Achim Kassow, Vorstandschef der Ergo Deutschland. Foto: Pressefoto ErgoAchim Kassow, Vorstandschef der Ergo Deutschland, hat in einem Interview mit dem Handelsblatt einen möglichen Verkauf der Tochterfirmen Ergo Leben und Victoria verteidigt. Unter anderem hatte die Neue Assekuranz Gewerkschaft (NAG) der Ergo vorgeworfen, dass sie damit der Versicherungsbranche schade, weil sie langjährige Kundenbeziehungen „wie einen klapprigen Gebrauchtwagen“ an „Hedgefonds und chinesische Investoren verramschen“ wolle. 5.000 Mitarbeiter des Versicherers haben eine Petition gegen die Verkaufspläne unterzeichnet (der Versicherungsbote berichtete).

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„Setzen keine Kundenbeziehungen aufs Spiel“

Doch Kassow wies die Vorwürfe nun zurück. Er betonte, dass der mögliche Verkauf der Lebensversicherer nur eine von mehreren Optionen sei und man die Interessen der Kunden berücksichtigen wolle. Die Ergo prüfe auch, die rund 6 Millionen Verträge mit einer eigenen Abwicklungsgesellschaft zu betreuen.

"Mir begegnet bei der Diskussion immer ein grundsätzlicher Vorwurf: Wir können doch unsere langfristigen Kundenbeziehungen nicht für einen schnellen Deal aufs Spiel setzen. Das tun wir auch nicht", sagte Kassow. Die Ergo werde bei einem möglichen Verkauf Wert darauf legen, „dass ein Interessent eine nachhaltige und langfristige Perspektive bieten kann“.

Dabei bestätigte Kassow indirekt auch, dass die Ergo einen möglichen Imageschaden fürchtet. „Wir sind ein international agierendes Unternehmen mit Sitz in Deutschland und müssen unsere Reputation im Blick behalten“, sagte der Manager. „Wir haben deshalb ein ureigenes Interesse daran, dass wir – wenn es einen Eigentümerwechsel geben sollte – dies mit respektierten Partnern machen“.

Neue Marktsituation

Kassow ging auch darauf ein, weshalb man einen Verkauf der Leben-Töchter nun prüfe – nachdem man ihn lange Zeit ausgeschlossen hatte. So habe es früher keine Run-off-Versicherer gegeben, die groß genug gewesen seien, die Bestände zu übernehmen: immerhin geht es um sechs Millionen Verträge. Mehrere Versicherer haben sich darauf spezialisiert, Lebensversicherungen aufzukaufen, die ohne Neugeschäft abgewickelt werden sollen: in Deutschland etwa die Heidelberger Leben.

Vor zwölf oder achtzehn Monaten sei ein Verkauf keine konkrete Option gewesen, sagte der Vorstandschef konkret, weil die Versicherer, die „kein Neugeschäft zeichnen, sondern Bestände bestmöglich verwalten“, damals noch zu klein gewesen seien. Auch habe zu wenig Geld zur Verfügung gestanden. „Das hat sich geändert. Der Markt ist in Bewegung geraten. Wir sehen, dass deutlich mehr Kapital in den Sektor fließt“, so Kassow. Der Run-off-Markt ist aufgrund des Niedrigzinses in den letzten Jahren stark angewachsen. Nach Schätzungen des Rating-Hauses Fitch befindet sich in Deutschland bereits ein Vertragsvolumen von 90 Milliarden Euro in der Abwicklung.

Die Entscheidung, klassische Leben-Verträge vom übrigen Geschäft zu trennen, sei hierbei im Rahmen des Strategieprogramms gefallen. „Dieses Geschäft bindet viel Kapital, das anderswo möglicherweise gewinnbringender eingesetzt werden könnte“, so Kassow. „Für uns geht es darum, die Ergo gut aufzustellen.“

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Die Prüfung, ob die Policen tatsächlich verkauft werden, werde „bis mindestens Ende November“ dauern. Es gebe auch bereits viele Interessenten, berichtet Kassow weiter, wollte aber keine konkreten Namen nennen.

Handelsblatt