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Alles ist endlich. Zeit ist endlich. Leben ist endlich. Ressourcen sind endlich. Der Raum, in dem wirtschaftliches und politisches Handeln stattfindet, ist endlich. Der Planet ist endlich. Diese Feststellung ist nicht banal und genau deshalb wurde sie über Jahrzehnte verdrängt. Denn aus ihr folgt eine Konsequenz, die weder politisch noch wirtschaftlich bequem ist: Wachstum ist endlich. Nicht nur konjunkturell, nicht nur zyklisch, sondern real, physikalisch und logisch. Unendliches Wachstum existiert nicht. Es kann lediglich dargestellt werden, in Bilanzen, Renditekurven, Prognosen. Visuell lässt sich Wachstum fortschreiben, real nicht.

Endlichkeit als Naturgesetz, warum unendliches Wachstum nicht existiert

Wachstum ist kein Naturgesetz, Endlichkeit hingegen schon. In einem geschlossenen System kann es keine unbegrenzte Ausdehnung geben. Jeder Zuwachs stößt irgendwann an Grenzen, räumlich, materiell, energetisch, sozial. Dass diese Grenzen lange ignoriert werden konnten, lag nicht an ihrer Abwesenheit, sondern an der zeitlichen Verzögerung ihrer Wirkung. Wachstum funktionierte so lange, wie neue Räume erschlossen, neue Märkte geöffnet, neue Schulden gemacht und neue Abhängigkeiten aufgebaut werden konnten. Doch all das ist endlich.

Auf staatlicher Ebene bedeutet Wachstum seit jeher territoriale Ausdehnung oder die Ausweitung von Einfluss. Da der Erdball begrenzt ist, kann Wachstum nur auf Kosten anderer stattfinden. Land entsteht nicht, es wird neu verteilt. Einfluss wächst nicht ins Leere, sondern verdrängt. Genau hierin liegt der Kern der aktuellen geopolitischen Spannungen. Wenn Großmächte wachsen wollen, obwohl der Raum begrenzt ist, bleibt nur Machtpolitik: Abschreckung, militärische Präsenz, wirtschaftlicher Druck, politische Konditionierung.

Geopolitische Macht und militärische Realität, wenn Wachstum durch Einfluss ersetzt wird

Die militärische Vormachtstellung der Vereinigte Staaten wird zunehmend mit wirtschaftlichen Bedingungen verknüpft. Sicherheitsgarantien werden nicht mehr selbstverständlich gewährt, sondern implizit oder explizit an Handelsfragen, Strafzölle und politische Gefolgschaft gekoppelt. Gleichzeitig verfolgt Russland territoriale Interessen offen militärisch, während China seinen Einfluss langfristig wirtschaftlich, technologisch und geopolitisch ausbaut. Das ist kein Zufall und keine Laune einzelner Akteure, sondern Ausdruck derselben Logik: Wenn Wachstum nicht mehr durch reale Wertschöpfung entsteht, wird es durch Macht ersetzt.

Europa hat diese Realität lange verdrängt. Verteidigung wurde ausgelagert, Sicherheit externalisiert, Stabilität als gegeben vorausgesetzt. Diese Phase endet. Die deutliche Erhöhung der Verteidigungsausgaben ist kein Ausdruck von Militarisierung, sondern ein verspätetes Aufräumen. Sicherheit lässt sich nicht unbegrenzt delegieren. Bündnisse sind endlich. Interessen sind endlich. Garantien sind endlich.

Parallel dazu sucht Europa nach neuen wirtschaftlichen Räumen. Der Mercosur-Vertrag, die verstärkte wirtschaftliche Öffnung in Richtung Mexiko und Indien sowie eine engere Kooperation mit Kanada sind keine Wachstumsfantasien, sondern Versuche der Risikostreuung. Alte Abhängigkeiten insbesondere im transatlantischen Verhältnis sollen reduziert werden. Diese Schritte sind rational, aber sie sind auch ein stilles Eingeständnis. Die bisherigen Wachstumsräume tragen nicht mehr zuverlässig.

Diese geopolitische Neuordnung wirkt unmittelbar auf Unternehmen, Kapitalmärkte und damit auf die Versicherungswirtschaft. Planbarkeit geht verloren. Produktionsstandorte werden politisch riskant. Lieferketten fragiler. Investitionsentscheidungen volatiler. Kapital reagiert nervöser. Risiken werden strukturell, nicht mehr nur statistisch. Modelle, die von dauerhafter Ruhe ausgehen, verlieren ihre Aussagekraft. Die Realität lässt sich nicht länger glätten.

Wachstum ohne Wertschöpfung, das strukturelle Versagen von Kapitalmärkten und Versicherern

Und genau hier liegt das Versagen der Finanz- und Versicherungswirtschaft. Über Jahre hinweg hat sie Wachstum mit Wertschöpfung gleichgesetzt oder zumindest nicht sauber voneinander getrennt. Wachstum misst Menge. Wertschöpfung misst Qualität, Stabilität, Nutzen und Dauer. Inflation kann Wachstum erzeugen, ohne einen einzigen zusätzlichen Wert zu schaffen. Übernahmen können Volumen erhöhen, ohne Systeme robuster zu machen. Größe kann Komplexität steigern, ohne Sicherheit zu liefern.

