IRRD: Neue EU-Richtlinie fordert Versicherer heraus
Die Versicherungsbranche steht vor großen regulatorischen Veränderungen. Mit der Insurance Recovery and Resolution Directive (IRRD) schafft die EU erstmals einen einheitlichen Rahmen für die Sanierung und Abwicklung von Versicherungsunternehmen – mit dem Ziel, Krisen geordnet zu managen und die Stabilität des europäischen Marktes zu sichern, erklärt Kasper Spierings, Regulierungsexperte bei cleversoft.

Für betroffende Unternehmen bedeutet das wachsenden Druck: Sie müssen neue Wiederherstellungs- und Abwicklungspläne aufsetzen, komplexe Reporting-Strukturen etablieren und ihr Daten- und Governance-Management deutlich professionalisieren. Gerade mittelgroße Anbieter stehen dabei vor der Herausforderung, regulatorische Vorgaben, bestehende Systeme und technische Anforderungen effizient miteinander zu verbinden.
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Nicht nur die technischen Aspekte wie Automatisierung und umfangreichere Arbeitsabläufe kommen auf die Versicherer zu, auch das Verständnis der regulatorischen Details ist grundlegend, um die erforderlichen Prozesse einleiten zu können. Gerade in diesem Überblick liegt derzeit für viele Versicherer die größte Schwachstelle.
Zeitplan und Umsetzung: 2028 ist nicht mehr weit entfernt
Die IRRD-Richtlinie befindet sich derzeit in der Phase der nationalen Umsetzung. Ab 2028 sollen die ersten Berichte eingereicht werden. Angesichts des Umfangs der Anforderungen sollten Versicherer ihre Vorbereitungen jedoch bereits jetzt starten.
Die Europäische Aufsichtsbehörde EIOPA arbeitet parallel an insgesamt 19 technischen Standards und Leitlinien (RTS/ITS), die Detailanforderungen an Daten, Meldewege und Inhalte festlegen werden. Der Zeitplan ist dabei eng getaktet: Die Standards werden nicht auf einen Schlag, sondern in mehreren Wellen (Batches) bis 2026 finalisiert. Versicherer sollten diese Konsultationsphasen nicht abwarten, sondern aktiv für Gap-Analysen nutzen. Wer erst 2027 mit der Implementierung beginnt, wenn alle Standards final in nationales Recht gegossen sind, läuft Gefahr bis zum Starttermin 2028 kaum die erforderliche Datenqualität zu erhalten.
Technische Umsetzung: Komplexität erfordert RegTech-Kompetenz
Die IRRD stellt in erster Linie eine regulatorische Herausforderung dar, da die regulatorischen technischen Standards (RTS) und die technischen Durchführungsstandards (ITS) in konkrete Verfahren und Prozesse für präventive Sanierungs- und Abwicklungspläne umgesetzt werden müssen.
Hinzu kommen noch die neuen technologischen Anforderungen: Sie verlangen detaillierte, konsistente und überprüfbare Daten. Der Aufwand lässt sich kaum manuell bewältigen. Versicherern bleibt daher nichts anderes übrig, als die Prozesse zu automatisieren und ihren Datenfluss zu harmonisieren.
Dabei ist es sinnvoll, die IRRD in Zusammenhang mit bestehenden Regulierungen wie Solvency II, DORA oder IFRS 17 zu betrachten. Da die IRRD-Meldungen – analog zu Solvency II – auf der XBRL-Taxonomie (Extensible Business Reporting Language) basieren, ist die Datenstruktur bei vielen Unternehmen bereits vorhanden. Viele der geforderten Datenpunkte liegen im Data Warehouse vor, müssen jedoch für die Sanierungsplanung neu geschnitten und mit den operativen Resilienz-Daten (DORA) verknüpft werden. Durch die Zusammenarbeit zwischen Risikomanagement (Solvency II), IT-Resilienz (DORA) und Krisenmanagement (IRRD) lassen sich Synergien ideal nutzen. Eine One-Stop-Shop-Lösung (OSS) für Regularien kann Unternehmen genau dabei unterstützen und hilft dabei, Zeit- und Kostenaufwand deutlich zu reduzieren.
Handlungsempfehlungen für Versicherer
Um die Anforderungen der IRRD rechtzeitig zu erfüllen, sollten Versicherer frühzeitig handeln. Konkret gilt es nun, präventive Sanierungspläne zu erstellen. Ab 2028 müssen diese dann alle zwei Jahre aktualisiert werden. Aus den Plänen gehen mögliche Stressszenarien hervor, die das Unternehmen gefährden könnten, sowie die vorhandenen möglichen Gegenmaßnahmen. Die Umsetzung dieser Sanierungspläne wird die Aufsichtsbehörden für einen Großteil des Marktes verlangen.
Darüber hinaus schreibt die IRRD einen jährlichen, stark durchstrukturierten Abwicklungsbericht auf der Grundlage von Quantitative Reporting Templates in der Extensible Business Reporting Language vor, der den Behörden die Grundlage für die Erstellung von Abwicklungsplänen liefert.
Fazit: Wer jetzt startet, gewinnt Zeit und Vertrauen
Die IRRD wird die regulatorische Landschaft der Versicherungsbranche nachhaltig verändern. Dabei transformiert sich die Sanierungsplanung von einer theoretischen Übung zu einem datengetriebenen Dauerprozess.
Versicherer, die frühzeitig mit der Umsetzung beginnen, können nicht nur Risiken minimieren, sondern auch Effizienzvorteile erzielen und ihre Governance-Strukturen stärken. Die aktuelle Phase der nationalen Umsetzung sollte nicht als Wartezeit verstanden werden. Unternehmen sollten ihre Datenmanagement-Systemen jetzt auf die kommenden Stressszenarien vorbereiten. Denn 2028 wird nicht diejenige Versicherung im Vorteil sein, die den besten Plan geschrieben hat, sondern diejenige, deren Dateninfrastruktur im Krisenfall auf Knopfdruck verlässliche Antworten liefert.
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