Gefährlich sieht Gesundheitsexperte Karl Lauterbach nicht gerade aus. Die hagere Gestalt, hohe Stirn und eine Nickelbrille lassen ihn äußerlich eher als Klischeebild eines Geistesmenschen erscheinen. Doch dem dualen Gesundheitssystem will der begeisterte Kampfsportler langfristig den K.O.-Stoß versetzen. In einem Interview mit der B.Z. am Sonntag warb Lauterbach am Wochenende erneut für die Einführung der Bürgerversicherung.

„In eine Bürgerversicherung zahlen alle ein, auch Beamte und Selbstständige, und zwar unabhängig vom Einkommen“, antwortete Lauterbach auf die Frage, warum die SPD eine Bürgerversicherung wolle. Für die gesetzlich Versicherten habe dies den Vorteil, dass es keine Patienten zweiter Klasse mehr gebe, weil die Honorare für Ärzte und Kliniken angeglichen würden. Doch auch die Privatversicherten könnten davon profitieren, denn sie seien zukünftig vor Beitragsexplosionen in der PKV geschützt.

Beitragsbemessungsgrenze will SPD für Bürgerversicherung nicht antasten

Im Gespräch mit BZ-Korrespondentin Ulrike Ruppel konkretisierte Lauterbach die Pläne der SPD im Falle eines Wahlsieges. So sollen die Beitragsbemessungsgrenzen unangetastet bleiben. Auch müssten sich die gesetzlich Krankenversicherten nicht auf Mehrbelastungen einstellen – zumindest, wenn die Berechnungen des SPD-Experten zutreffen. „Die Beiträge selbst würden sogar sinken, weil mehr junge Gutverdiener hinzukämen und weil wir den Steueranteil erhöhen wollen“, sagte Lauterbach. Die notwendigen Mehraufwendungen will die SPD aus der Anhebung der Kapitalertragssteuer finanzieren.

Als großes Wahlkampfthema der SPD kündigte Lauterbach die Pflege an. „900.000 Menschen arbeiten in diesem Bereich. 2,5 Millionen Menschen sind pflegebedürftig, 5 Millionen Menschen davon betroffen.“ Lauterbach kritisierte die Pflegereform der schwarz-gelben Koalition, denn die fünf Euro Pflege-Bahr würden nicht ausreichen, um allen Betroffenen zu helfen. „Damit können Sie nach 30 Jahren gerade mal zwei Monate Pflege bezahlen. Wichtig ist daher, dass wir die Kosten senken.“

Wie aber will Karl Lauterbach langfristig Einsparnisse in der Pflege erreichen? Auch hierfür nannte der SPD-Politiker Beispiele. Weniger Geld solle für sinnlose und teure Medikamente ausgegeben werden. Eine bessere Behandlung von Depressionen und Bluthochdruck soll zudem Demenzerkrankungen im Alter vorbeugen. Auch von alternativen Betreuungsformen erhofft sich Lauterbach Erleichterungen, etwa von Pflege-WGs, bei denen Angehörige gemeinsam für Pflegepatienten sorgen.

5 Milliarden Euro Mehrbelastungen in der Pflege

Dass eine Pflegereform nach Vorstellung der SPD zunächst aber mehr Geld verschlingen wird, hatte Karl Lauterbach bereits in einem anderen Interview angekündigt. 5 Milliarden Euro koste es, die Lage der Pflegebedürftigen, ihrer Angehörigen und des Pflegepersonals deutlich zu verbessern, sagte er im Gespräch mit schwäbische.de. Hierfür will die SPD den Pflegeversicherungsbeitrag im Fall eines Wahlsieges um 0,5 Prozentpunkte anheben.

Von diesen Mehrkosten sollen auch die pflegenden Angehörigen profitieren. Ein Pool aus professionellen Pflegekräften könnte etwa Unterstützung leisten, wenn Angehörige aufgrund von Krankheit oder Urlaub nicht für die Pflegebedürftigen da sein können. Lauterbach schlägt auch eine Arbeitsplatz-Rückkehrgarantie nach erfolgter Pflegeleistung vor. Ebenfalls dürften keine Rentenansprüche durch die Pflege verloren gehen, so der SPD-Politiker.

Bei allen politischen Fragen hatte Lauterbach im Interview mit der B.Z. noch Zeit, über seine Leidenschaft für die asiatische Kampftechnik Wing Tsun zu reden. „Wing Tsun ist eine südchinesische Selbstverteidigungskunst, bei der es darum geht, Angriffe zu parieren und im Nahkampf zu bestehen“, erklärte der Gesundheitsexperte. Diese Fähigkeiten würden ihm auch im Politbetrieb weiterhelfen – hier gehe es gleichfalls darum, sich von einem Treffer nicht beeindrucken zu lassen, wieder aufzustehen und Haltung einzunehmen.

Dem deutschen Gesundheitssystem bescheinigte Lauterbach hingegen weniger Fitness. Dieses sei wie ein Spitzenathlet mit Bauchfett nach schwarz-gelber Verletzungspause, stimmte sich der SPD-Politiker verbal auf den kommenden Bundestagswahlkampf ein. Seine Nehmerqualitäten wird der 50jährige im Wahlkampf brauchen. Laut dem aktuellen ZDF-"Politbarometer" vom Freitag verlor die SPD zwei Prozentpunkte und tümpelt derzeit bei 26 Prozent Zustimmung herum. Dies ist das schlechteste Ergebnis für die Sozialdemokraten seit zwei Jahren.

B.Z. am Sonntag