Grünen-Politiker Özdemir will Rentensystem breiter aufstellen
Starre Altersgrenzen sind nicht mehr zeitgemäß. Statt einer pauschalen „Rente mit 70“ fordert der Grünen-Politiker Cem Özdemir mehr Flexibilität und eine breitere Finanzierungsbasis. Entscheidend sei, die Lasten des demografischen Wandels gerecht zu verteilen, unterstreicht der Spitzenkandidat für den Posten als Ministerpräsident in Baden-Württemberg.

Die Rentenpolitik wird zur zentralen Bewährungsprobe für die kommenden Jahre. Der demografische Wandel lässt sich wahrlich nicht länger verdrängen. „Die Lebenserwartung steigt, und wir tun einfach so, als würde es das nicht geben“, sagt Grünen-Politiker Cem Özdemir im Interview mit dem "Handelsblatt".
Anzeige
Gleichzeitig warnte der ehemalige Landwirtschaftsminister davor, die Debatte alarmistisch zu führen. „Wir dürfen diese Debatten nicht angstgetrieben führen. Die Politik darf sich um nötige Entscheidungen nicht drücken.“ Statt immer neue, zugespitzte Vorschläge in den Raum zu stellen, brauche es einen sachlichen und differenzierten Ansatz.
Für Özdemir sei der richtige Weg eine Flexibilisierung des Renteneintrittsalters. Denn „Starre Altersgrenzen sind sicherlich nicht mehr zeitgemäß“. Dabei ginge es dem Diplom-Sozialpädagogen (FH) nicht um eine pauschale Anhebung für alle. „Wir sollten nach Berufsgruppen und Beitragsjahren unterscheiden.“ In der öffentlichen Debatte werde häufig so getan, „als würde die Republik nur noch aus Dachdeckern bestehen“. Tatsächlich gebe es viele Tätigkeiten, in denen Menschen auch länger arbeiten könnten und eben auch wollten.
Als Beispiel nennt er seine eigene Berufsgruppe und verweist auf Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann: „Das Beispiel Winfried Kretschmann zeigt, dass viele auch länger arbeiten können und wollen.“ Für körperlich stark belastende Berufe wie in der Pflege gelte das jedoch ausdrücklich nicht. „Für bestimmte Berufsgruppen wie Pflegekräfte gilt das ganz sicher nicht.“
Die Forderung aus der CDU, die Deutschen müssten perspektivisch bis 70 oder länger arbeiten, hält Özdemir für zu undifferenziert. Zwar scheut er nach eigenen Worten keine unpopulären Maßnahmen: „Ich fürchte mich bekanntermaßen nicht davor, mir meine Tracht Prügel auch für unpopuläre Maßnahmen abzuholen“. Doch eine pauschale Altersgrenze lehnt er ab. „Wir sollten uns schon ein bisschen Differenzierung in der Debatte gönnen.“ Eine starre „Rente mit 70“ greife allerdings zu kurz und werde den unterschiedlichen Lebensrealitäten einfach nicht gerecht.
Grundlegend dürfe die Diskussion nicht auf das Thema Renteneintrittsalter beschränkt werden. Entscheidend sei vielmehr, das System insgesamt stabiler aufzustellen. „Mir ist der Blick zu eng“, sagte der Politiker. Auch die abschlagsfreie Frühverrentung sieht er kritisch: „Die abschlagsfreie Frühverrentung funktioniert so nicht mehr.“
Helfen könnte eine zusätzliche kapitalgedeckte Komponente. „Ich würde gern darüber sprechen, wie wir das System auf breitere Füße stellen, etwa mit einer Aktienrente als zusätzlicher Säule“, so Özdemir.
Grundlegend müsse aber auf die Verteilung der Lasten zwischen den Generationen geschaut werden. „Wir dürfen nicht alles bei den jungen Leuten abladen.“ Die Reform der Rente müsse so gestaltet werden, dass sie sowohl die Interessen der heutigen Beitragszahler als auch der künftigen Rentner berücksichtigt.
Seit Jahren wird über die Notwendigkeit einer tragfähigen Rentenreform debattiert. Doch diese ist kein Projekt für parteipolitische Schlagzeilen. „Am Ende bekommen Sie gar nichts verändert, wenn Sie alle auf die Bäume jagen. Es geht nur zusammen“, unterstreicht Özdemir.
