Wer schon immer mal sein Vorurteil bestätigt finden wollte, dass es sich bei Feuilletonisten um zynische Besserwisser handelt, dem sei ein aktueller Kommentar von Ulrich Greiner auf Zeit Online empfohlen. Greiner, einst Chef im Literaturressort der „Zeit“, nimmt sich dabei einen angezählten Gegner zur Brust: Henning Mankell, der schwer erkrankt ist. Dem will der Greiner nun am Liebsten den Mund verbieten.

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Doch zur Vorgeschichte. Es war ein Schock für viele Krimi-Fans, als Erfolgsschriftsteller Henning Mankell, Verfasser der millionenfach verkauften Wallander-Romane, bekannt gab, er sei an Krebs erkrankt. Zu Beginn des Jahres habe er sich wegen Rückenschmerzen nach Stockholm begeben müssen. "Als ich zurück nach Göteborg fuhr, war es eine ernste Krebsdiagnose. Ich hatte einen Tumor im Nacken und außerdem einen Tumor in der linken Lunge", schreibt der Schriftsteller auf seiner Webseite. Auch in anderen Körperregionen könnten sich die Metastasen bereits ausgebreitet haben.

Streitpunkt: Zeitungskolumne über Krebs

Mankells Situation ist also ernst, sehr ernst sogar. Und es ist ungewiss, ob er die Krankheit überleben wird. Aber Mankell will sich dem Krebs nicht kampflos ergeben. „Sehr früh habe ich entschieden darüber zu schreiben“, berichtet der Autor. „Ich will genauso schreiben, wie es ist.“ Er wolle dies aus der Perspektive des Lebens tun, nicht des Todes. In Form einer Kolumne, die in Schweden in der Göteborgs-Posten, in Deutschland in der FAZ erscheinen wird.

Diese Kolumne ist wiederum Ulrich Greiner ein Dorn im Auge. Der Zeit-Literaturkritiker findet es keineswegs mutig, die eigene Krankheitserfahrung zu thematisieren. Weil andere Autoren es bereits vor Mankell getan haben. „Wir leben im Zeitalter der Bekenntnisse“, schreibt Greiner. „Bücher über den eigenen seelischen Zusammenbruch, über die Altersdemenz des Großvaters oder über das Dahinsterben der Mutter erfreuen sich großer Beliebtheit.“ Auch über Krebs sei schon geschrieben worden, etwa von Wolfgang Herrndorf und Christof Schlingensief. „Man sieht in solchen Zeugnissen einen Beweis von Mut. Das verstehe ich nicht. Etwas zu tun, was inzwischen ganze Regale füllt, erfordert keinen Mut“.

Wirklich schmutzig wird es, wenn Greiner über die Beweggründe für Mankells Kolumne spekuliert. Er unterstellt dem Autoren schlichtweg Narzissmus. Bekenntnisdrang. Indiskretion. Mankell sei einer, der die Leser mit seinen Krankheitsoffenbarungen „belästigt“, so steht es recht unverschlüsselt im Text. Deshalb scheut sich der Literaturkritiker auch nicht, den Schweden anzugreifen. „Man sollte diskret sterben“, mahnt Greiner.

Greiner fordert Tabuisierung persönlicher Krankheitserfahrung

Aber wie schlüssig ist Greiners Argumentation? Damit sie stimmig wird, bedarf es eines rhetorischen Kniffes: Greiner banalisiert die Krebserfahrung, all die Schmerzen und Todesängste, zur bloßen Befindlichkeit herunter. Zu etwas Alltäglichem, was keiner näheren Erwähnung wert ist. Etwas, das man besser für sich behalten sollte. „In der alten bürgerlichen Gesellschaft galt das ungeschriebene Gesetz, Nachbarn oder gar Fremde mit der eigenen Befindlichkeit zu verschonen“, schreibt der Feuilletonist. Früher war alles ein wenig diskreter.

