Die meisten Bundesbürger haben keine Ahnung, wie hoch ihre Rente später ausfallen wird und mit welchen Alterseinkünften sie rechnen können. Auf die Frage, ob sie ihr voraussichtliches monatliches Einkommen im Alter „ungefähr einschätzen“ können, antworteten bei einer Allensbach-Umfrage nur 29 Prozent mit „Ja“, 62 Prozent mit „Nein“. Dies berichtet der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), der die Studie in Auftrag gegeben hat, auf seiner Webseite.

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Versorgungslücke: Immer mehr Bundesbürger auf Grundsicherung angewiesen

Das Problem hierbei: Wenn die Bundesbürger ihr voraussichtliches Einkommen nicht kennen, können sie auch ihre Versorgungslücke nicht berechnen, das heißt, wie viel Geld sie zusätzlich privat für den Ruhestand ansparen müssten. Dies in einer Zeit, in der sich Senioren zunehmend mit Altersarmut konfrontiert sehen. Am Jahresende 2013 bezogen rund 499.300 Personen ab 65 Jahren Leistungen der Grundsicherung nach dem SGB XII, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Die Zahl der Menschen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, steigt seit Jahren stark an. Noch 2003 waren „bloß“ 275.734 Ruheständler betroffen.

Von den derzeit knapp 700 Euro Grundsicherung müssen die Rentner nicht nur ihren Lebensunterhalt bestreiten, sondern auch Heiz- und Mietkosten zahlen. Aufgrund des sinkenden Renten-Niveaus werden die meisten Ruheständler zukünftig noch weniger in der Tasche haben. Wer nur 80 Prozent vom Durchschnittslohn (rund 2300 Euro) verdient, müsste 2030 schon 39,5 Jahre für die Rente in Grundsicherungshöhe arbeiten, warnt das Institut für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen.

Umso alarmierender ist der Befund, dass immerhin 15 Prozent der Bundesbürger gar nicht für das Alter vorsorgen können. Sie stimmten in der Allensbach-Umfrage der Aussage zu, „ich kann derzeit nichts für private Altersvorsorge ausgeben“. Auf gesellschaftliche Ursachen, etwa die Prekarisierung des Arbeitsmarktes, geht die Studie nicht ein. 14 Prozent geben weniger als 100 Euro im Monat für die Altersvorsorge aus und 16 Prozent zwischen 100 und 200 Euro. 57 Prozent der Befragten konnten „unmöglich sagen“, ob und wie viel sie für das Alter vorsorgen (siehe Grafik).

GDV-Präsident Erdland fordert Online-Plattform zu Alterseinkommen

GDV-Präsident Alexander Erdland fordert Konsequenzen – die Bundesbürger sollen schneller errechnen können, welches Einkommen sie im Alter erwartet. “Um den Bürgern mehr als nur ein Gefühl für ihre Einkommenssituation im Alter zu geben, brauchen sie verständliche und umfassende Informationen. Sinnvoll wäre der Aufbau einer Online-Plattform, auf der jeder via PC, Tablet oder Smartphone den aktuellen Stand seines Altersvorsorgekontos ablesen kann – aufgeschlüsselt nach gesetzlicher Rente, betrieblicher und privater Altersvorsorge“ (siehe Grafik 2).

Die Forderung nach mehr Transparenz ist zu begrüßen – aber auch zu befürchten, dass damit das Gegenteil bewirkt werden kann. Denn wie immer gibt es das Problem, dass Prognosen eben in eine unbekannte Zukunft verweisen. Wer genau kann vorhersagen, wie die Altersvorsorge und Vermögenssituation der Deutschen in 30 oder 40 Jahren aussehen wird? Wie sich die Kapitalmärkte entwickeln? Wird es Krisen und Umbrüche geben? Und muss nicht auch befürchtet werden, dass die Anbieter die tatsächlich zu erwartende Rente aus der privaten Altersvorsorge schönrechnen?

Altersvorsorge: Eine Rechnung mit vielen Unbekannten

Die Gefahr beschönigender Rechnungen zeigt sich nirgendwo so sehr wie am Beispiel der Riester-Rente. 2011 erregte die Zeitschrift „Capital“ mit einer Analyse Aufsehen, wonach die ersten Auszahlungen von Riester-Fonds- und Banksparplänen teils deutlich niedriger ausfielen, als es den Kunden bei Abschluss des Vertrages versprochen wurde. Grund für die Enttäuschung ist laut 'Capital' die spezielle Konstruktion der 2001 eingeführten Riester-Produkte: Die Versicherungsanbieter müssen das eingezahlte Geld in eine monatliche Rente umrechnen und gewährleisten, dass diese bis zum Ableben der Person bezahlt werden kann.

Hierfür fließt Geld in einen Sicherheitspuffer, der bis zu 20 und 30 Prozent des Vermögens ausmachen kann und die Höhe der Rente schmälert. Die Versicherer aber hatten bei ihren Modellrechnungen gegenüber den Kunden diesen Sicherheitspuffer oft deutlich geringer angegeben. Walter Riester, Vater der Riester-Rente, zeigte sich im Interview mit „Capital“ irritiert. „So war das nicht gedacht. Wenn einige Anbieter jetzt 25 oder 30 Prozent verlangen, ist das zuviel.“ Ursprünglich seien 10 Prozent des Sparkapitals für die Rentensicherung ab 85 vorgesehen gewesen.

Ein weiterer Unsicherheitsfaktor bei (klassischen) Riesterprodukten: die Höhe der Auszahlungen ist stark vom Zins am Kapitalmarkt abhängig. Auch da wurde in Modellrechnungen vor der Finanzkrise oft ein höherer Zins eingerechnet, als dann letztendlich für die Höhe der Rente ausschlaggebend war. Nicht aus bösem Willen heraus, sondern weil man sich ein Ereignis wie die Finanzkrise und die darauf folgende Niedrigzins-Politik der Zentralbanken nicht vorstellen konnte. Bei den Kunden aber führte das zu Enttäuschungen, weil ihnen eben mehr versprochen war.

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Vorsorge-Experten raten ohnehin dazu, die Altersvorsorge auf mehrere Säulen zu verteilen. Das mindert das Risiko einer Geldanlage. So prägte der Ökonom und Nobelpreisträger Harry Markowitz die Formulierung, man solle nicht "alle Eier in den gleichen Korb legen". Fällt der Korb runter, sind auch alle Eier kaputt, so dass man die zerbrechliche Ware bei Transport besser auf mehrere Orte verteilt. Und das Gleiche gilt für Finanzprodukte: Wer sein Kapital auf mehrere Säulen der Altersvorsorge aufteilt, der investiert sicherer! Zudem sollten Verbraucher auch nur in Produkte investieren, die sie auch verstehen - und berechnen können.

GDV