Die deutschen Erwerbstätigen wissen weder, wie hoch ihre Rente sein wird, noch kennen sie den seit Jahren empfohlenen Dreiklang der Altersvorsorge - gesetzlich, privat und betrieblich. Sie überschätzen die zu erwartende Rente deutlich und verschenken am meisten Geld bei der betrieblichen Altersvorsorge.

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Weit über die Hälfte der erwerbstätigen Deutschen (60 Prozent) hat im Zusammenhang mit der Altersvorsorge noch nie vom 3-Säulen-Modell gehört. 70 Prozent der Befragten, die angaben die drei Säulen der Altersvorsorge - gesetzlich, privat und betrieblich - zu kennen, können diese nicht korrekt unterscheiden. Sie sind daher auch nicht in der Lage, diese bestmöglich zu nutzen. "12 Prozent halten die Riester-Rente für die zweite, 7 Prozent sogar für die dritte Säule neben der gesetzlichen Rente. Auch Immobilien wurden hier genannt. Vielen Berufstätigen mangelt es bei der Altersvorsorge offenkundig noch immer an ausreichender Orientierung. Von einer optimalen Nutzung der Angebote sind sie daher weit entfernt", kommentiert Hans-Jürgen Hoffmann, Leiter des Psephos Instituts für Markt-, Politik- und Sozialforschung.

Deutsche bauen nahezu pur auf gesetzliche Rente

Dass die Deutschen ihre Altersvorsorge nicht optimal aus den Angeboten aller drei Säulen zusammensetzen, zeigen auch Zahlen des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA). Danach stammen 88 Prozent der Gesamteinkünfte heutiger Rentner in Deutschland aus der gesetzlichen Rentenversicherung und 5 Prozent aus privater Vorsorge. Nur 4 Prozent gehen auf betriebliche Vorsorge zurück. Anders zum Beispiel in den Niederlanden: Dort ist der Dreiklang der Altersvorsorge schon deutlich besser umgesetzt. 58 Prozent der Gesamteinkünfte stammen aus gesetzlicher, 29 Prozent aus betrieblicher und 12 Prozent aus privater Vorsorge.

"Bisherige Altersvorsorge-Kampagnen haben die Deutschen offensichtlich nicht erreicht. Knapp 90 Prozent verlassen sich noch immer auf die gesetzliche Rente, die aufgrund des demografischen Wandels den Wohlstand von heute in der Zukunft aber nicht mehr sichern wird", sagt Christian Wrede, Sprecher der Geschäftsführung bei Fidelity International in Deutschland. "Von einer guten und vor allem tragfähigen Altersvorsorge-Mischung aus allen drei Säulen ist die Mehrheit weit entfernt. Den Deutschen fehlt nach wie vor das notwendige Wissen. Für eine zukunftsfähige Alterssicherung brauchen wir in Deutschland einen anderen Hebel in der Aufklärungsarbeit."

Rentenhöhe: Große Lücke zwischen Erwartung und Realität

Die Deutschen setzen aber nicht nur auf den falschen Altersvorsorge-Mix, sie überschätzen auch fundamental die Höhe ihrer künftigen Rente: Die Fidelity-Studie zeigt, dass 71 Prozent der Befragten nach eigener Auskunft nur ungefähre oder keine Vorstellungen über die voraussichtliche Höhe ihrer gesamten Altersbezüge haben. Vier von fünf Deutschen (81 Prozent) rechnen mit einer Rente in Höhe von 60 Prozent und mehr, über 40 Prozent erwarten sogar 80 bis 100 Prozent ihres Nettolohns. Tatsächlich erreichen die Deutschen bei Rentenbeginn im Schnitt lediglich 56 Prozent ihres letzten Einkommens vor dem Ruhestand. Das hat der Fidelity Real-Index (Renten- und Alterssicherungs-Index), eine statistische Erhebung zur Versorgungslage der Deutschen bei Rentenbeginn, bereits 2007 ergeben. Da die staatliche Rente rückläufig ist, droht ohne Stärkung der privaten und betrieblichen Vorsorge eine Rentenlücke von 44 Prozent - Tendenz steigend.

