wie prospektive Risiken.

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„Wir wollen den Versicherern eine Möglichkeit zur Optimierung ihrer Portfolios bieten, lange bevor sich ganze Bestände zum Run-off akkumulieren“, sagt Arndt Gossmann. Der Gründer spricht von „Legacy-Beständen“: eingestelltes Geschäft, für das zwar keine Prämien mehr generiert werden, für das aber noch versicherungstechnische Rückstellungen bestehen. Wobei „Legacy“ ein durchaus doppeldeutiger Begriff ist: Man kann das mit „Erbe“ und „Vermächtnis“ übersetzen - oder auch mit „Altlast“.