Im März 2015 starteten die Verbraucherzentralen ihr Projekt „Marktwächter“. Seither beobachten die Verbraucherschützer den Finanzmarkt aus der Perspektive der Verbraucher. "Nach eineinhalb Jahren Marktwächtern für die digitale Welt und den Finanzmarkt gibt es tausende Beschwerden und Hinweise aus den Verbraucherzentralen zu bestimmten Produkten und Anbietern", sagte Klaus Müller, Chef des Bundesverbands Verbraucherzentrale (vzbv) im August.

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Inzwischen sind auch einige Probleme mit Versicherern aufgekommen. So monierten die Marktwächter beispielsweise, dass die Versicherer die Rückabwicklung von Verträgen, die zwischen 1995 und 2007 nach dem sogenannten Policenmodell abgeschlossen wurden, zulasten der Kunden behindern würden. Zuletzt wurden Inhalt und die Lesbarkeit der Jahresbriefe, die die Lebensversicherer ihren Kunden jedes Jahr zusenden, kritisiert. Zum Teil würden die Unternehmen bei ihrer Kundenpost sogar die Vorgaben des Gesetzgebers nicht einhalten, kritisierten die Verbraucherschützer.

Wollen Versicherer teure Altverträge loswerden?

Nun fragt der Marktwächter: "Wollen Versicherer teure Altverträge loswerden?" und startet einen Aufruf an Verbraucher. So wolle das Marktwächter-Team herausfinden, ob und welche weiteren Versicherer derartige Schreiben verschicken, heißt es in einer Pressemitteilung der vzbv.

Hintergrund ist der Vorwurf der Marktwächter, dass Renten- und Lebensversicherer anscheinend versuchen Kunden zum Abstossen von gut verzinsten Altverträgen bewegen zu wollen. So lägen dem Marktwächter-Team der Verbraucherzentrale Hamburg Hinweise vor, die den Anbieter Neue Leben Lebensversicherung AG betreffen. Dieser solle in einem Schreiben an eine Kundin die vorzeitige Beendigung des LV-Vertrags schmackhaft gemacht haben.

Anbieter wollen mit Schreiben teure Kunden loswerden

„Ihre persönliche Situation, Ihre Ziele sowie Ihre finanziellen Wünsche haben sich vielleicht während der Vertragslaufzeit geändert. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, sich Ihr Guthaben früher auszahlen zu lassen?“, heißt es in dem Schreiben das den Marktwächtern vorliegt. Direkt unter dem Anschreiben werde die Summe genannt, die die Verbraucherin bereits jetzt stornoabschlagsfrei erhalten könnte, wenn sie sich von ihrem Versicherungsvertrag trenne. Auch ein Formular für die Auszahlung habe der Anbieter gleich beigefügt und bezeichnete die Offerte als Serviceangebot.

„Renten- und Lebensversicherer scheinen Kunden loswerden zu wollen, die im Besitz von Altverträgen sind“, sagt Sandra Klug, Leiterin des für Versicherungen zuständigen Hamburger Marktwächter-Teams. „Verträge von privaten Lebens- oder Rentenversicherungen, die vor 2005 abgeschlossen wurden, sind für Verbraucher lukrativ. Sie werden steuerfrei ausgezahlt und haben zum Teil Renditen, die sich mit ähnlich sicheren Finanzprodukten heute nicht mehr erwirtschaften lassen“, so Klug weiter.

Kapitalbildende und fondsgebundene Lebensversicherungen betroffen

Das Marktwächter-Team sieht im Vorgehen des Versicherers eigennützige Motive. „Verträge aus dieser Zeit haben einen sehr hohen Rechnungszins von vier Prozent, der auf die Sparanteile der Versicherung gezahlt wird. Da die Vertriebs- und Abschlusskosten für die Police bereits von den Beiträgen der ersten Jahre abgezogen wurden, haben die Verträge eine Rendite, die sich mit ähnlich sicheren Finanzprodukten heute nicht mehr erwirtschaften lässt.“, so Klug. "Wir nehmen an, der Anbieter will mit Schreiben wie diesem teure Kunden loswerden. Das Interesse an der persönlichen Lebenssituation ihrer Versicherten scheint uns vorgeschoben“, erklärt die Leiterin des Marktwächter-Teams,

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Während die Verbraucherschützer eine ganze Branche unter Generalverdacht stellen, bestätigt die Talanx-Tochter auf Nachfrage die Versendung derartiger Schreiben. So seien 2016 rund 30.000 dieser Schreiben an Kunden versendet worden. Dabei handele es sich um Kunden mit klassischen kapitalbildenden Verträgen oder fondsgebundenen Verträgen, die überwiegend vor 2005 abgeschlossen wurden und nach zwölf Jahren Laufzeit steuerfrei ausgezahlt werden können, heißt es in der Pressemitteilung weiter.