Die Lebensversicherer ächzen unter den niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt – und haben zunehmend Probleme, die langfristigen Garantien an ihre Kunden zu bedienen. „Die letzte Finanzkrise ging von der Immobilienblase in den USA aus, die nächste wird durch die europäische Versicherungswirtschaft ausgelöst werden“, warnt der Finanzanalyst Antonio Sommese. Auch die Ratingagentur Moodys und die OECD kommen zu der Einschätzung, dass deutsche Lebensversicherer in die Pleite schlittern könnten.

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„An Geld würde es nicht mangeln“

Doch wie realistisch ist ein solches Krisenszenario, und steckt dahinter nicht auch Alarmismus? Die deutsche Leben-Branche jedenfalls sieht sich gut vorbereitet für eine mögliche Krise. Die Auffanggesellschaft Protektor könnte dank mehrerer Sicherheitsmechanismen selbst die Schieflage eines größeren Anbieters schultern, sagt Protektor-Chef Jörg Westphal dem Handelsblatt (Freitagausgabe). „Insgesamt kann man auch sehr sehr große Versicherer auffangen. An Geld würde es nicht mangeln“, so Westphal laut dpa.

Die Protektor Lebensversicherungs-AG ist eine brancheneigene Auffanggesellschaft, die bei der Pleite eines Lebensversicherers garantieren soll, dass die betroffenen Kunden weiterhin ihre Ansprüche erfüllt bekommen und die Verträge weiterführen können. Gegründet wurde der Rettungsschirm für notleidende Lebensversicherer im Jahr 2002. Anlass war die Insolvenz der Mannheimer Leben, von der damals rund 340.000 Verträge betroffen waren. Seit einer Gesetzesänderung im Dezember 2004 ist die Einrichtung eines Sicherungsfonds für die LV-Branche gesetzlich vorgeschrieben.

Es müssen nicht alle Verträge sofort ausgeglichen werden

Jörg Westphal wies in dem Handelsblatt-Interview Zweifel an der Leistungsfähigkeit von Protektor zurück. Man habe rund 900 Millionen Euro in der Kasse, sagte der Diplom-Kaufmann. Das reiche, denn im Falle einer Schieflage von Lebensversicherern müssten nicht alle Verträge sofort ausgezahlt, sondern lediglich die Unterdeckung ausgeglichen werden. Protektor übernehme dann die Policen und lasse sie weiterlaufen. Die Auffanggesellschaft müsse lediglich den Betrag ausgleichen, der in der Bilanz des entsprechenden Unternehmens fehle.

Zudem gebe es weitere Sicherheitspuffer für den Ernstfall. Falls das Geld nicht reiche, hätten sich die Lebensversicherer verpflichtet, Sonderbeiträge in gleicher Höhe nachzuschießen. Mit Inkrafttreten der neuen Finanzaufsichts-Richtlinie Solvency II sind die Lebensversicherer darüber hinaus verpflichtet, mehr Eigenmittel als Reserve zurückzuhalten.

Angst vor Imageschaden

Doch was passiert, wenn nicht ein oder zwei große Lebensversicherer in die Insolvenz schlittern, sondern mehrere? Es ist genau jenes Krisenszenario, vor dem die OECD warnt. So sagt auch Allianz-Chefinvestor Maximilian Zimmerer laut Focus, Protektor sei dann für eine Krise gerüstet, „wenn nicht gerade die drei größten der Branche pleitegehen. Dann reicht Protektor nicht mehr aus.“ Aber da sei gar nichts zu befürchten, denn eintreten werde dies sowieso nicht.

So warnt auch die Finanzaufsicht indirekt vor Panikmache der Kunden. Zwar sei langfristig zu befürchten, dass nicht alle Unternehmen dem Druck der niedrigen Zinsen standhielten, erklärt BaFin-Chef Felix Hufeld. Doch bedroht seien eher kleine Anbieter - für diese dürfte Protektor absolut ausreichend sein. "Unsere Prognose, dass die Versicherer zumindest auf kurze und mittlere Sicht ausreichendes Stehvermögen haben, ist nach wie vor aktuell", so Hufeld.

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Sollte ein Lebensversicherer tatsächlich pleite gehen, wird aktuell der drohende Imageverlust als größtes Risiko ausgemacht. "Je größer der Versicherer mit Schwierigkeiten wäre, desto größer der Imageschaden", gibt Protektor-Chef Westphal zu bedenken. Und das eh gebeutelte Neugeschäft der Branche könnte zusätzlich leiden. Im vergangenen Jahr waren die Beitragseinnahmen aus dem Neugeschäft (Lebensversicherung ohne Pensionsfonds/-kassen) um 3 Prozent gesunken, wie der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) berichtet. Ein Anhalten des Negativtrends könnte dazu führen, dass auch die Versicherer keine Lust mehr auf das Leben-Geschäft verspüren.

Handelsblatt / dpa