Versicherungsbote: Sie bezeichnen sich selbst als „Assekuradeur der Zukunft“. Das klingt erst einmal sehr selbstbewusst, um nicht zu sagen: vollmundig. Was machen Sie denn anders als die etablierten Versicherer bzw. die digitale Konkurrenz?

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Bernd Knof: Victor zählt global gesehen schon heute zu den weltgrößten MGAs beziehungsweise Assekuradeuren. Insofern fußt unser Markteintritt auf langer und fundierter Erfahrung sowie Expertise, die wir nun nach Deutschland bringen. Gleichzeitig sind wir hier ein Start-Up, das ohne technologische und prozessuale Altlasten sein Geschäft aufnimmt und mit einer Technologie aus dem Jahr 2019 an den Start geht. Dies verbinden wir mit dem Aufbau eines Teams aus erfahrenen Produktmanagern, Underwritern und Claims-Händlern, die ihre Kenntnisse in innovative Produkte einbringen. Ob wir so dem Anspruch „Assekuradeur der Zukunft“ in fünf Jahren gerecht geworden sind, wird die Zeit zeigen – wir blicken allerdings positiv in die Zukunft.



In Deutschland betreiben Sie erst seit Anfang 2019 zwei Büros, Victor ist hierzulande noch recht unbekannt. Können Sie uns den Mutterkonzern kurz vorstellen? Auf welchen Märkten sind sie aktiv — und wie?

Victor ist die globale Marke und Säule der MMC Gruppe – der Marsh & McLennan Companies. Victor agiert heute bereits als Assekuradeur beziehungsweise MGA in den USA, in Kanada, in UK, den Niederlanden und Italien sowie seit Anfang des Jahres in Deutschland. Zum einen werden wir von Deutschland aus in Richtung Österreich und die Schweiz expandieren, zum anderen plant Victor International, neue Gesellschaften in Spanien, Frankreich, Australien, Asien und Dubai zu gründen.



Wieso wurden Sie auf dem deutschen Markt aktiv und wo versprechen Sie sich Wachstum? Gilt der deutsche Markt nicht bereits als gesättigt bzw. wo werden Ihre Schwerpunkte liegen?

Der deutsche Versicherungsmarkt ist einer der größten Versicherungsmärkte der Welt, mit zugegebenermaßen kleinen Wachstumsraten, was den Gesamtmarkt angeht. Ich bin jedoch überzeugt, dass wir – vor allem getrieben durch die Digitalisierung und das damit verbundene geänderte Kundenverhalten – erhebliche Marktanteilsverschiebungen sehen werden. Es werden mehr Zielgruppen-spezifische, gebündelte Produkte auf den Markt kommen, die sich durch das Sammeln und Auswerten relevanter Kunden- und Schadendaten schnell weiterentwickeln werden. Genau hier wird Victor in Deutschland ansetzen und – das ist meine Überzeugung – klar überdurchschnittlich wachsen. 



Wenn ich Ihre Webseite recht interpretiere, ist Victor sowohl Versicherer als auch Dienstleister für Versicherer. Sie bieten Underwriting, Cloud-basierte Technologie, Risikomanagement und Kapitalanlage an.

Victor ist ein Assekuradeur, der im gewerblichen und industriellen Schaden-/Unfallversicherungsmarkt aktiv ist. Dabei wollen wir anders als die meisten Assekuradeure alle wesentlichen Sparten bedienen. In dieser Rolle wollen wir unter eigenem Namen und für verschiedene Risikoträger Versicherungsprodukte zeichnen, administrieren und Schäden regulieren. Hierfür vereinbaren wir mit den Versicherern Underwriting-, Inkasso und Schadenregulierungs- sowie Regressvollmachten. Das bearbeiten wir wiederum mit modernster Technologie. Dabei werden wir den Versicherern so detaillierte Daten zur Verfügung stellen, wie sie es selbst auch tun, um den Anforderungen an ihren eigenen Risikomanagementprozess gerecht zu werden.

Das Thema Capital steht nicht für Kapitalanlage, sondern für die den alternativen Risikotransfer über den Kapitalmarkt, also die Verbriefung von Risiko. Dies ist in den anglo-amerikanischen Märkten deutlich weiter fortgeschritten als bei uns in Deutschland, und es wird sicherlich noch einige Zeit dauern, bis wir dies in Deutschland umsetzen werden. 



Kooperieren Sie bereits mit deutschen Versicherern oder Vertriebsorganisationen? Können Sie Beispiele für die Zusammenarbeit nennen?

Wir arbeiten in diesen Tagen an Produkten, Versicherervereinbarungen und Vertriebspartnerschaften. Da ich nicht unabgestimmt und im Vorgriff auf konkrete Veröffentlichungen agieren möchte, kann ich Ihnen hier „nur“ die Produkte nennen, die noch in diesem Jahr live gehen werden: Cyber, SME-Multiline, D&O, Transport, Reisegepäck und Elektronik. Weitere Produkte folgen zum Januar 2020. 



Sie entwickeln und vertreiben „Spezialversicherungen unter Einsatz innovativer Technologie“. Können Sie Beispiele für Ihre Produkte nennen? Wie kann man Technik einsetzen, um spezielle Zielgruppen zu bedienen?

Die oben genannten Produkte werden von uns über ein Vermittlerportal bereitgestellt, sodass hierüber Angebot sowie Antrag erfolgen und in unser Back-End übertragen werden, wo die Police erstellt, fakturiert, abgerechnet und Schäden sowie Regresse bearbeitet werden. Diese Informationen und die dazu gehörige Korrespondenz werden dann wiederum dem Vermittler im Portal bereitgestellt. Also ein vollständig digitaler Prozess, der den Aufwand für den Vermittler minimiert. 



Wie sieht aus Ihrer Sicht die Zukunft der Versicherungs- und Anlageberatung aus? Hat sie überhaupt eine? Beratungshäuser wie McKinsey prognostizieren ein baldiges Vermittlersterben, weil der Beruf auch von digitalen Sprachassistenten und KI erledigt werden könne. Dem entgegen sagen 90 Prozent der Verbraucher, sie präferieren persönliche Beratung. Ein Widerspruch?

Ich teile nicht die Sichtweise, dass Vermittlung und Beratung gänzlich durch Sprachassistenten und KI ersetzt werden. Die Thematik wird sich meines Erachtens deutlich differenzierter entwickeln. Eine Reiseversicherung werde ich am Flughafen per WhatsApp abschließen können, eine Hausratversicherung über Alexa, aber die D&O für Geschäftsführer, die Sach- und Haftpflichtdeckung für Unternehmen werden auch weiterhin einen menschlichen Berater erfordern, der erklärt und Vertrauen schafft. Denn Versicherungen bieten den Kunden Schutz und Sicherheit – und dieses subjektive Empfinden, das hier eine wichtige Rolle spielt, lässt sich nicht digitalisieren.

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Die Fragen stellte Mirko Wenig