Wenn Kinderhilfsvereine benutzt werden, um Anleger und Spender mutmaßlich um ihr Erspartes zu betrügen, dann ist das besonders verwerflich. Das Gründungsdokument des Vereins "Color for Kids" verweist auf den guten Zweck. Gelder sollten gesammelt werden für arme, hilfsbedürftige oder behinderte Kinder sowie ihre Familien im Bundesland Bayern.

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Tatsächlich aber, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft München I, habe man den Verein benutzt, um von Anlegern Gelder zu bekommen, um diese Gelder anschließend in einem „Schneeballsystem“ abzuzweigen. Aber nicht für Kinder, sondern am Ende der Kanäle standen Betrüger, die von insgesamt 116 Anlegern circa zwei Millionen Euro erhalten hatten. Diese Betrüger wurden längst verurteilt. Nun aber geht es vor Gericht um den Vorstand des Hilfsvereins.

Das eingesammelte Geld investierte der Vorstand in eine Wirtschaftsberatungsgesellschaft, die zwar ihren Sitz in Bayern hatte, aber zugleich Briefkastenadressen in Panama und Hongkong unterhielt, so berichete jüngst die "Süddeutsche" zum Fall.

Kinderhilfsverein oder gewerbs- und bandmäßiger Betrug?

Der Vorstand des Kinderhilfsvereins besteht aus vier Männern zwischen 49 und 58 Jahren, die, so lautet die Anklage, von den Machenschaften im Hintergrund durchaus gewusst haben sollen. An neunundsiebzig Fällen des gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs hätten sie eine aktive Beteiligung an den Tag gelegt. Zunächst wurde dazu der einstige Vorsitzende des Vereins von der Staatsanwaltschaft befragt. Der Mann, der den Beruf des Versicherungskaufmanns gelernt hatte, wies aber den Vorwurf zurück und unterstrich, der Verein sei wirklich mit der genannten guten Absicht gegründet worden.

Und auch ein Beispiel gab es, das zeigte, dass Teile des Geldes wirklich etwas Gutes bewirkten: in einem Kinderkrankenhaus entstand eine Küche, finanziert durch den Kinderhilfsverein. Aber am Ende fehlte dem Verein doch eine gewaltige Summe an eingesammeltem Kapital. Das sei aber nicht die Schuld des Vorstandes, so der Angeklagte. "Wenn etwas schiefgelaufen ist, waren wir auch Opfer".

Durch das Schneeballsystem habe der Verein zweihunderttausend Euro verloren, so der Angeklagte. Das Schneeball-System funktionierte am Anfang gut und am Ende wurde es sittenwidrig. Das Prinzip war das eines Schenkkreises, der, so der Angeklagte, " hat mich fasziniert".

Schenkkreis wurde illegal

Der Beschuldigte selbst hatte zunächst 35.000 Euro eingenommen. Denn jeder neue Teilnehmer schenkt, wenn er den Kreis betritt, 5000 Euro an die Mitglieder, die schon drin sind. Jeder neue Teilnehmer zieht außerdem zwei neue Teilnehmer mit hinein und so ist dann immer mehr Geld im Spiel. Das ist das Prinzip des Schenkkreises. Gehen irgendwann aber die Teilnehmer aus, haben die letzten neuen Teilnehmer allerdings einen ziemlich schlechten Deal gemacht: es müssen immer neue Schenker hinzukommen, damit das System funktioniert.

Deshalb ist so etwas auch verboten, so hat der Bundesgerichtshof (BGH) 2005 entschieden. Das Problem ist nun, dass die Mitglieder des Münchner Schenkkreises den Verein für Kinder gegründet hatten. Angeblich, so der Angeklagte, um mit dem Gewinn etwas für einen guten Zweck zu tun. So habe jeder 5000 Euro gespendet, "da war ich stolz drauf", sagte der gelernte Versicherungskaufmann.

Mitgliederdarlehen als neue Strategie

Doch nach dem 2005 erfolgten Schenkkreis-Verbot wurde es schwierig. Es gab keine Einnahmen mehr. Auch die Gemeinnützigkeit wurde der Verein im Jahr 2006 aberkannt, aufgrund der Schenkkreisgeschichte. Dann ersannen die Mitglieder des Vereins, so die Anklage, offenbar eine neue Strategie. Sie begannen, Mitgliederdarlehen zu vergeben.

Was hier an Kapital zusammenkam, investierte der Vorstand dann über eine zwischengeschaltete Finanz-Vertriebsfirma an eine Wirtschaftsberatungsgesellschaft, mit Sitz in Bayern. Aber nicht nur mit Sitz in Bayern, die Firma unterhielt auch Briefkastenfirmen in Panama und Hongkong. Diese Firma versprach also ihren Anlegern pro Quartal eine Rendite von achtzehn Prozent, das fanden die Mitglieder des Kinderhilfsvereins offenbar gar nicht so übel.

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Ziel erneut verfehlt

Das Ziel war, mit diesen Renditen die Lücken zu verfüllen, die sich nach dem Verbot des Schenkkreises ab 2006 aufgetan hatten. Aber auch hier arbeitete das investierte Geld nicht so, wie es der Verein beabsichtigt hatte. Die Investition war irgendwo in den Briefkastenfirmen versickert. Das gute Projekt ist also trotz aller vielleicht wirklich gut gemeinten Versuche wirklich nicht geglückt. Der Prozess gegen die Vorstände dauert an.

http://www.sueddeutsche.de/muenchen/zwei-millionen-euro-schaden-prozent-rendite-im-quartal-und-eine-gute-tat-inklusive-1.3103650