Es mag Zufall sein, aber in meiner Beratungspraxis häufen sich die Fälle, in denen Millennials – die um die Jahrtausendwende geboren sind – verstärkt auf ihren beruflichen Alltag und ihr Leben reflektieren. Private Probleme, Schlaflosigkeit, nicht mehr zu bewältigender Stress oder sogar Zeichen von Burnout erfassen immer mehr die Gedanken, die sich spiralförmig bei den Betroffenen verstärken. Die Aufgabe des eigenen Unternehmens und die Suche nach Alternativen sind die Folge.

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Keine einfache Suche nach Ursachen

Die Generation der Millennials - besonders unter den Versicherungsmaklern - ist vielfach durch Ehrgeiz, Perfektionismus, Innovationsfreude und dem Drang nach schnellem Erfolg geprägt. Über Jahrzehnte etablierte Abläufe in Maklerunternehmen müssen neu gestaltet werden. Auf gewohnte Routinen der Vorbesitzer oder Eltern will und kann man nicht mehr zurückgreifen. Allein die Möglichkeiten der Digitalisierung haben viele Geschäftsabläufe komplett verändert und die andauernde Pandemie hat die Veränderungsprozesse beschleunigt.

Der daraus entstehende Druck wird durch dauerhaft höheren Basisdruck der medialen Überreizung, extrem gestiegener Serviceerwartungen und veränderter Kommunikationsformen mit Kunden, Freunden und in der Familie verstärkt. Die Betroffenen stellen sich im Gefühl des Ausgebrannt-Seins die Frage nach den Ursachen. „Ich arbeite doch die ganze Zeit und schaffe dennoch nicht das, was ich will. Sind die Erwartungen an mich zu hoch? Hat sich in meinem Alter alles noch verstärkt?“

In der Folge steigen Ungeduld und Konflikte in der Familie, in der Firma und auch mit Kunden. Die Gefahr des Zusammenbruchs durch Überarbeitung und Stress steigt. Und die Sehnsucht nach Veränderung wird selbst bei erfolgreichen prämierten Jungmakler in der Aussage deutlich: Ich sehne mich nach der 3-Tage Woche.

Detaillösungen helfen nicht weiter

Die Suche nach Lösungen beginnt: Was machen ich falsch? Wie kann ich mehr Zeit für mich gewinnen? Muss ich mehr Aufgaben delegieren? Brauche ich mehr Mitarbeiter? Muss ich einen Timer für meine Anwesenheit in sozialen Medien einführen?

Der @AssekuranzDoc

Dr. Peter Schmidt ist Experte Personenversicherungen und Unternehmensberater im Bereich Versicherungen, Vertriebe und Makler mit langjähriger Erfahrung als Führungskraft und Vorstand bei deutschen Versicherern und twittert als @AssekuranzDoc.

Jeder mögliche Lösungsweg, der mit den aufgeführten Fragen zusammenhängt, greift, allein für sich, zu kurz. Natürlich kann man sich den Tag besser organisieren, wenn man beispielsweise einen Timer für die Zeit bei Instagram, Facebook oder anderen sozialen Medien schaltet, um sich hier nicht zu verlieren.

Doch beginnen sollte man mit grundsätzlichen Fragen: Was sind meine Ziele? Wie will ich diese erreichen? Welchen Zeitaufwand will ich investieren?

Die Überforderung oder, anders formuliert, die Identitätskrise, ist häufig der Endpunkt von früheren Fehlentwicklungen als Unternehmer und Führungskraft. Handwerkszeuge wie die Fähigkeit zur Delegation, der Koordination oder Kooperation fehlen und bauen sich immer stärker zu einer Komplexitätskrise aus, aus der der Unternehmer oder die Unternehmerin keinen Ausweg mehr sieht.

Greifen wir ein Beispiel auf: Nicht wenige Makler der Millennium-Generation führen das Unternehmen eines Elternteils weiter. Wie bei früheren Generationen wird erwartet, dass es der nächsten Generation besser gehen soll. Der Erfolg der Vorjahre „muss“ nicht nur wiederholt, sondern noch gesteigert werden. Die Methoden und Mittel bleiben oft gleich, passen aber nicht mehr in die Zeit.

Diese Erwartungshaltung an ständiges Wachstum blendet aus, dass fortschreitende Deregulierung der Wirtschaft, die stärkere Regulierung des Finanzsektors in der EU, die anhaltende Finanzkrise sowie die fortschreitende Digitalisierung viel Stabilitätsfaktoren der Vergangenheit angegriffen haben. Auch die Aussichten der Demografie in Deutschland, zur Entwicklung des Mittelstandes und der zukünftigen Altersversorgung hinterlassen ihre Spuren bei dieser Generation.

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Der höhere Anspruch, perfekt zu sein, braucht eine tragfähige Basis, die sich aus den selbst definierten Zielen ergibt. Eine Maklerin, die in zweiter Generation den umfassenden Kunden- und Vertragsbestand des Vaters mit mehreren tausend Verträgen betreut, braucht wohl eher weniger Social-Media-Präsenz mit dem adäquaten Zeitaufwand auf Instagram, Facebook oder LinkedIn als ein Jungmakler mit Orientierung auf neue Online-Kunden, für den die gesamte Einkommensquelle darin besteht, selbst online zu performen und zu vermitteln.

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