Die technologische Erneuerung der IT-Landschaft stellt viele mittelständische Versicherer vor große Herausforderungen: Historisch gewachsene Systeme, fehlende oder nicht aktuelle fachliche Dokumentation sowie personelle Engpässe machen Modernisierung oft kompliziert. Die Concordia Versicherung hat dennoch einen großen Schritt gewagt: Sie baut ihre gesamte Komposit-Anwendungslandschaft neu auf und überführt sie vollständig in die Cloud.

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Gemeinsam mit ihrem langjährigen Implementierungspartner msg verfolgt die Concordia einen langfristigen Modernisierungspfad, der Skalierbarkeit, Wartbarkeit und strategische Unabhängigkeit in den Vordergrund stellt. Im Interview erläutern Dirk Gronert und Dr. Jürgen Zehetmaier, warum der Greenfield-Ansatz für mittelständische Versicherer Sinn macht, welche Herausforderungen es zu bewältigen gilt und welche Lehren andere Unternehmen daraus ziehen können.

Dirk GronertDirk GronertDirk Gronert ist Vorstandsmitglied der Concordia Versicherungs-Gesellschaft auf Gegenseitigkeit mit Sitz in Hannover und zuständig unter anderem für Komposit- und Schadenbereiche, Rückversicherung sowie Schadenmanagement.ConcordiaDr. Jürgen ZehetmaierDr. Jürgen ZehetmaierDr. Jürgen Zehetmaier ist seit 2020 im Vorstand der international agierenden Unternehmensgruppe msg und seit Januar 2023 msg-Vorstandsvorsitzender. In dieser Rolle verantwortet er unter anderem die Branche Health, die Landesgesellschaften Österreich und Schweiz sowie den Bereich Finance und diverse Stabsstellen wie Legal und das Risk & Security Office.msg

Versicherungsbote: Herr Gronert, warum haben Sie sich entschieden, die gesamte IT-Landschaft neu aufzubauen, statt bestehende Systeme Schritt für Schritt zu modernisieren?

Dirk Gronert: Unsere Systeme waren über Jahrzehnte historisch gewachsen, komplex und sind aufgrund der demographischen Herausforderungen sowie der neuen Technologien in der Zukunft nur begrenzt wartbar und anpassungsfähig. Einzelne Modernisierungen hätten die Probleme nur verschoben und überdeckt. Wir brauchten eine Lösung, die uns langfristig wettbewerbsfähig macht und gleichzeitig einen frühzeitigen Nutzen generiert – deshalb der komplette Neubau als Greenfield-Ansatz. Wichtig hierbei zu erwähnen: eine reine IT-Modernisierung ist hierbei für uns nicht ausreichend. Wir schauen uns beispielsweise sämtliche Prozesse, Produkte und auch die organisatorische Aufstellung im Sinne einer echten Business Transformation an.

Herr Zehetmaier, wie realistisch ist ein Greenfield-Ansatz bei mittelständischen Versicherern?

Dr. Jürgen Zehetmaier: Greenfield ist ambitioniert, keine Frage. Aber die Vorteile sind deutlich: klare Architektur, standardisierte Prozesse, gute Basis für den Einsatz von KI, keine Altlasten und geringere spätere Anpassungskosten. Mit sorgfältiger Planung, interdisziplinären Teams und enger Abstimmung mit dem Kunden ist das gut umsetzbar.

Herr Gronert, welche Risiken sahen Sie als Versicherung bei diesem radikalen Schritt?

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Dirk Gronert: Parallelbetrieb, hoher Abstimmungsaufwand und Ressourcenbindung sind große Herausforderungen, die uns täglich beschäftigen. Wir agieren nicht im luftleeren Raum – neben der Business Transformation geht das Tagesgeschäft weiter. Deshalb ist die frühzeitige Planung, Priorisierung und Abstimmung zwischen Projekten und Linie entscheidend. Darüber hinaus wollen wir nicht die bestehenden Prozesse in neue Technologie überführen, sondern die neuen Systeme so entwickeln, dass sie ganz neue, spürbar positive Erlebnisse für Kunden, Vertriebspartner und Mitarbeiter schaffen. Wir müssen also heute antizipieren, wie Versicherung morgen aussehen wird. Natürlich liegt auch hier ein Risiko, die richtigen Dinge zu machen.