Kontoauszug zur Altersvorsorge notwendig

"Es muss transparenter werden, über welche Einkünfte die Deutschen im Ruhestand verfügen können und wie groß ihre Rentenlücke tatsächlich ist", erklärt Christian Wrede. "Dafür ist eine Art Kontoauszug erforderlich, der alle Bestandteile der Altersvorsorge auflistet. In Schweden ist eine solche Übersicht bereits verbreitet. Auch in Deutschland sollten wir die Einzelteile zu einem Gesamtüberblick zusammensetzen. Hier sind alle gefragt: Rentenversicherer, Arbeitgeber und Finanzbranche. Denn die mangelnde Altersvorsorge ist ein gesellschaftliches Problem, das langfristig unser Sozialsystem gefährdet."

Trotz der 2002 eingeführten jährlichen Renteninformation haben fast zwei Drittel der Befragten (62 Prozent) nur ungefähre oder keine Vorstellungen darüber, wie hoch ihre gesetzliche Rente ausfallen wird. Auch hier sind die Erwartungen der Befragten überhöht. Etwas realistischer sind nur die jüngeren Erwerbstätigen. Die Aufklärungsarbeit scheint hier erste Wirkung zu zeigen und das Bewusstsein für die drohende Versorgungslücke zu wecken. Allerdings führt das nicht dazu, dass sie privat oder betrieblich mehr vorsorgen. Fast ein Drittel der Befragten (31 Prozent) verfügt über keine private Altersvorsorge - vor allem die Jüngeren. Obwohl sie noch am ehesten wissen, dass die gesetzliche Rente nicht zur Alterssicherung ausreicht, betreiben gerade sie keine oder keine ausreichende private Altersvorsorge.

Optimale Vorsorge nur mit Dreiklang möglich

Bei der betrieblichen Altersvorsorge klaffen Realität und Wahrnehmung noch weiter auseinander: 74 Prozent derjenigen, die eine betriebliche Altersvorsorge haben, sagen, dass diese wichtiger Bestandteil ihrer Vorsorge-Planung sei. Dabei stammen bezogen auf alle Erwerbstätigen gerade einmal 4 Prozent des Gesamteinkommens der Rentner aus der betrieblichen Vorsorge.

"Die Studienergebnisse zeigen, dass das Wissen über die drei Säulen der Altersvorsorge erhöht und der Einstieg in die Altersvorsorge erleichtert werden muss", so Wrede. Bei der privaten Altersvorsorge ist vor allem gute Beratung gefragt. Wie eine Fidelity-Studie aus dem vergangenen Jahr zeigt, sind Berater für jeden zweiten Deutschen wichtige Mittler auf dem Weg zur Entscheidung für ein Anlageprodukt. Gleichzeitig muss die Attraktivität der betrieblichen Altersvorsorge steigen.

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Anteil der betrieblichen Altersvorsorge versiebenfachen

"Die betriebliche Altersvorsorge ist eine hocheffiziente Form des Vorsorgesparens, weil Anleger ermutigt werden, regelmäßig einzuzahlen, bei Marktschwankungen investiert zu bleiben und ihre Beiträge zu erhöhen, wenn der Spielraum besteht. Zudem profitieren Anleger davon, dass ihr Arbeitgeber Vorsorgeprodukte günstiger einkaufen und damit höhere Renditechancen gewährleisten kann", erklärt Wrede. Die betriebliche Altersvorsorge sollte daher ein deutlich höheres Gewicht in der Vorsorgeplanung jedes Einzelnen bekommen. "Statt 4 Prozent sollten eher 25 bis 30 Prozent der Gesamtrente aus der betrieblichen Altersvorsorge stammen - in den Niederlanden ist es heute schon ein Drittel." Dafür ist es aus Sicht von Fidelity nötig, die Anreize für die Entgeltumwandlung zu erhöhen. "Der kurzfristige Konsumverzicht muss sich für Arbeitnehmer stärker lohnen. Dafür brauchen sie vor allem betriebliche Vorsorgelösungen, die ausreichend hohe Renditen bieten. Die betriebliche Altersvorsorge darf das eingesetzte Kapital nicht nur erhalten, sie muss darüber hinaus angemessene Erträge sichern", lautet Wredes Plädoyer.