Rendite wurde dabei häufig dorthin verteilt, wo sie kurzfristig wirksam ist zu Investoren, Bonuslogiken, kapitalmarktorientierten Zielgrößen. Dort, wo Rendite nicht aus realer Wertschöpfung entsteht, entsteht Instabilität. Und wo Instabilität herrscht, wächst der Druck, Rendite und Vernunft gegeneinander auszuspielen. Genau das ist in vielen Teilen der Branche geschehen.

Der ruinöse Wettbewerb in gesättigten Märkten ist die logische Folge. Wachstum entsteht nicht mehr durch neue Nachfrage, sondern durch Verdrängung. Kleine Gesellschaften sind zu klein geworden, um allein zu bestehen. Große Gesellschaften sind zu groß geworden, um noch überschaubar zu sein. Konsolidierung ist häufig keine strategische Entscheidung mehr, sondern Notwehr. Volumen ersetzt keine Resilienz. Größe ist kein Schutzschild.

Ein weiteres Warnsignal kommt aus der Geldpolitik. Jahrzehntelang galt Japan als Sonderfall. Nullzinsen, expansive Geldpolitik, scheinbar unbegrenzte Liquidität. Diese Phase endet. Die Zinswende zeigt, dass selbst das letzte geldpolitische Ausnahmemodell an die Grenzen der Realität stößt. Nichts kommt von nichts. Kapital hat einen Preis. Zeit hat einen Preis. Stabilität hat einen Preis. Wer glaubt, man könne Risiken, Schulden und Instabilität dauerhaft monetarisieren, ignoriert Endlichkeit.

Stabilität vor Rendite, warum Umdenken keine Option mehr ist

Für die Versicherungswirtschaft bedeutet das eine grundlegende Verschiebung. Kapital wird künftig weniger für Wachstum und mehr für Sicherheit, Solvenz, Resilienz und Bewahrung benötigt. Rücklagen, Vereinfachung, Reduktion von Komplexität und klare Risikosteuerung gewinnen an Bedeutung. Wachstum wird zur Ausnahme, nicht zur Regel. Nicht aus Mangel an Ambition, sondern aus Vernunft.

Gleichzeitig darf die globale Dimension nicht ausgeblendet werden. Während in wohlhabenden Regionen über Marktanteile und Renditen gestritten wird, leiden in vielen Teilen der Welt Millionen Menschen an Hunger und struktureller Armut, insbesondere in Afrika. Wenn Wachstum überhaupt noch legitim sein soll, dann nicht als Renditemaschine, sondern als Aufbau realer Lebensfähigkeit. Hilfe zur Selbsthilfe, langfristige Investitionen, Aufbau von Strukturen statt kurzfristiger Ausbeutung. Auch das ist Wertschöpfung nur nicht sofort bilanzwirksam. Fluchtbewegungen von Millionen Menschen gilt es zu steuern, zu vermeiden, durch humanitäre Maßnahmen, politisch mutige Entscheidungen, eine Brücke zur Balance langfristig bieten

Imperialistische, kapitalistische und diktatorische Machtimpulse versuchen, diese Realität zu überdecken. Sie suggerieren, dass Dominanz produktiver sei als Kooperation. Langfristig ist das falsch. Kooperation schafft mehr Stabilität als Machtstreben. Ordnung mehr Sicherheit als Expansion. Wertschöpfung mehr Zukunft als Wachstum um jeden Preis.

Am Ende bleibt eine unbequeme, aber klare Erkenntnis. Unendliches Wachstum existiert nicht. Nicht wirtschaftlich, nicht territorial, nicht politisch. Wachstum ohne Wertschöpfung ist leer. Rendite ohne Vernunft ist gefährlich. Größe ohne Steuerbarkeit ist Risiko.

Für die Versicherungswirtschaft gilt daher. Umdenken ist keine Option mehr, sondern Pflicht. Nicht alles, was wächst, ist gut. Nicht alles, was Rendite bringt, ist sinnvoll. Und nicht alles, was möglich ist, sollte getan werden.

Alles ist endlich.
Werte entscheiden.
Und wer das ignoriert, scheitert nicht an den Märkten,
sondern an der Realität.

Abschlussnote

Vielleicht liegt das größte Missverständnis unserer Zeit darin, dass Wachstum mit Sinn verwechselt wurde. Dass Rendite als Maß für Erfolg galt, wo eigentlich Verantwortung gefragt gewesen wäre. Gier frisst kein Hirn, sie verengt den Blick. Sie macht kurzsichtig, nicht böse. Und genau darin liegt die Chance zur Korrektur. Wenn wir wieder lernen, Wert vor Volumen zu stellen, Maß vor Maximierung und Vernunft vor Eitelkeit, dann ist Umkehr möglich. Nicht aus Schuld, sondern aus Einsicht. Nicht gegen Wachstum, sondern für ein Wachstum, das dem Menschen dient und damit der gesamten Gesellschaft.