Der Mensch verhält sich auf diesem Planeten nicht wie ein verantwortlicher Steuermann, sondern wie ein temporärer Nutzer eines fremden Schiffes. Er betritt die Karavelle Erde, nutzt ihre Tragfähigkeit, ihre Systeme, ihre Stabilität und beginnt, sie so zu beanspruchen, als wäre sie ein Rohstofflager, kein fein austariertes Trägersystem. Die Erde jedoch ist kein Besitz, sondern eine Konstruktion, deren Zweck nicht Ausbeutung, sondern Erhaltung von Lebensfähigkeit ist. Wer diesen Zweck ignoriert, gefährdet nicht nur ökologische Zusammenhänge, sondern die Grundlage jeder wirtschaftlichen Aktivität einschließlich der Versicherung.

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Was diesen Vorgang besonders brisant macht, ist nicht allein die Zerstörung natürlicher Systeme. Es ist die Art, wie ihre Folgen inzwischen behandelt werden: als versicherbare Schäden. Damit verschiebt sich die Rolle der Versicherung von der Absicherung zufälliger Risiken hin zur Stabilisierung eines strukturell falschen Umgangs mit Natur. Klimaschäden sind längst keine Überraschungen mehr. Sie sind modelliert, prognostiziert, wissenschaftlich beschrieben und in ihren Ursachen eindeutig zuordenbar. Dennoch werden sie weiterhin versichert, rückversichert, kapitalmarktfähig gemacht als handele es sich um externe Naturereignisse und nicht um systemische Reaktionen auf menschliches Handeln.

Hier beginnt eine Perversion, die im Versicherungswesen selten offen benannt wird. Denn Versicherung war nie dafür gedacht, bewusst erzeugte, systemische Selbstschädigung abzufedern. Sie war ein Instrument zur kollektiven Bewältigung von Zufälligkeit. Wenn jedoch Schäden vorhersehbar, regelmäßig und kausal auf bekannte Eingriffe zurückzuführen sind, dann verliert ihre Versicherung ihren ursprünglichen Sinn. Sie wird zur ökonomischen Beruhigungspille. Was versichert ist, fühlt sich beherrschbar an. Was bepreist ist, scheint integriert. Genau darin liegt die Gefahr.

Besonders problematisch ist dabei die schleichende Umdeutung der Natur vom Träger zum Schadenverursacher. In Policen, Modellen und Schadenstatistiken erscheint die Natur zunehmend als Risikoquelle: Sturm, Flut, Dürre, Hitze. Diese Begriffe verschleiern jedoch die eigentliche Ursache. Die Natur verursacht keine Schäden , sie reagiert. Sie reagiert auf Flächenversiegelung, Emissionsakkumulation, Entwaldung, auf Eingriffe ohne Systemverständnis. Was versichert wird, sind keine Naturkatastrophen im klassischen Sinn, sondern Systemreaktionen auf Übernutzung. Versicherung verwandelt diese Reaktionen in kalkulierbare Ereignisse, und entlastet damit indirekt die Verursacher.

Spätestens dort, wo Klimarisiken über Rückversicherung und alternative Risikotransferinstrumente an den Kapitalmarkt weitergereicht werden, erreicht diese Logik eine neue Stufe. Schäden der Karavelle werden zu Renditebausteinen. Instabilität wird investierbar. Der Planet wird nicht geschützt, sondern monetarisiert, bis in seine Fragilität hinein. Das ist keine bewusste moralische Entscheidung einzelner Akteure, sondern das Ergebnis einer Systemlogik, die Preis mit Tragfähigkeit verwechselt.

Auch der vielbeschworene Fokus auf Prävention bleibt häufig rhetorisch. In Geschäftsmodellen ist Prävention ein Kostenfaktor. Sie senkt Schadenvolumina, reduziert Prämienpotenziale und verschiebt Erlöse in eine unattraktive Zukunft. So entsteht ein struktureller Zielkonflikt: Das System lebt von Schäden, die es absichert. Je häufiger sie eintreten, desto relevanter wird das Produkt. Versicherung wird damit nicht absichtlich, aber faktisch abhängig von der Fortexistenz dessen, was sie eigentlich begrenzen sollte.

Hinzu kommt die Illusion technischer Erlösung. Anpassungsmaßnahmen, Resilienzstrategien und Ingenieurlösungen suggerieren, man könne die Karavelle weiter beschädigen, solange man ihre Lecks effizient repariert. Doch Technik kann Symptome dämpfen, nicht physikalische Grenzen aufheben. Ein überhitztes Klimasystem bleibt überhitzt, auch wenn seine Schäden versichert sind. Versicherung ersetzt keine Ehrfurcht vor Systemgrenzen.

Dabei hätte gerade die Versicherungswirtschaft das Potenzial, ein gesellschaftliches Frühwarnsystem zu sein. Steigende Prämien, sinkende Deckungen, regionale Rückzüge könnten klare Signale senden. Doch diese Signale werden politisch abgefedert, sozialisiert, reguliert. Risiken werden umgelegt, nicht reduziert. Versicherung wird vom Warnsystem zum Schalldämpfer eines zerstörerischen Normalzustands.

Der unbequeme Kern dieser Entwicklung ist systemischer Natur. Es gibt Schäden, die nicht versichert werden dürfen, weil ihre Versicherung ihre Wiederholung legitimiert. Das ist kein moralischer Appell, sondern eine Frage der Selbsterhaltung. Auf einem Schiff würde niemand das systematische Zerstören tragender Strukturen versichern, solange die Fahrt andauert. Man würde es verbieten , aus Rationalität.

Die Versicherungswirtschaft steht damit an einer Grenze, die nicht versicherungstechnisch, sondern existenziell ist. Sie kann weiterhin versuchen, Klimaschäden zu bepreisen, zu verteilen und zu kapitalisieren. Oder sie kann beginnen, ihre eigentliche Macht zu nutzen. Die Definition dessen, was als versicherbar gilt. Nicht alles, was berechnet werden kann, darf ermöglicht werden. Und nicht alles, was sich versichern lässt, sollte versichert werden.

Die Karavelle Erde fliegt nicht wegen unserer Policen. Sie fliegt, solange ihre Struktur intakt bleibt. Versicherung hat eine Zukunft, aber nur, wenn sie erkennt, dass ihre wichtigste Aufgabe nicht die Absicherung der Zerstörung ist, sondern die Verteidigung des Nicht-Versicherbaren. Denn was nicht versichert werden kann, muss bewahrt werden.

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