Wenn in der kommenden Woche das neue Schuljahr in Baden-Württemberg beginnt, wird erstmals in den Lehrplänen das neue Fach „Wirtschaft“ flächendeckend verankert sein. Abwählen können die Schüler das Fach dann nicht mehr, denn es ist verpflichtend. Darauf weist in einer aktuellen Pressemeldung der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hin. Das Fach sei ein Novum in der Bildungspolitik. „Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland, in dem ein so konzipiertes Fach an allen weiterführenden allgemein bildenden Schularten unterrichtet wird“, sagt Susanne Eisenmann (CDU), die Kultusministerin des Landes.

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Korrekt wird das neue Fach „Wirtschaft/ Berufs- und Studienorientierung“ heißen. Schüler der Real-, Werkreal- und Gemeinschaftsschulen sollen es künftig von der 7. bis zur 10. Klasse lernen – fünf Stunden pro Woche. Der volle Umfang wird aber erst ab dem kommenden Schuljahr umgesetzt. Ein Jahr später folgen dann auch die Gymnasien: die angehenden Abiturienten sollen von der 8. bis zur 10. Stufe drei Stunden pro Woche Wirtschaftsunterricht bekommen. Ziel sei es, dass „junge Menschen die grundlegenden wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht nur erkennen und verstehen, sondern auch kritisch hinterfragen können“, sagt Eisenmann.

GDV: „Wichtiger Schritt für mehr Verbraucherschutz“

Der GDV ist von der Initiative begeistert. Ein verpflichtendes Schulfach Wirtschaft sei ein „wichtiger Schritt für mehr Verbraucherschutz“, kommentiert der Verband in der Pressemeldung. GDV-Präsident Alexander Erdland erklärt: „Es muss uns gelingen, den Schülern frühzeitig ein wirtschaftliches Grundverständnis zu vermitteln.“ Denn nur wer gut informiert sei, könne seine Eigenverantwortung etwa für die Altersvorsorge erkennen und auch handeln. „Wirksamer Verbraucherschutz fängt mit einer guten Finanzbildung an“, sagt Erdland.

Die fehlende Finanzbildung der Schüler sorgte bereits mehrfach für Schlagzeilen. So fragte im Jahr 2010 das Bundesverbraucherschutzministerium nach wirtschaftlichen Grundkenntnissen von Zehntklässlern. Erschreckend: ungefähr die Hälfte der Befragten wusste nicht, was ein Girokonto ist. Für Aufsehen sorgte auch der Tweet einer Schülerin Anfang des Jahres 2015 beim Kurznachrichtendienst Twitter. „Bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse (sic!) schreiben. In 4 Sprachen“, schrieb die angehende Abiturientin. Der Tweet sorgte für Debatten, wie lebensfern die Schulbildung ist.

Zu starker Einfluss der Wirtschaftslobby?

Aber es gibt auch kritische Stimmen. Eine treibende Kraft hinter den Bestrebungen in Baden-Württemberg war die private Stiftung des Medienunternehmers Dieter von Holtzbrinck, wie Spiegel Online zu berichten weiß. Der Stiftungszweck: "Maßnahmen zur Stärkung der Betriebswirtschaft im Rahmen der Schulausbildung". Auch Wirtschaftsverbände haben die Einführung des Studienfachs begleitet.

Ist also zu befürchten, dass im Unterricht einseitig Arbeitgeber-Interessen vermittelt werden? Gar das Ideal eines Homo Oeconomicus gelehrt wird, der einseitig auf Selbstoptimierung und Konkurrenzdenken fixiert ist? Eine Professur zur Evaluierung des neuen Unterrichtsfaches wurde an der Uni Tübingen eingerichtet, finanziert wird sie direkt von der Holtzbrinck-Stiftung. Das "Handelsblatt", welches zur Holtzbrinck-Gruppe gehört, stellt Unterrichtsmaterial bereit.

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Doro Moritz, die Vorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW in Baden-Württemberg, spricht von einer "perfekten Lobbyarbeit". In der Broschüre der Holtzbrinck-Stiftung wird auch prompt eine 17jährige Schülerin vorgestellt, die über die "Nachteile des gesetzlichen Mindestlohns" referieren will. Die Landesregierung sieht keine Interessenskonflikte. Die konkrete Ausgestaltung des Fachs erfolge "allein nach pädagogischen Maßstäben durch das Landesinstitut für Schulentwicklung", zitiert Spiegel Online aus einer Stellungnahme zum Einfluss der Lobby. Die Direktorin des Landesinstituts wiederum sitze im Beirat der Holtzbrinck-Stiftung. Was genau im Unterricht gelehrt werden soll, könnte noch für Kontroversen sorgen.