Was das bedeutet, verdeutlicht der Literaturkritiker an einer Figur aus Thomas Manns Buddenbrooks. Christian Bruddenbrook hat nämlich die Unart, am Tisch alle Verwandten und Bekannten mit seinen Befindlichkeiten zu belästigen. Ihm fehle das persönliche Gleichgewicht, sagt dessen Bruder Thomas über ihn. Er sei einerseits nicht in der Lage, taktlosen Naivitäten anderer gegenüber die Fassung zu bewahren. Andererseits plaudere er selbst auf unangenehmste Weise Intimitäten aus. Ist das Schreiben über die eigene Krebserfahrung wirklich eine „taktlose Naivität“, wie Greiner dies hier behauptet? Ist die Kolumne in einer Tageszeitung mit dem Tischgespräch beim Mittagessen vergleichbar?

Greiner fordert hier allen Ernstes eine neuerliche Tabuisierung von Krankheit. Dass es keine Artikel geben möge, in denen Kranke und Geheilte mit Erfahrungsberichten zu Wort kommen. Keine Autobiographien zu dem Thema. Wer stirbt und siecht, der soll doch nicht die anderen damit belästigen. Der soll sich unsichtbar machen und ins Private zurückziehen. Der soll nicht von seinem Leid erzählen. Der soll einfach still vor sich hinsterben. „Mutig wäre es, diskret zu sein“ - der Literaturtheoretiker wiederholt seine Schlüsselthese mehrfach.

Wer dies weiter denkt, der begibt sich auf gefährliches Terrain. Sollen Rollstuhlfahrer zukünftig keine Erlebnisberichte mehr publizieren dürfen, wenn sie im Alltag auf Widerstände stoßen? Soll es keine Artikel mehr über das Leid junger Eltern geben, die ihr Kind verloren haben? Mit derartigen Themen an die Öffentlichkeit zu gehen, erfordert tatsächlich Mut. Weil es Grenzerfahrungen sind, die eben Leid, Schmerz und im schlimmsten Fall Diskriminierung bedeuten. Greiners Unterstellungen sind nicht nur absurd, sie könnten in einer bösartigen Lesart als Plädoyer für Ausgrenzung missverstanden werden. Auch wenn er dies mit seinem Kommentar nicht beabsichtigt haben mag.

Wer braucht überhaupt solche Berichte?

Eine weitere Behauptung muss Ulrich Greiner aufrecht erhalten, damit seine Argumentation nicht wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt. Nämlich dass derartige „Bekenntnisse“ keinen interessieren. Dass sie nicht in der Lage sind, anderen Krebspatienten tatsächlich Mut zu machen. Dass sie die Leser nicht bewegen und anrühren können. All diese Qualitäten spricht Greiner derartigen Texten ab.

„Mir scheint, die Menschen wissen, dass sie sterben müssen“, schreibt der Kritiker. „Das Leid und den Schmerz anderer ausgebreitet zu finden, erscheint mir als eine besonders aufdringliche Form des Narzissmus. Ich habe schon manches Sterben von Freunden und Verwandten erlebt, ich brauche solche Berichte nicht. Wer überhaupt braucht sie?“ Der unzulässige Kausalschluss des Literaturkritikers: Was einen Ulrich Greiner nicht interessiert, das kann den Rest der Menschheit auch kaum interessieren.

Aber ja: es gibt jene Menschen, die solche Berichte „brauchen“. Das zeigen unzählige Leserbriefe und Kommentare von Betroffenen, die nach derartigen „Bekenntnissen“ die Redaktionen und Verlage erreichen. Und das Interesse ist ungebrochen. Als etwa die amerikanische Psychologin Eleana Miller eine Kolumne über ihre Krebserkrankung in der Huffington Post veröffentlichte (Love is – Holy Shit, I have Cancer), hatte dieser innerhalb kurzer Zeit 185.000 Empfehlungen bei Facebook.

Die Kommentare auf der deutschen Seite der Huffington Post sprechen eine deutliche Sprache. „Du bist ein Vorbild. Für mich. Für alle die Krebs haben. Ich werde dir jeden Abend einen Gedanken widmen. Bleibe stark, du wirst leben!“, schreibt eine Leserin an Eleana Miller. Auch der Blog der 13jährigen Talia Castellano, die fünf Jahre gegen einen Krebs der Nervenzellen kämpfte und letztendlich der Krankheit erlag, hatte Millionen Besucher. Nachdem sie gestorben war, kondolierten viele Eltern, die ebenfalls ein Kind durch den Krebs verloren hatten.

