Herr Warkentin, Sie verantworten bei HDI Deutschland sowohl die operative Führung als auch die IT-Strategie. Wie sehen Sie den strategischen Einsatz von Künstlicher Intelligenz als Hebel, um im deutschen Versicherungsmarkt echte Wettbewerbsvorteile zu schaffen – jenseits von Effizienzgewinnen?

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Jens Warkentin: Wettbewerbsvorteile durch KI wird es für die Versicherungen geben, die nicht nur Leuchtturmprojekte und Piloten initiieren, sondern auch ihre Hausaufgaben in Bezug auf Datenstruktur, Datenhaushalt und -ownership konsequent erledigen sowie die Mitarbeitenden auf dem Weg motivieren und mitnehmen.

Darüber hinaus betrachte ich das Thema der KI-Regulierung und deren erfolgreiche Umsetzung als klaren Wettbewerbsvorteil. Ich sehe uns bei HDI an diesen Stellen sehr gut aufgestellt.

KI ermöglicht ein tieferes Verständnis von Kundendaten und -verhalten. Wie nutzt HDI heute KI, um das Kundenerlebnis entlang der gesamten Customer Journey zu personalisieren – und welche Rolle spielt dabei Vertrauen und Transparenz gegenüber dem Kunden?

Wichtig ist: Die finalen Entscheidungen werden immer vom Menschen getroffen. Auch die Kommunikation mit unseren Kunden erfolgt durch Menschen. KI verbessert unseren Kundenservice und unterstützt unsere Mitarbeitenden zum Beispiel dabei, relevante Inhalte schneller aus Verträgen und Dokumenten zu identifizieren. Das führt dazu, dass wir gegenüber unseren Kunden fundierter Auskunft geben können. Damit stellen wir sicher, dass Vertrauen und Transparenz stets im Mittelpunkt stehen und die persönliche Beratung nicht verloren geht.

Die Integration von KI erfordert oft ein Umdenken in Organisation und Prozessen. Wie bereiten Sie Ihre Teams konkret auf den breiten Einsatz von KI vor – und wie schaffen Sie es, Technologie und Kultur miteinander in Einklang zu bringen?

Jens Warkentin: Ein bedeutender Vorteil eines großen Konzerns wie der Talanx Gruppe liegt in der Möglichkeit, dass wir uns zu Themen weltweit austauschen können; das gilt auch für Best-Practices im KI-Kontext. Bei HDI Deutschland haben wir ein zentrales KI-Center etabliert. Hier werden alle aktuellen Entwicklungen und Neuigkeiten verfolgt, Wissen in die Organisation weitergegeben und es wird analysiert, für welche Arbeitstypen die unterschiedlichen KI-Lösungen besonders relevant sind. Dadurch können wir die teilweise kostenintensiven Lizenzen gezielt verteilen. Wir ergänzen dies durch passende Weiterbildungs- und Schulungsangebote für unsere Mitarbeitenden.

Als CIO der Talanx-Gruppe haben Sie einen Überblick über vielfältige Systeme und Datenquellen. Wie stellen Sie sicher, dass KI-Anwendungen bei HDI und Talanx nicht nur leistungsfähig, sondern auch sicher, regelkonform und verantwortungsvoll eingesetzt wird?

Konzernweite Governance mit klaren Regeln stellt sicher, dass künstliche Intelligenz verantwortungsvoll eingesetzt wird. Dabei geht es darum, bestehende Gesetze – wie etwa den EU AI Act – umzusetzen, die Organisation entsprechend aufzustellen und die dazugehörigen Prozesse und Kontrollmechanismen zu etablieren. Darüber hinaus legen wir Wert auf regelmäßige Audits, transparente Entscheidungswege und eine enge Zusammenarbeit zwischen IT, Fachbereichen und Compliance. Hier sind wir auch im engen Austausch mit den Regulierungsbehörden, die das Thema auch sehr ernst nehmen. So schaffen wir die Voraussetzungen, dass Innovation und Sicherheit Hand in Hand gehen und KI-Anwendungen nicht nur leistungsfähig, sondern auch regelkonform und vertrauenswürdig bleiben.

Blick nach vorn. Wenn Sie an die nächsten drei bis fünf Jahre denken: Wo liegt für Sie der größte Game Changer durch KI? Und wie positioniert sich HDI, um hier vorne mitzuspielen?

In den kommenden drei bis fünf Jahren wird agentic AI – also KI-Systeme, die proaktiv im Sinne definierter Ziele handeln – zum entscheidenden Game-Changer. Der gezielte und verantwortungsvolle Einsatz dieser Technologie hat das Potenzial, nicht nur die Effizienz zu steigern, sondern auch vollkommen neue Geschäftsmodelle und Wertschöpfungsketten zu erschließen. Für HDI bedeutet dies, frühzeitig Kompetenzen im Umgang mit agentischer KI aufzubauen, Pilotprojekte zu starten und dabei stets ethische sowie regulatorische Anforderungen im Blick zu behalten. Nur so lässt sich der technologische Vorsprung sichern und nachhaltiger Mehrwert für Kunden und Unternehmen schaffen.

Sie bewegen sich täglich zwischen Technologie, Strategie und Führung. Wo erleben Sie persönlich den größten Aha-Moment im Zusammenspiel von Mensch und Maschine – und was motiviert Sie, diese Entwicklung aktiv voranzutreiben?

Ein besonders anschauliches Beispiel für den Mehrwert von KI bei HDI Deutschland ist die Einarbeitung kritischer Ressourcen wie etwa unserer Aktuare im Themenfeld der IT-Migration. Durch den gezielten Einsatz von KI konnten wir die Einarbeitungszeit signifikant verkürzen – ein Fortschritt, der uns aktuell in unseren Migrationsprojekten spürbar schneller voranbringt. Hier sehen wir schon heute einen konkreten Nutzen; die Umsetzung wird signifikant beschleunigt.

Darüber hinaus fasziniert mich das Thema Sprache immer wieder aufs Neue. Noch vor wenigen Jahren galt die Live-Übersetzung als bahnbrechende Innovation. Heute erleben wir, wie große Unternehmen wie Apple diese Technologie für den privaten Massenmarkt verfügbar machen und damit den Alltag vieler Menschen nachhaltig verändern.