Als die italienische Regierung dann Ende der 90er Jahre fast das komplette Autobahnnetz privatisiert hat, ergriff die Benetton-Familie ihre Chance und kaufte sich als Mehrteilseigner ein. Bekannt vor allem für ihre Mode-Marke, hatten die Benettons das Problem, dass der Absatz von Kleidung ins Stocken geraten war, teils auch deshalb, weil Konkurrenten wie H&M und Zara damals auf vielen europäischen Märkten expandierten. Eine kluge Entscheidung: Atlantia machte 2017 nach eigenen Angaben einen Umsatz von 5,97 Milliarden Euro, während die Modemarke einen Verlust von 180 Millionen Euro verkraften musste.

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Atlantia verfügt in Italien über so viel Macht und Einfluss, dass fraglich ist, ob der Staat überhaupt eine Alternative auftreiben könnte. Die Tochter Autostrade betreibt 3.100 Kilometer italienischer Autobahnen mit 262 Mautstellen, was mehr als die Hälfte des italienischen Autobahn-Netzes ausmacht. Weitere wichtige Anteilseigner sind unter anderem der Vermögensverwalter Black Rock sowie die britische HSBC. Darüber hinaus betreut Atlantia weitere 2000 Autobahn-Kilometer in anderen Nationen, darunter Polen und Brasilien.

Regierungspartei schmetterte Investitionen in Sicherheit ab

Die Schuldfrage aber könnte sich für die Regierung als Eigentor entpuppen - vor allem für die populistische 5-Sterne-Bewegung. Ausgerechnet sie stellt aktuell den verantwortlichen Verkehrsminister Danilo Toninelli. Die Morandi-Brücke galt aufgrund ihrer Bauart schon vor dem Einsturz als gefährdet, kurz nach ihrer Einweihung 1967 musste sie erstmals saniert werden. Seitdem ist sie eine Dauerbaustelle: Allein für den April 2018 waren 20 Millionen Euro für Baumaßnahmen bewilligt worden, berichtet der "Spiegel".

Vor allem der zunehmende Verkehr entpuppte sich für die Konstruktion als Problem. Die Brücke wird von Seilen aus Metall gehalten, die enorm schnell rosten. Wiederholt war seit den 90er Jahren deshalb in Genua darüber debattiert worden, die Brücke zu entlasten oder abzureißen, um sie durch eine neue zu ersetzen. 2017 fuhren mehr als 25 Millionen Fahrzeuge über das Bauwerk, viermal so viele wie einst bei der Inbetriebnahme vor 50 Jahren.

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Es war ausgerechnet die 5-Sterne-Bewegung, die bei Investitionen in die Sicherheit der Brücke bremste. Bis zum Tag des Einsturzes stand auf dem lokalen Blog der 5-Sterne-Bewegung von Genua ein Eintrag aus dem Jahr 2013, in dem "turnusmäßig aufgewärmte Märchen vom bevorstehenden Zusammenbruch der Morandi-Brücke" beklagt wurden. Ein Jahr vor dem Einsturz hatte der 5-Sterne-Kommunalpolitiker Paolo Putti ein Projekt zur Entlastung der Morandi-Brücke in der Ratsversammlung abgeschmettert. Die Begründung: Die Brücke stehe noch "in hundert Jahren".