Bislang gingen Schätzungen davon aus, dass rund 70 Prozent des letzten Nettoeinkommens zur Sicherung des Lebensstandards ausreichen. Die Studie der Ruhr-Universität hingegen kommt zu dem Ergebnis, dass Bürger im Schnitt rund 87 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens für einen auskömmlichen Lebensabend erzielen müssen. Das würden für einen „Standard-Rentner“ netto 350 Euro mehr im Monat bedeuten als bislang angenommen.

Anzeige

"Was die Lebensstandard-Sicherung im Alter konkret bedeutet, wurde in Deutschland bislang nicht untersucht", erklärt Martin Werding, Professor für Sozialpolitik und öffentliche Finanzen an der Ruhr-Universität und Autor der Studie. Bislang hätten Aussagen zum Bedarf im Rentenalter auf Annahmen und Schätzungen beruht, Prof. Werding dazu: "Der Bedarf im Alter wurde von der Fachwelt entweder theoretisch abgeleitet oder willkürlich vorgegeben. Alle Versuche, ein angemessenes Niveau der Vorsorge zu bestimmen, hingen somit empirisch in der Luft."

Um die Debatte zur Vorsorgelücke auf eine wissenschaftlich fundierte Basis zu stellen, werteten die Forscher im Auftrag von Fidelity Daten des Sozio-ökonomischen Panels des Wirtschaftsforschungsinstituts DIW Berlin aus, einer repräsentativen Längsschnittbefragung von 20.000 Personen in rund 11.000 privaten Haushalten.

Das zentrale Ergebnis der Studie: Entgegen bisherigen Schätzungen sollten bei Eintritt in den Ruhestand nicht rund 70 Prozent, sondern vielmehr rund 87 Prozent des letzten Nettoeinkommens erreicht werden. Allerdings ersetzte die gesetzliche Rente im Idealfall zuletzt lediglich knapp 60 Prozent. In der Realität ist die Situation aufgrund brüchiger Erwerbsbiografien, Teilzeitphasen und Auszeiten meist noch viel dramatischer. So ergibt sich für das Jahr 2013 auf der Basis vorläufiger Zahlen sogar nur noch ein Nettorentenniveau von rund 55 Prozent. Damit beträgt die Vorsorgelücke statt der bisher angenommenen 10 Prozentpunkte ganze 32 Prozentpunkte, bei lückenhafter Erwerbsbiografie sogar 40 Prozentpunkte. Konkret fehlen einem Standardrentner nach derzeitigem Stand bei lückenloser Erwerbsbiografie künftig jeden Monat 650 Euro netto in der Tasche - 350 Euro mehr als bislang gedacht.*

Anzeige

*Das Beispiel für den Standardrentner wurde auf Basis des durchschnittlichen Bruttoverdienstes aktiver Versicherter von rund 34.000 Euro (vorläufiger Jahreswert für 2013 lt. Sozialversicherungs-Rechengrößenverordnung) und dem Betrag einer Standardrente im ersten Halbjahr 2013 errechnet; das erreichte Netto-Rentenniveau nach Steuern beträgt unter diesen Annahmen rund 55,2 Prozent.

Seite 1/2/