Glaubt man Prognosen der Deutschen Aktuarvereinigung, werden 43 Prozent der heute 20jährigen Männer berufsunfähig, bevor sie das Rentenalter erreicht haben. Bei den Frauen ist das Risiko nicht ganz so hoch, und doch ist die Politik alarmiert. Jedes Jahr müssen 200.000 bis 300.000 Erwerbstätige ihren Job vorzeitig aufgeben, weil die Seele leidet, der Rücken schmerzt oder Unfälle zu einer schweren Verletzung führen.

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Um das Armutsrisiko für diese Menschen aufzufangen, hat die alte Bundesregierung eine stärkere Förderung der Berufs- und Erwerbsunfähigkeitsversicherung beschlossen. Laut dem Altersvorsorge-Verbesserungsgesetz sollen Beiträge zu einer BU ab 2014 steuerlich absetzbar sein. Sie zählen künftig zu den Sonderausgaben, die bis zu einem Betrag von 24.000 Euro einkommenssteuerfrei bleiben. Eigentlich eine gute Sache – und doch werden viele Berufstätige kaum davon profitieren können. Denn sowohl die hohen Einstiegshürden bei Vertragsabschluss als auch die unerschwinglichen Beiträge für Risikogruppen bleiben bestehen.

Rentengarantie bis zum Lebensende – und doppelt so hohe Beiträge

Laut einem Bericht des Handelsblattes hat die Politik hohe Hürden für die förderfähigen Berufsunfähigkeitsversicherungen festgelegt. Die Tarife sollen nicht nur bis zum 67. Lebensjahr eine Rente garantieren, wie es derzeit in der Branche üblich ist, sondern sogar bis zum Lebensende der versicherten Person. Das bedeutet aber, dass die Anbieter im Schnitt bis zu 20 Jahre länger zahlen müssen. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines neugeborenen Mädchens liegt derzeit bei 82 Jahren und 9 Monaten.

Infolge der lebenslangen Rentengarantie verteuern sich auch die Beiträge immens, wie Modellrechnungen des Finanzdienstleisters MLP zeigen. „Die Beiträge für die neuartigen Tarife werden insbesondere bei Berufsunfähigkeitsversicherungen rund doppelt so hoch ausfallen wie ein Produkt mit einer Leistung bis zum Alter von 67 Jahren“, heißt es in einer Studie des Finanzvertriebs. Je nach Berufsgruppe und Eintrittsalter könnten sich die Prämien sogar verdreifachen. Selbst die staatliche Förderung werde diesen Preisanstieg kaum ausgleichen.

Warum sollten aber die Kunden zu den neuen BU-Versicherungen greifen, wenn ein „normaler“ BU-Schutz ohne staatliche Förderung billiger zu haben ist? So fürchten auch die Anbieter, dass sich die Tarife als Ladenhüter entpuppen. „Viele Versicherer sind nach unseren Erkenntnissen zurückhaltend und beobachten, ob überhaupt ein Konkurrent das neue Produkt anbietet“, sagt Branchenkenner Michael Franke vom Analysehaus Franke und Bornberg dem Handelsblatt. Bisher habe kein Versicherer einen entsprechenden Tarif vorgestellt.

Jene, die den Schutz brauchen, profitieren nicht von den geförderten Tarifen

Die gute Nachricht: Entgegen der Befürchtungen von Branchenkennern könnten tatsächlich viele Berufsgruppen von der staatlichen Förderung profitieren. Für das Handelsblatt hat das Analysehaus Morgen & Morgen (M&M) errechnet, wo die Beiträge steigen und wo sie sinken werden. Bei 145 untersuchten Berufen wurde für die meisten Berufsgruppen der Schutz günstiger. Aber 30 Berufe müssten zukünftig sogar höhere Beiträge zahlen.

Doch die Sache hat einen Haken. Billiger wird der BU-Schutz vor allem für Berufstätige mit einer geringen Wahrscheinlichkeit, vorzeitig aus dem Berufsleben auszuscheiden. Es sind zugleich jene Berufsfelder, in denen eine BU-Versicherung sowieso erschwinglich ist, etwa für Büroarbeiten. „Gewinner sind ganz klar die Berufe mit dem geringsten Risiko. So zahlt unseren Auswertungen nach ein Notar beispielsweise für einen 5-Sterne-BU-Tarif mit 1.500 Euro Rente monatlich nur um die 50 Euro. Während ein Dachdecker für eine gleiche BU-Rente mit über 200 Euro richtig tief in die Tasche greifen muss“, erklärt Stephan Schinnenburg, Geschäftsführer von Morgen & Morgen.

Ganz klar verfehlt die Bundesregierung damit ihr Ziel, die Kernversorgung der Bevölkerung mit Berufsunfähigkeitsversicherungen zu verbessern. Im Gegenteil: Das Altersvorsorge-Verbesserungsgesetz könnte bestehende Ungleichheiten noch verstärken, weil überwiegend Gutverdiener besser gestellt werden. Wer ein niedriges Einkommen hat und zudem noch einen gefährlichen Beruf, der wird sich auch zukünftig den Schutz nicht leisten können.

Michael Franke sieht in Geringverdienern die Verlierer des neuen Gesetzes. „Gerade für Menschen mit geringerem Einkommen und einem entsprechend niedrigen Steuersatz ist die staatliche Förderung im Verhältnis zu den hohen Beiträgen gering“, sagt der Versicherungsexperte dem Handelsblatt. Franke bezeichnet die geförderte Berufsunfähigkeitsversicherung als „Eliteprodukt“.

"Produkt für die Elite"

Letztendlich zeigt sich, dass das Altersvorsorge-Verbesserungsgesetz voller handwerklicher Fehler steckt. Die Politik lässt es den privaten Versicherungsanbietern weiterhin offen, welche Berufsgruppen sie versichern wollen und welche sie ablehnen. Somit dürften bestimmte Handwerksberufe schwer oder gar nicht versicherbar sein. Vermittler berichten gegenüber Versicherungsbote, dass etwa Dachdecker oder Altenpfleger meist schon bei der Antragstellung abgelehnt werden. Folglich werden viele Menschen in verantwortungsvollen Berufen auch zukünftig ohne BU-Schutz dastehen.

Warum aber sollen Krankenpfleger, Dachdecker und Gerüstbauer mit ihren Steuergeldern zukünftig die BU-Beiträge für Anwälte und Notare mitfinanzieren? Warum profitieren überwiegend Gutverdiener von einem besseren BU-Schutz durch das Altersvorsorge-Verbesserungsgesetz? Haben bei der Ausarbeitung des Gesetzes Lobby-Interessen eine allzu große Rolle gespielt?

Handelsblatt