Das ist entscheidend für die Akzeptanz und den schlussendlichen Projekterfolg


Herr Zehetmaier, welche Risiken sind für Sie als Dienstleister besonders relevant gewesen?

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Dr. Jürgen Zehetmaier: Technisch lagen die größten Herausforderungen in der Integration bestehender Systeme wie SAP ICM oder BSI CRM. Organisatorisch ist das Change-Management beim Kunden der entscheidende Faktor: Ohne die frühzeitige Einbindung aller Mitarbeitenden und die konsequente E2E-Sichtweise auf alle Prozesse kann ein Greenfield-Ansatz nicht erfolgreich sein.

Herr Gronert, welche Anforderungen haben Sie an die neue Cloud-Plattform?

Dirk Gronert: Sie soll der Concordia ermöglichen, sich auf das wertschöpfende Kerngeschäft als Versicherungsunternehmen zu fokussieren. Dafür nutzen wir Software-as-a-Service-Angebote der Softwarehersteller sowie Managed Services unserer Betriebspartner. Die Cloudplattform ist dafür die zentrale Komponente, die uns dies ermöglicht und gleichzeitig die Datenhoheit der Concordia sicherstellt. Sie muss dafür die Innovation im Fachbereich unterstützen, stabilen Betrieb sicherstellen, für uns beherrschbar, zukunftssicher und nicht zuletzt wirtschaftlich sein.

Herr Zehetmaier, welche technischen Herausforderungen müssen Sie lösen?

Dr. Jürgen Zehetmaier: Wir haben eine End-to-End-Plattform aufgebaut, die bestehende Produkte und Verträge migriert, neue Produkte integriert und parallel zum Altsystem läuft. Dazu gehören u. a. Front-End-Anwendungen, wie vertriebliche Antragsstrecken, betriebliche Sachbearbeitungs-Applikationen sowie komplexere Anwendungen wie Billing, inkl. Vermittler-Kontokorrent oder Workflow- und Business-Partner-Systeme. Die Plattform ist cloud- und API-fähig. Änderungen lassen sich effizient umsetzen und ermöglichen auch KI-Anwendungen anzubinden, die nicht ohnehin schon Bestandteil der Lösung sind.

Wie binden Sie die Mitarbeitenden in den Veränderungsprozess ein?

Dirk Gronert: Grundsätzlich sehr individuell. Die Intensität richtet sich nach der Betroffenheit und dem Zeitpunkt. Es ist zielführend, nicht zu früh und nicht zu spät zu sein und Informationsbedarf und Flughöhe der Information sind sehr unterschiedlich. Das ist entscheidend für die Akzeptanz und den schlussendlichen Projekterfolg. Wir haben natürlich die klassischen Kommunikationskanäle, wie Intranet und Veranstaltungen, nutzen aber auch informelle Wege: Im letzten Jahr haben wir etwa ein spezielles Botschafter*innen-Netzwerk gegründet, das persönliche Gesprächsmöglichkeiten zwischen Kolleginnen und Kollegen zum Beispiel auf dem Flur oder an der Kaffeemaschine nutzt.

Von großer Bedeutung ist auch die frühzeitige und intensive Einbindung der Vertriebspartnerinnen und Vertriebspartner. Das alles ist notwendig, denn bereits heute haben viele Mitarbeitende neue Fähigkeiten erlernt und neue Verantwortungsbereiche übernommen. Auch arbeiten bereits viele Mitarbeitende im Innendienst und alle Vertriebspartner unserer Ausschließlichkeitsorganisation mit Teilen der neuen Anwendungslandschaft … und es wird immer bedeutender für uns alle!

