In dem noch jungen, aber an Disruptionen nicht armen 21. Jahrhundert war die Weltfinanzkrise 2007/2008 in Kombination mit der Eurokrise ab 2010 einer der bedeutendsten Einschnitte. Wer es vergessen haben sollte: Seit Frühjahr 2007 ließ sich auf dem US-Markt für Hypothekenkredite mit geringer Bonität (Subprime) ein drastischer Anstieg von Zahlungsausfällen beobachten, der in der Folge zu erheblichen Neubewertungen von Krediten, Auflösungen von Kreditportfolios, Notfinanzierungen von Spezialinstituten bis hin zum Zusammenbruch von Banken führte. Da die Refinanzierung der US-Hypothekenkredite auf den inter­nationalen Finanzmärkten in Form von Kreditverbriefungen stattfand, erreichte die Subprime-Krise ab Mitte 2007 auch die internationalen Finanzmärkte und löste die bekannte weltweite Finanz- und Konjunkturkrise aus.

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Harald Sporleder ist Chief Investment Officer der Fondsboutique Lingohr & Partner Asset Management

Regulierung den Banken enge Ketten angelegt

Den Banken, allen voran den Investmentbanken, hat dies nicht gutgetan. Zum einen haben die Finanzinstitute viel Vertrauen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft eingebüßt – und verlorenes Vertrauen kostet bekanntlich Geld. Zum anderen hat die Regulierung den Banken enge Ketten angelegt. Das führte zu extremen Kosten in Verbindung mit hohen Strafzahlungen. Die Zentralbanken haben die Banken gezwungen, massiv Kapital aufzubauen (Kernkapitalquote oder „Tier 1 capital ratio“), um den Verpflichtungen gegenüber ihren Gläubigern (Geldanleger) jederzeit nachkommen zu können. Das war ein schmerzhafter Prozess, und zudem haben die Banken unter dem jahrelangen Niedrig- beziehungsweise Negativzins gelitten. Die ausbleibenden Zinserträge haben ein tiefes Loch in die Bilanzen gerissen, und eine zunehmende Zahl von FinTechs (also Anbietern digitaler Finanz- und Vermögensverwaltungsservices) zunächst erfolgreich attackiert und zumindest temporär Kunden gewonnen.

Viele Probleme der Vergangenheit liegen hinter den Banken

Diese toxische Kombination hat für mehr als zwölf Jahre Underperformance im Bankensektor gesorgt. Oder anders gesagt: Während sich Growth-Investoren mit Tesla, Apple und Co. die sprichwörtliche goldene Nase verdienen konnten, hatten Anleger mit Bankentiteln nicht allzu viel zu lachen. Das hat sich jetzt geändert, denn viele dieser Probleme liegen jetzt hinter den Banken. Es ist ein richtiges Durchatmen in der Branche zu spüren. Denn die Katalysatoren für den langlaufenden Abwärtstrend haben sich ins Gegenteil verkehrt. Der neue Zinstrend ist eine Wohltat für Sparer, aber auch für die Banken hinsichtlich der Zinsmarge. Dank steigender Zinsmargen waren die Geldhäuser zuletzt wieder so profitabel wie seit 2007 nicht mehr. Die durchschnittliche Eigenkapitalrendite in der Branche wird zwischen 11,5 und 12,5 Prozent liegen und damit so hoch sein wie seit 2007 nicht mehr. Ihre Erträge werden die Banken 2022 global um 345 Milliarden US-Dollar auf dann insgesamt 6,5 Billionen US-Dollar steigern. Das ist das zentrale Ergebnis einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey & Company. Auch die FinTechs haben wieder Marktanteile verloren: Sie kämpfen nun selbst ums Überleben und konnten nicht genügend Griff bei den Kunden aufbauen. Das hat die Stellung der Banken nochmals gestärkt.

Sektor für Value-Investoren interessant

Ein Blick in die Performance zeigt den Erfolg des Bankensektors, wie der MSCI World Banks Index darstellt. Er besteht aus mittelgroßen und großen Titeln aus 23 Industrieländern und hat von November 2022 bis Januar 2023 fast 17 Prozent zugelegt (MSCI World ca. 9,8 Prozent) und auf Sicht der vergangenen zwölf Monate mit 3,75 Prozent deutlich weniger verloren als der MSCI World mit sieben Prozent. Dazu kommt ein eklatanter Vorteil für Investoren, die in einer Welt mit Zinsen und Inflation planbare Ausschüttungen benötigen: Denn Banken bieten diese Ausschüttungen in Form von Dividenden, Sonderdividenden oder auch Aktienrückkäufen – und das aktuell bei attraktivem Gewinnwachstum bei vergleichsweise niedriger Bewertung. Das heißt: Bankentitel sind, im Verhältnis zu ihrem inneren Wert, noch günstig zu erwerben.

Das macht den Sektor für Value-Investoren interessant. Schließlich spielt die Bewertung zum Startpunkt einer Investition die wichtigste Rolle auf zukünftige Investment-Performance. Value-Investoren folgen nicht dem Herdentrieb an den Kapitalmärkten und wollen auf diese Weise langfristig in Qualitätsunternehmen investieren. Wir glauben, dass der Sektor noch mehr Luft hat für Outperformance, insbesondere wenn die US-Notenbank Fed weiter die Zinsen erhöht und das Thema Dividende seine Attraktivität erst richtig zeigt. Das erhöhte Zinsniveau wird sich nachhaltig über Jahre hinweg in den Bankbilanzen niederschlagen, aber es haben noch immer nur wenige Investoren Banken gekauft. Dabei kann ein Fokus auf Europa liegen, da hier eine Bewertungsdifferenz zu US-Banken besteht.

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Es braucht also ein Bewusstsein für die häufige, Euphorie-getriebene Entkopplung von Markteinschätzung und Realität, um potenziellen „Growth-Fallen“ zu entgehen. Empirisch zahlt es sich aus, günstige, moderat und nachhaltig wachsende Unternehmen zu kaufen. Beim Value Investing liegt der Fokus daher auf antizyklischem Verhalten. Anleger laufen dann nicht einem Trend permanent hinterher, weil sie wissen, dass eine überdurchschnittliche Performance langfristig wesentlich leichter zu erreichen ist, indem substanzstarke Aktien und Fondsanteile gekauft werden, wenn sie niedrig bewertet sind. Das gilt derzeit im Bankensektor.