Man kann das kitschig finden. Ja, man kann eine derartige Selbstentblößung auch kritisieren. Sie lädt zu Voyeurismus ein. Wer sich mit all seinen Gebrechen in der Öffentlichkeit offenbart, der macht sich angreifbar. Auch unter dem Artikel von Miller gibt es kritische Kommentare. Diesen Selbstdarstellungen aber eine Wirkung abzuerkennen, ist schlichtweg unseriös. Dass sie wirken, dafür gibt es unzählige Beispiele. Gerade ein Bestsellerautor wie Henning Mankell könnte vielen Lesern mit einem ähnlichen Schicksal Mut und Trost geben.

Ulrich Greiners fragwürdiges Literaturverständnis

Eine Form der schriftstellerischen Auseinandersetzung mit dem Krebs lässt Ulrich Greiner dann doch gelten. „Man sollte, wenn man es kann, Krankheit und Tod gedanklich durchdringen, wie es die seinerzeit an Krebs erkrankte Susan Sontag in ihrem Essay Krankheit als Metapher getan hat. Man sollte, wenn man es denn kann, den großen Todesromanen der Literaturgeschichte einen neuen hinzufügen. Oder lieber schweigen.“

Was Greiner hier einfordert, ist ein möglichst distanzierter Umgang des Autors mit seinem Leid. Der Wille zu Abstraktion oder Theoretisierung soll die Feder führen, nicht Schmerz und Verzweiflung der unmittelbaren Krankheitserfahrung. Dass Greiner ausgerechnet mit Susan Sontags Essay aus den 70er Jahren argumentiert, kann dabei nur ein Missverständnis sein. In Krankheit als Metapher hatte sich Sontag für einen offenen Umgang mit Krebs stark gemacht. Voller Genugtuung registrierte Sontag im Jahr 1988, rund zehn Jahre nach Erscheinen ihres Buches, einen Bewusstseinswandel: das Wort "Krebs" werde inzwischen "unbefangener ausgesprochen", in Todesanzeigen sei "nicht mehr verschämt von 'langer, schwerer Krankheit' die Rede." Man darf vermuten, dass Sontag Mankells Absicht zur Selbstauskunft begrüßt hätte.

Nicht einmal der Blick auf die Literaturgeschichte und ihre Rezeption lassen die Thesen von Ulrich Greiner plausibel erscheinen. Ja, wir leben in einem Zeitalter der Bekenntnisse. Aber wo beginnt es? Seien es die „Confessiones“ des heiligen Augustinus, „Les Confessions“ von Jean-Jacques Rousseau, die Tagebücher der Brigitte Reimann, die Theaterstücke einer Sarah Kane oder unzählige Briefwechsel, die Eingang in den Literaturkanon fanden: Das Bekenntnis hat in verschiedener Mittelbarkeit und Ausprägung seinen Platz in der Literaturhistorie. Da mag es kaum verwundern, dass auch Herrndorfs Krebstagebuch "Arbeit und Struktur" ein hoher literarischer Wert zugesprochen wird. Henning Mankell will über seine Krankheit in einer Zeitungskolumne berichten- es ist eine Form, die Abstraktion und Reflexion erlaubt.

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Man wundert sich ob dieses selbstgerechten Kommentars von Ulrich Greiner. Und man muss sich als Leser wohl fragen, ob der Text nicht selbst Ausdruck eines narzisstischen Selbstverständnisses ist. Die Thematisierung von Krankheit und Tod wird auch zukünftig ein wichtiges Thema bleiben: In all seinen Formen und Schattierungen. Ob als Zeitungstext oder als Roman. Es sind die großen Menschheitsfragen, die hier verhandelt werden: Warum leiden wir und warum müssen wir sterben? Und wie können wir damit umgehen?