Dr. Jürgen Zehetmaier: Frühzeitige Einbindung aller Beteiligten ist essenziell. Technisch ist vieles lösbar, doch die größte Herausforderung liegt in der Organisation. Kommunikation und gemeinsame Priorisierung machen den Unterschied.

Welche Rolle spielte die partnerschaftliche Zusammenarbeit?

Dirk Gronert: Wir wollten einen Partner, der unsere Philosophie versteht und die Lösung gemeinsam mit uns weiterentwickelt.

Dr. Jürgen Zehetmaier: Offene Kommunikation, Lernkultur und gegenseitiges Vertrauen haben das Projekt erheblich beschleunigt. Wir agieren nicht als Auftragnehmer, sondern als nachhaltiger und langjähriger Partner auf Augenhöhe.

Die größte Herausforderung liegt im organisatorischen Bereich


Welche Erfolge sind bereits sichtbar?

Dirk Gronert: Im April 2025 ging das erste Release produktiv – inklusive zwei neuer Produkte. Prozesse liefen effizienter, die Datenqualität stieg, und Anpassungen konnten schneller umgesetzt werden. Das zeigt: Der eingeschlagene Weg ist richtig, auch wenn wir noch viel vor uns haben.

Dr. Jürgen Zehetmaier: Die Plattform läuft stabil, und die konsequente Ausrichtung an eine produktzentrierte Struktur erlaubt schnelle Anpassungen im Betrieb und garantiert die einfache Erweiterung und Optimierung in den kommenden Releases.

Welche Lehren können andere mittelständische Versicherer ziehen?

Dirk Gronert: Die Prinzipien – Cloud, Standardisierung, Greenfield – sind übertragbar, müssen aber an die jeweilige Organisation angepasst werden. Gleichzeitig ist es sinnvoll, sich im Sinne einer ganzheitlichen Business Transformation Zusammenarbeitsmodelle, Prozesse, Produkte und auch die organisatorische Aufstellung anzuschauen.

Dr. Jürgen Zehetmaier: Klare Ziele, Disziplin, Fokus und Partnerschaft sind entscheidend. Wer diese Voraussetzungen erfüllt, kann ähnliche Projekte erfolgreich umsetzen.

Welche Lehren ziehen Sie persönlich aus dem Projekt?

Dirk Gronert: Nicht zu lange warten. Entscheidungen, die heute unbequem sind, sparen langfristig Zeit, Geld und Ressourcen. Transformation gelingt nur mit einer lernbereiten Organisation, nicht allein durch Technologie. Natürlich birgt die Transformation Risiken und stellt eine hohe Belastung für uns dar. Mittelfristig nicht in die Zukunftsfähigkeit zu investieren, stellt unserer Meinung nach aber die Zukunftsfähigkeit langfristig in Frage.

Dr. Jürgen Zehetmaier: Die größte Herausforderung liegt im organisatorischen Bereich, nämlich in der rechtzeitigen und vollständigen Beschreibung der gewünschten Anforderungen. Oft ist dieses Wissen bei Versichern nicht mehr vorhanden. Daher begleiten wir unsere Kunden auch gerne mit unserer fachlichen Expertise, die wir über Jahrzehnte bei unseren Projekten und Einsätzen gesammelt haben.

Versicherungsbote: Wie geht es nun weiter mit der Anwendungslandschaft?

Dirk Gronert: In den kommenden Releases werden wir die Plattform vollständig ausbauen. Querschnittsysteme, wie Partnerverwaltung, In-/Exkasso und Arbeitssteuerung, sollen spartenübergreifend genutzt werden. Ziel ist ein digitalisierter, effizienter und skalierbarer Versicherungsbetrieb für die nächsten Generationen.

Dr. Jürgen Zehetmaier: Wir unterstützen den kontinuierlichen Ausbau und die Integration neuer Produkte, damit die Concordia ihre Digitalisierungs- und Automatisierungspotenziale, immer mehr auch mit KI, optimal nutzen kann. Die Plattform ist dafür von Anfang an cloudfähig und flexibel konzipiert.

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