Versicherungsbote: Die VPV Versicherungen gelten als Traditionsunternehmen. 1827 als Versicherung für Postbeamte gegründet, haben Sie heutzutage viele Tätigkeitsfelder, berufen sich auf die lange Tradition und werben als „modernes Unternehmen“. Worin fühlen Sie sich in Ihrer Tradition verpflichtet? Und wie traditionell darf eigentlich ein Versicherer in Zeiten der Digitalisierung sein?

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Ulrich Gauß: Die VPV folgt seit 190 Jahren den Grundsätzen Partnerschaft und Gegenseitigkeit. Diese Werte haben in Zeiten der Digitalisierung weiterhin eine hohe, wenn nicht sogar wachsende Bedeutung. Bei allen technischen und prozessualen Veränderungen dürfen wir den Menschen nicht vergessen, der in dem neuen Umfeld arbeitet. Daher sind bei uns die internen Veränderungsvorhaben Organisationsentwicklung und Digitalisierung stark miteinander verzahnt.

Ein Schwerpunkt der VPV liegt bei den Lebensversicherungen. Nun ächzen viele Lebensversicherer unter dem Niedrigzins. Ihr Unternehmen aber meldet gute Solvenzquoten. Was ist das Rezept des Unternehmens gegen den Niedrigzins?

Wir haben uns bereits 2008 entschieden, unseren Fokus auf fondsgebundene Rentenversicherungen zu legen. Mit der Power-Rente, unserem ersten dynamischen Hybridprodukt, sind wir gestartet. 2017 haben wir unser Angebot mit der Freiheits-Rente erweitert. Darin vereinen wir über leicht abgesenkte Garantien den Kundenwunsch nach attraktiven Renditechancen bei gleichzeitig hoher Sicherheit. Diesen Weg wollen wir auch zukünftig weiter gehen.

Die Generali und andere Versicherer haben hochverzinste Leben-Altbestände in den Run-off geschickt und an externe Versicherer verkauft. Wäre das auch für die VPV eine Option - oder schließen Sie dies aktuell aus?

Wir können uns nicht vorstellen, unseren Bestand an klassischen Lebensversicherungen zu verkaufen.

Als Unternehmen, das sich auf seine 190-jährige Tradition beruft, stehen Sie vor einem schwierigen Spagat. So betonen Sie die Wichtigkeit einer „Beratung von Mensch zu Mensch“ und setzen auf den Innen- und Außendienst. Andererseits können Sie sich der Digitalisierung nicht verschließen und automatisieren zum Beispiel mit einer „Sales Cloud“ Vertriebsprozesse. Müssen Mitarbeiter im Vertrieb und Service befürchten, durch intelligente Technik verdrängt zu werden?

Wir stehen zu unseren Mitarbeitern. Aber natürlich können wir uns auch den Einflüssen und Veränderungen der Digitalisierung nicht verschließen, sondern wollen sie für uns nutzen. Daher beschäftigen sich unsere Mitarbeiter über alle Hierarchieebenen derzeit intensiv mit der Frage, wie ihre Aufgaben zukünftig aussehen und wie die Prozesse sowie die Art der Zusammenarbeit gestaltet sein sollten. Dieses interne Change-Projekt läuft bei uns unter dem Titel Organisationsentwicklung.

Wie schätzen Sie die Bedeutung künstlicher Intelligenz für die Versicherungsbranche ein? Wo nutzt die VPV selbst derartige Techniken, etwa auch mit Blick auf die Schadenabwicklung?

Künstliche Intelligenz wird sich zunehmend in unserer Branche wiederfinden. Wir stehen derzeit noch am Anfang. Dies ist aber ein Bestandteil der Überlegungen in der Organisationsentwicklung. An welchen Stellen könnten wir künstliche Intelligenz sinnvoll einsetzen, um anderen Stellen wieder freie Kapazitäten für neue Vorhaben zu erhalten.

Daran anknüpfend: Mehrere größere Versicherer haben ganz frisch ehrgeizige Umbauprogramme für ihren Konzern angekündigt, teils mit harten Konsequenzen für die Mitarbeiter. Bauen Sie auch um? Wo sehen Sie die VPV in drei oder fünf Jahren?

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Auch wir beschäftigen uns mit den Einflüssen der Marktgegebenheiten auf unser Unternehmen. Allerdings nicht durch ein Umbauprogramm, sondern durch eine interne Organisationsentwicklung. Gerade die Demografie mit den altersbedingten Abgängen in den kommenden Jahren und dem zunehmenden Fachkräftemangel stellen uns vor Herausforderungen. Wir wollen daher zum einen unsere Mitarbeiter qualifizieren, sich auf die neuen Anforderungen einzustellen. Zum anderen ist es wichtig, als Unternehmen für neue Fachkräfte attraktiv zu sein.