Vom Einhorn zum Klappergaul? Wer in den letzten Wochen die Geschehnisse um das einstige deutsche Vorzeige-Start-up Wefox verfolgt hat, dem konnte Angst und Bange werden. Gerüchte über eine Entlassungswelle waren der Anfang, es folgten Berichte über eine zu hohe Bewertung des Unternehmens und teils unrealistische Zusagen, die der einstige Firmengründer Julian Teicke Investoren gemacht haben soll - mindestens 25 Prozent Rendite pro Jahr seien ihnen zugesichert worden. Es folgten Gerüchte über eine mögliche Zerschlagung.

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Der Höhepunkt folgte vor wenigen Tagen, als der neue Firmenchef Mark Hartigan vor einer möglichen Insolvenz von Wefox gewarnt haben soll. Laut Sky soll Hartigan in einem Rundschreiben an die Aktionäre darauf hingewiesen haben, dass das Unternehmen aufgrund regulatorischer und finanzieller Herausforderungen bis zum Sommer zahlungsunfähig werden könnte, sollte der Verkauf verlustbringender Geschäftsbereiche scheitern.

Schwere Vorwürfe gegen den neuen Wefox-Chef

Vor allem letztgenannter Vorgang beschäftigt nun weiter die Medien in Großbritannien, dem Heimatland von Hartigan. Und die Schlagzeilen werden nicht freundlicher. Denn die britische „Mail on Sunday“ vermutet, dass Hartigan nicht im Interesse von Wefox handelt, sondern ein starkes Eigeninteresse verfolgt. Er versuche, Wefox an den führenden Londoner Versicherungsmakler Ardonagh zu verkaufen, zum Schleuderpreis. Die Gespräche für den Deal seien bereits weit fortgeschritten. Und auch ein hübsches Sümmchen soll für den Manager dabei abfallen, falls der Verkauf gelinge. Die Rede ist von einer Provision von 20 Millionen Euro.

Das britische Boulevardblatt beruft sich in seinem Bericht auf Investorenkreise. Viele hätten verärgert auf das Rundschreiben reagiert. Ein Wefox-Investor, der anonym bleiben wollte, sagte der Mail on Sunday, Hartigan habe „versucht, uns allen Angst einzujagen, damit wir glauben, dass das Unternehmen in Schwierigkeiten steckt, aber wir glauben ihm nicht.“ Ein anderer fügte hinzu: „Hartigan übt maximalen Druck auf die Investoren aus, damit sie seinem Plan zustimmen, das Unternehmen zu einem Schleuderpreis an Ardonagh zu verkaufen - und seinen Bonus [20 Millionen Pfund] zu kassieren“.

Gescheiterter Verkaufsversuch der früheren Liverpool Victoria

Die Sache hat eine Vorgeschichte. Im Jahr 2021 habe Hartigan versucht, den britischen Lebensversicherer LV, früher bekannt als Liverpool Victoria, an die US-amerikanische Investmentfirma Bain Capital zu verkaufen, berichtet „Mail on Sunday“. Es handelt sich um einen Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, der bereits auf eine 181jährige Geschichte zurückblicken kann und zu den größten Anbietern von Leben-Produkten in England zählt. Hartigan habe damals argumentiert, dass der Verkauf an die Private-Equity-Gesellschaft notwendig sei, um das Überleben des Lebensversicherers zu sichern. Und auch da habe ihm eine hohe Provision für den Verkauf winken sollen.

Doch der Verkauf scheiterte krachend: Die Mitglieder des Versicherers stimmten gegen seinen Plan und setzten den früheren Armee-Oberst vor die Tür. „Trotz dieser katastrophalen Episode verdiente Hartigan in seinen drei Jahren bei der Gegenseitigkeitsgesellschaft 3,5 Millionen Pfund, einschließlich eines goldenen Abschieds von 500.000 Pfund“, schreibt der Daily-Mail-Ableger, der in Großbritannien aufgrund seiner reißerischen Berichte aber ebenfalls nicht den besten Ruf genießt.

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Entsprechend ordne einer der Wefox-Investoren nun auch Hartigans Vorstoß bei dem Berliner Start-up ein, berichtet die „Mail on Sunday“. Er wird zitiert mit den Worten: „Das ist genau die Art von Panikmache, die er bei LV angewandt hat, als er versuchte, das Unternehmen billig an Bain Capital zu verkaufen“. Einige der Investoren würden bereits darüber diskutieren, wie sie gegen den Verkaufsplan ankämpfen und Hartigan absetzen können, heißt es weiter in dem Bericht.

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